Kinder finden Ruhe im Snoezelen-Raum
Mainz - Der Kontrast könnte größer kaum sein. Inmitten der trostlosen Mainzer Obdachlosensiedlung "Zwerchallee" liegt eine Oase der Ruhe: ein Snoezelen-Raum, in dem sozial benachteiligte Kinder entspannen und sich selbst erfahren können.
Die Sozialpädagogin Doris Pfeiffer-Meierer vom Mainzer Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland" arbeitet hier mit einem individuell auf jedes Kind zugeschnittenen Konzept. Es gebe nur wenige Regeln, fast alles sei erlaubt, erklärt sie. Wer schreien will, schreit, wer toben will, tobt. Aggressive Kinder kommen plötzlich zur Ruhe, schüchterne reden auf einmal wie ein Wasserfall.
"Snoezelen" kommt aus den Niederlanden , wird "snuseln" ausgesprochen und entstand ursprünglich für Menschen mit geistigen Behinderungen, lasse sich aber auch auf andere Bereiche übertragen, sagt Pfeiffer-Meierer. Der Snoezelen-Raum in der Zwerchallee ist reizarm in weiß gehalten, auf dem Boden eine Polsterlandschaft, an der Wand eine beleuchtete Wassersäule. In jeder Stunde können die Kinder entscheiden, womit sie sich dieses Mal beschäftigen wollen. Sternenteppich, Discokugel oder Farbenrad erzeugen innerhalb von Sekunden eine magische Lichtstimmung.
"Der Raum ist ein Zeichen von Wertschätzung und Respekt gegenüber den Kindern", sagt der Vereinsgründer Prof. Gerhard Trabert. "Ich bin was und ich kann was", dies seien die Botschaften, die hier vermittelt würden. Auf diese Weise helfe der Ort den Kindern bei der Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts.
Seit sechs Jahren arbeitet Pfeiffer-Meierer im Snoezelen-Raum mit Kindern aus der Zwerchallee. Die aus fünf Mehrfamilienhäusern bestehende Siedlung soll im Sommer geschlossen werden, sagt sie. Der ansässige Kindergarten stehe bereits leer, weshalb sie nun ausschließlich mit Hortkindern arbeite. Zur Zeit werde nach einer neuen Unterbringung für den Snoezelen-Raum gesucht.
Auf der "ästhetischen Insel" könnten die Kinder für eine Weile ihrem Alltag entfliehen, der von den Sorgen der häufig arbeitslosen und überschuldeten Eltern geprägt sei. Manche wollten einfach nur Ruhe, die in den engen Wohnräumen zu Hause meist fehle. "Für die Kinder ist es ein Ort, an dem sie sich ganzheitlich erleben können, wo sie endlich einmal Platz haben", beschreibt Pfeiffer-Meierer den Snoezelen-Raum.
Auf die ungewohnte Umgebung reagieren die Kinder individuell sehr unterschiedlich. Ein Junge sitzt einfach nur da und will Musik von Tokio Hotel hören, ein Mädchen steht zunächst minutenlang vor einem lebensgroßen Spiegel, nimmt sich vielleicht zum ersten Mal wirklich wahr, erzählt die Sozialpädagogin. Die Fähigkeiten der Kinder, die zu ihr in den Snoezelen-Raum kämen, seien aufgrund ihrer schwierigen Lebenslage häufig nicht altersgemäß entwickelt und müssten gefördert werden.
"Der Entspannungszustand setzt bei den Kindern viele Ressourcen frei", sagt die Projektkoordinatorin und Geschäftsführerin des Vereins, Gisela Bill. Sie bekämen ein Gefühl von Privatsphäre und dürften sich "einfach mal so verhalten, wie es ihnen gut tut". In jeder Kita und jeder Schule sollte es so einen Snoezelen-Raum geben, meint Bill. Die Kosten für die Grundausstattung lägen bei rund 4000 Euro.
Den besonderen Wert eines Snoezelen- Raums für die Kindergesundheit betont auch der Geschäftsführer der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz, Jupp Arldt. Durch das Snoezelen werde besonders die Konzentrations- und Ausdrucksfähigkeit sowie das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen in sozial benachteiligten Lebenslagen gestärkt.
"Die Kinder nehmen hier etwas für ihr Leben mit", ist Pfeiffer- Meierer überzeugt. "Später erinnern sie sich dann, dass es schöne Momente gab, in denen sie wirklich sie selbst sein konnten." Nur die Idee der Traumreise, bei der sich die Kinder gedanklich ans Meer oder an einen anderen schönen Ort träumen, musste die Sozialpädagogin erst einmal aufgeben. "Oft fehlt ihnen einfach die Fantasie dafür", sagt sie. Die meisten Kinder seien noch nie am Meer gewesen und könnten sich daher gar keine Vorstellung davon machen. Außerhalb der Wohnblöcke hätten sie in ihrem Leben bisher wenig gesehen. (Von Christine Cornelius, dpa)
RZO
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