Exporterfolg: Wein in Plastikflaschen
Rheinland-Pfalz Kommt nach Prosecco in Dosen nun auch Wein in Plastikflaschen? Geht es nach einem Hersteller aus der Region, dann erobert die unkonventionelle Verpackung schon bald im Supermarkt die Weinregale.
Für die einen zukunftsträchtig, für andere absolut inakzeptabel: Während die Flasche aus Polyethylenterephthalat, kurz PET-Flasche, bei alkoholfreien Getränken ihren Siegeszug feiert (hier liegt der Marktanteil nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung bei 77 Prozent), ist Wein in Plastikflaschen noch nicht im Einzelhandel zu finden. Das könnte sich aber bald ändern: Die Firma Artenius PET Packaging in Mendig (Kreis Mayen-Koblenz) hat die leichten, praktischen und unzerbrechlichen Flaschen für Weiß-, Rosé- und Rotweine seit vergangenem September in ihrer Produktpalette. Der Weingroßhändler Einig-Zenzen in Kaisersesch (Kreis Cochem-Zell) füllt darin bereits Weine ab - vorerst vor allem konfektionierte Ware aus der Neuen Welt.
In der Neuen Welt üblich
In England und Skandinavien erfreut sich Wein in PET-Flaschen großer Beliebtheit - in Nordamerika und Australien ist die Verpackung heute schon Normalität. Darüber, ob die "unkaputtbare" Hülle auch auf dem deutschen Markt eine Alternative zur Glasflasche bilden kann, sind sich die Experten aber noch uneins. Denn das Gros der Weintrinker mag"s traditionell: Schon beim Anblick von Kunststoffkork oder Schraubverschluss wenden sich die meisten mit Entsetzen ab.
"Unsere hochwertigen Weine, denen wir auch gerne eine längere Reife gönnen, benötigen eine adäquate Verpackung. Die sehen wir in der Glasflasche", sagt etwa Steffen Christmann, Präsident der Prädikatsweingüter Deutschlands (VdP). "Wir sind zwar offen für neue Wege und testen sie auch, so sie sich mit unserer Qualitätsphilosophie vereinbaren lassen. Jedoch hat sich schon bei den Kunststoffkorken gezeigt, dass sie nach einer gewissen Zeit doch ein ,Gschmäckle‘ hinterlassen", urteilt er. Aller anfänglichen Skepsis zum Trotz: Der einst ähnlich verpönte Schraubverschluss gewinnt rasch an Akzeptanz. "Generell ist der Verbraucher offener gegenüber alternativen Verpackungen geworden", konstatiert Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts in Mainz.
Auf wachsende Toleranz im heimischen Markt setzt auch René Pöhner, Geschäftsführer von Artenius (appe) in Mendig. Das Unternehmen gehört zur PET-Sparte der spanischen La Seda de Barcelona-Gruppe, dem führenden Hersteller von PET in Europa (Produktionsvolumen: mehr als 12,7 Millionen Flaschenrohlinge pro Jahr). Die Mendiger produzieren PET-Weinflaschen in verschiedenen Größen, Formen und Farben. "Wir sind noch in der Einführungsphase", sagt Pöhner. "Aber wir denken, dass PET ein Zukunftsprodukt für Weine ist." Für Pöhner liegen die Vorteile auf der Hand: Die Flasche hat ein geringes Gewicht, ist unzerbrechlich und lässt sich gut transportieren - was Fluglinien und der Exporthandel schon jetzt schätzen. Sie ist voll recycelbar und lässt sich auf den üblichen Abfüllanlagen befüllen. Mit Caterern für Fußballstadien und Airlines ist appe längst im Geschäft, die Gespräche mit großen Handelshäusern laufen. "Spätestens in zwei bis drei Jahren stehen wir in deutschen Supermarktregalen", formuliert der Geschäftsführer das Unternehmensziel.
Hinsichtlich möglicher Gesundheitsrisiken gab das Bundesinstitut für Risikoforschung (BiR) schon während der Diskussion um Mineralwasser in PET Entwarnung: Weichmacher sind darin entgegen landläufiger Meinung nicht enthalten. Und die mögliche Absonderung von Acetaldehyd ist laut BiR gesundheitlich unbedenklich. Ja, und was ist mit dem Geschmack? Eine Studie der Weinforschungsanstalt in Geisenheim über einen Zeitraum von sechs Monaten im Auftrag von appe ergab, dass sich Wein in PET bei kürzeren Lagerzeiten ganz ähnlich wie in Glas verhält. "Schwierig wird"s erst, wenn man den Wein über längere Zeit lagern will. Denn die Sauerstoffbarriere der mehrschichtigen Kunststoffverpackung baut sich sukzessive ab", erklärt Christoph Schüssler, der die Untersuchungen in der Arbeitsgruppe "alternative Verpackungen und Verschlüsse" in Geisenheim angestellt hat.
Die PET-Flaschen aktueller Produktion sind also für den Transport trinkreifer Weine und nicht für lange Aufbewahrung gedacht. "Wir garantieren eine Lagerfähigkeit von ein bis anderthalb Jahren. Rothschild - so weit sind wir noch nicht", räumt appe-Geschäftsführer Pöhner ein. Doch das Material wird stetig weiterentwickelt. "Wir halten es im Moment für sehr zukunftstauglich", bilanziert Christoph Schüssler erste Ergebnisse seiner Untersuchung, die er in Kürze vorstellen will.
Weinschlauch kommt wieder
Während PET als Weinverpackung noch in den Anfängen steckt, ist die Bag-in-Box-Verpackung (BiB) schon eine trendige Alternative. Dabei handelt es sich nicht etwa um den weitverbreiteten Tetrapack, sondern um ein recycelbares Zwei-Komponentensystem aus innerem Schlauch und äußerem Karton. Vorteil: Das Format lässt sich gut stapeln und passt auch in die Kühlschranktür. Nach dem Öffnen bleibt der Wein mindestens zwei Monate lang frisch, weil beim Zapfen keine Luft in den Behälter nachströmt und so ein Oxidationsprozess vermieden wird.
Diese Eigenschaft wissen auch deutsche Winzer zu schätzen und legen allmählich ihre Berührungsängste ab. Dirk Würtz etwa, Weinmacher aus Rheinhessen, füllt einen seiner Basisweine, einen trockenen Riesling, in die Box und sieht darin "nicht den Untergang der Weinkultur". Entscheidend ist für ihn einzig die Qualität des Produkts. "Jedes Behältnis, das dafür sorgt, dass der Wein unbeschadet zum Konsumenten kommt, ist okay", findet er. Umso mehr, wenn wie beim BiB-System die Ökobilanz der Verpackung stimmt. Auch gegen Wein in PET hat Würtz keine Vorbehalte. Hinsichtlich der Absatzschwierigkeiten mancher Anbaugebiete und der sinkenden Verfügbarkeit von Glasflaschen warnt er vielmehr davor, vor den Neuerungen des Marktes die Augen zu verschließen.
Nicole Mieding
RZO
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