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Bärtiges Idol mit scharfem Verstand – England feiert Darwins Genie

London Der wunderbare Schock kommt zum Krabbencocktail: Den späten Gästen des Londoner Museums für Naturgeschichte, die abends entspannt unter einem Dinosaurierskelett dinieren, bleiben die Brotstücke fast im Hals stecken, als sie eine kleine Gestalt im schwarzen Hut erblicken.

Der Rauschebart, die Knollennase, das altmodische Gewand – das ist doch... Einen merkwürdigen Vogel in einem Rollstuhl vor sich her schiebend, kämpft sich Charles Darwin durch die Menschenmenge im Museum und verrät den Neugierigen das Geheimnis seines Welterfolgs: „Ich mag die Experimente der Deppen, Verehrtester. Ich mache sie oft selbst“.

Der Vater der Evolutionstheorie , von den Biologen des 21. Jahrhunderts wiederbelebt: Dieser Traum ist zu schön, um wahr zu sein. Doch auch wenn die Knollennase und der Bart falsch sind, finden die Besucher des viktorianischen Wissenstempels in South Kensington im Saal nebenan den echten Darwin: alte Tagebücher, Knochenfunde von der „Beagle“-Reise, den Sessel, in dem das epochale Werk „Über die Entstehung der Arten“ geschrieben wurde. Schließlich seine Finken im Glaskasten. Es ist ein faszinierender Einblick in die Denkfabrik eines Genies.

Ein Mädchen starrt die Vogelleichen an: „Mami, wer war Darwin?“ Stirnrunzeln. Gar nicht so leicht, eine umfassende Antwort auf diese Frage zu geben. Ein aufmerksamer Beobachter mit scharfem Verstand? Ein ungläubiger Prophet der Wissenschaft? Ganz sicher aber ein Bilderbuch-Engländer mit den typisch viktorianischen Leidenschaften: Reisen, Sammeln und die Welt erforschen zum Ruhm des „Empire“. Die Kolonialmacht ist untergegangen, doch Darwins Lehre regiert weiter die Welt. Ein guter Grund für die die stolzen Briten, um den 200. Geburtstag ihres Landsmanns würdig zu begehen. Mit Feiern, Vorträgen, Lesungen, Konzerten und Festivals startet das Königreich am 12. Februar in das Jubiläumsjahr des großen Gelehrten, der die Vorstellungen der Menschen von ihrem Platz in der Welt für immer verändert hat.

Der wissende Großvaterblick des bärtigen Mannes mit den klugen Augen lässt den Direktor des Zoologischen Museums von Cambridge verträumt lächeln. „Ich hoffe, dass ich den Tag erleben kann, an dem wir den genetischen Code des Lebens auf dem Mars entschlüsselt haben“, sagt Professor Michael Akam, während er zum Darwin-Bild an der Wand hinaufschaut. „Alles auf der Erde lässt sich mit seinen Ideen erklären, und selbst im All müsste das Leben seinen Evolutionsregeln folgen“. Der Entwicklungsgenetiker Akam hat in seinem Museum die präparierten Fische Darwins und dessen Käfersammlung ausgestellt. Akam ist einer der Organisatoren des großen Darwin-Festivals, mit dem die alte Universität im Sommer ihren berühmten Absolventen feiern will.

Der junge Naturforscher hatte drei Jahre in Cambridge verbracht, ehe er 1831 auf der „Beagle“ in See stach. Das Studium war angeblich die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen. Zu Darwins 200. Geburtstag hat das Christ’s College sein ehemaliges Zimmer restauriert. Die Stadt will zu seinen Ehren eine Bronzefigur einweihen und sie hat klassische Jubiläums-Musikstücke in Auftrag gegeben. In Gesprächen mit Wissenschaftlern in Cambridge merkt man schnell, dass dieser Darwin-Rummel auf echter Bewunderung gründet. „Ich habe die ,Entstehung der Arten’ erstmals vor 30 Jahren gelesen. Alles, was seither in der Wissenschaft geschah, war in diesem Werk vorhergesagt worden“, sagt die Paläontologin Jennifer Clack. „Das darwinistische Denken durchdringt das gesamte intellektuelle Leben unseres Landes“, urteilt Michael Akam.

Als gefeierter Popstar der Wissenschaft ist Darwin Englands Antwort auf Albert Einstein. Sein markantes Gesicht auf der Zehn-Pfund-Banknote dürfte jedes Kind kennen. Aber wie gut kennen die Engländer ihren Propheten der Evolution wirklich? „Er ist eine Ikone, um die sich heute unzählige Mythen ranken“, bedauert der Historiker John van Wyhe. Um den Menschen die Augen auf den wahren Darwin zu eröffnen, hat Professor van Wyhe 2002 damit begonnen, dessen Arbeiten ins Internet zu stellen: 16 Bücher und mehr als 20 000 Manuskripte, Artikel, Briefe und Notizen. „Das meiste davon war früher in Fachbibliotheken versteckt. Heute kann sich jeder selbst seinen Darwin auf den Schreibtisch holen“, sagt van Wyhe. 17 Millionen Mal wurde bislang „darwin-online.org.uk“ angeklickt. Der Nutzen sei groß, glaubt der Professor: „So sind die Wikipedia-Artikel über Darwin viel fundierter geworden“.

Van Wyhe hatte die Renovierung von Darwins Studentenzimmer geleitet, er rechnet mit einem Ansturm von Besuchern in Cambridge. Auch woanders in England dürften Darwin-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Die Stadt Shrewsbury, wo der Gelehrte 1809 zur Welt kam, veranstaltet eine Geburtstagsparty am 12. Februar. Die Westminster-Abtei, wo er 1882 begraben wurde, lockt die Besucher mit Jubiläumsdebatten. Die größte Darwin-Ausstellung der Welt ist gerade in London zu sehen. „Wir haben viele Gegenstände aus dem Familienbesitz zusammengetragen“, sagt der Mitarbeiter des Naturgeschichtemuseums, Dr. Johannes Vogel. Als Ehemann von Darwins Ur-Ur-Urenkelin Sarah und als Wissenschaftler sieht es der deutsche Botaniker als seine wichtigste Aufgabe, die Biodiversität zu erforschen. Darwin bleibe sehr wichtig, sagt der Riesenschnurrbartträger. „Viele unserer Probleme, sei es der Artenschwund oder der Klimawandel, haben evolutionsbiologische Hintergründe“.

Das Darwin-Fieber, es ist im Down House noch nicht zu spüren. Er hatte als 33-Jähriger nach seiner Reise mit der „Beagle“ das geräumige Anwesen in Kent gekauft, um seiner Familie ein komfortables Leben im ländlichen Idyll zu ermöglichen. Darwin war 73, als er hier mit den Worten „ich habe keine Angst vor dem Tod“ starb. „Leider können wir sein Schlafzimmer nicht rekonstruieren, weil wir nicht wissen, wie es aussah“, sagt Jenny Cousins von der Organisation English Heritage. „Dafür wird bald Darwins Büro, wo er die Evolutionstheorie schrieb, im alten Glanz erstrahlen“.

Kurz vor der Neueröffnung des Museums ist das alte Haus noch von Bohr- und Klopfgeräuschen erfüllt. Ruhe findet man im Garten, den der Evolutionsforscher als sein „Freiluft-Labor“ genutzt hat. Im grünen Gewächshaus experimentierte Darwin mit Orchideen, er studierte Regenwürmer in einem Erdloch und er drehte täglich fünf Runden auf seinem berühmten „Denkpfad“, um sich auf seine Theorie zu konzentrieren. „30 000 Menschen wandern hier jedes Jahr auf Darwins Spuren“, sagt Jenny Cousins. Wie viele haben sich wohl von dem neugierigen Geist des großen Engländers zu eigenen Gedankenblitzen inspirieren lassen?

In etwa 20 Jahren könnte sein Werk vollendet werden. „Wenn wir die genetischen Informationen aller Organismen besitzen, werden wir Darwins Stammbaum-Modell der Beziehungen zwischen sämtlichen Pflanzen und Tieren auf der Erde zu Ende zeichnen“, sagt Professor Michael Akam in Cambridge. Und dann? Selbst wenn alle Rätsel des Lebens gelöst seien, würden die Menschen sich noch in 1000 Jahren an Darwin erinnern, ist der Botaniker Johannes Vogel überzeugt.

Info: Charles Darwin war 22, als er mit der „Beagle“ zu einer fünf Jahre langen Weltumsegelung aufbrach, die ihm viele wertvollen Beobachtungen für seine Evolutionslehre geliefert hat. Der große Gelehrte brauchte aber mehr als 20 Jahre nach seiner Reise, um die berühmte Theorie zu veröffentlichen. Warum? Das bleibt ein Rätsel. Manche Historiker glauben, dass Darwin die unvermeidliche Kontroverse mit seinen gottesgläubigen Kollegen gescheut hatte. Andere sind jedoch davon überzeugt, dass er wegen des riesigen Arbeitsumfangs nicht früher mit dem monumentalen Werk fertig werden konnte.

Alexei Makartsev

RZO