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Rotkäppchen in etwas anderem Licht

Mainz Einem Märchen der Brüder Grimm hat sich der Mainzer Comic-Zeichner Mart Klein in besonderer Weise angenommen: Rotkäppchen war gar kein braves Mädchen.

Rotkäppchen ist eine Dirne, Herr Wolf entpuppt sich als Lüstling mit kannibalischen Neigungen, und die Großmutter verdient ihr Geld als Domina. "Mein Professor war davon nicht begeistert", gibt Mart Klein zu. "Er sagte: ,Wie erkläre ich das meinen Kollegen?"

Was Albrecht Rissler, Professor für Zeichnen und Illustration an der Fachhochschule Mainz, erklären musste, war die Diplomarbeit seines Schülers: eine drastisch ins Bild gesetzte Fassung vom "Rotkäppchen". Wer diesen Comic liest, bekommt einen ganz neuen Zugang zum Märchen der Brüder Grimm. Das allerdings liegt laut Klein ausschließlich am Stoff selbst, bei dem er Wort für Wort geblieben ist.

Im Arbeitszimmer seiner Kasteler Wohnung, das er sich mit seiner ehemaligen Mitstudentin Miriam Migliazzi und den Ratten Pan und Baxter teilt, erzählt der Designer, wie naheliegend seine Auslegung ist: ",Rotkäppchen" soll vor sexuellem Missbrauch warnen. Auf diese Idee bin ich nicht als Erster gekommen."

Gut, das Märchen fängt an mit: "Es war einmal eine kleine süße Dirne..." Das ließe sich aber noch mit antiquiertem Wortschatz entschuldigen. Aber wie ist es mit dieser Frage des Wolfs an Rotkäppchen: "Was trägst du unter der Schürze?" In Kleins Bilderwelt hebt Herr Wolf, ein langhaariger Schmierlappen in Lederjacke, den Rock und stellt fest: Sie trägt nichts - er sieht alles. So geht Klein mit dem gesamten Märchen um: Omas Haus im Wald ist ein Bordell, in jedem Fenster läuft ein anderes Sexspielchen. Und schon bevor Herr Wolf aufgeschnitten daliegt, spritzt gewaltig Blut über die Seiten.

Da dies Kleins Diplomarbeit ist, hat er für den Professor alles haarklein begründet. Er suchte Quellen heraus, die seine Interpretation stützen. So enthält die erste schriftliche Fassung des Märchens von Charles Perrault aus dem Jahr 1693 recht zweideutige Passagen. In seiner "Moral" schreibt der Franzose: "Ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben."

Doch zurück zu Mart Klein. Ihn trieb nicht nur das Märchen zur Diplomarbeit, eine andere Leidenschaft spielte auch noch mit. 1983 in Eisenach geboren, bekam Klein schon früh den ersten Comic in die Hände: "Spiderman". Das prägte. "Ich mag Superhelden-Comics, mit diesem franko-belgischen Kram kann ich nicht viel anfangen." So quillt denn auch das Regal in seinem Flur über vor Heften um Batman und Co. "Ich habe auch vorm Studium gezeichnet, aber nicht so, dass man es in einen brauchbaren Rahmen bringen konnte." Also ging er nach Mainz und zu Rissler, der bis 2007 an der FH lehrte. Der Professor galt als eine der ersten Adressen in Sachen Illustration. Offensichtlich entstand ein brauchbarer Rahmen. Klein zeichnet für so unterschiedliche Auftraggeber wie das Satiremagazin "Mad" und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sein Traum bleibt jedoch, in Amerika Superhelden zu zeichnen.

Um seine Diplomarbeit unter die Leute zu bringen - aber auch, um anderen Grafikern eine Plattform zu bieten - gründete er mit Migliazzi und dem Medienmanager David Gutsche den Unfug-Verlag. Als erstes Buch wird "Rotkäppchen" am 9. Mai in einer Auflage von 999 Stück erscheinen. "Wir grübeln noch über den Preis", sagt Gutsche. Das wirtschaftliche Ziel: "Wir wollen die Kosten wieder reinbekommen." Auf jeden Fall soll "Rotkäppchen" für unter 20 Euro zu haben sein.

Das ist es aber mindestens wert: Unzählige feine Tuschestriche lassen die Dirne und das übrige Personal sehr plastisch hervortreten. Die Seiten sind in Schwarz-Weiß gehalten, nur einige Tupfer Rot finden sich, die Klein sehr wirksam einsetzt: für rote Strähnen in Rotkäppchens Haar oder für Blutspritzer. "Das ist auch eine Hommage an Frank Millers ,Sin City"", sagt Klein, und nennt damit ein großes amerikanisches Comic-Talent und dessen Vorzeige-Werk.

In Kleins "Rotkäppchen" findet sich bis in kleinste Details viel schwarzer Humor - aber eben auch viel, was in Richtung Pornografie weist. "Ich bin ein Gegner jeder Zensur", meint der Grafiker dazu. "Und es ist doch in der Geschichte so angelegt."

Eventuell will das Verlagstrio den Comic auch über Erotik-Läden vertreiben, doch da gehört er wohl kaum hin. Denn es geht hier nicht um sexuell ansprechende Darstellungen, vielmehr präsentiert Klein Bilder voller Witz und Grauen. Davon abgesehen ist die Qualität seines "Rotkäppchens" so hoch, dass es eher in den Kunsthandel gehört, auch wenn der Designer selbst beim Begriff "Kunst" abwinkt: "Kunst ist Kitsch, weil sie eigentlich nur den Künstler berührt oder was angeht." Klein aber will etwas vermitteln. Ob ihm allerdings alle für diese sehr eigene Vermittlung dankbar sein werden, bleibt abzuwarten.

"Wir schauen einfach mal, wie es läuft. Ich hätte schon Lust auf eine Fortsetzung." Klein zeigt einen Entwurf zu "Schneeweißchen und Rosenrot". Auch die beiden sind keine unschuldigen Mädchen mehr. (Gerd Blase)

Ab Samstag, 9. Mai, ist "Rotkäppchen" im Internet unter www.unfug-verlag.de zu bestellen. Am selben Tag steigt im DGB-Keller die Release Party. Auf der Mainzer Minipressen-Messe, 21. bis 24. Mai, ist "Rotkäppchen" ebenso dabei wie beim Literaturfestival Mainz, 22. bis 24. Mai. Dort gibt es eine Lesung mit Beamer am Samstag, 23. Mai, 23.10 Uhr, DGB-Keller.

RZO