Maskenball für 80.000 bei "Rock am Ring"
Nürburgring Der eine Rockstar tritt geflügelt auf, fast wie ein Engel, der andere gibt den Fürsten der Finsternis.
Dazu trommelnde Menschenaffen und Albtraummonster, Rotzlöffel, Feenwesen und punkige Rockabillys. "Rock am Ring" war diesmal ein wilder Maskenball. Großes Theater für 80 000 Fans, die auch der Eifelregen nicht stoppen kann.
Ring frei für das große Rock-Theater! Zur stampfenden Tanzmusik seiner Band trägt The-Killers-Sänger Brandon Flowers ein Federkleid um die Schultern - er ist nicht der einzige Kostümierte bei "Rock am Ring". Mehr noch: Das Festival 2009 war ein einziger wilder Maskenball. Nicht nur unter den 80 000 Zuschauern - für die ist das Festival in der Eifel eh wie Karneval. Nur lauter.
Unter den wichtigen Bands des Festivals hat sich ein Trend zur Verwandlung etabliert. Ob gefiederter Killers-Sänger, geisterhaft geschminkter Schockrocker Marilyn Manson oder gar die finsteren Masken-Metaller von Slipknot: ein Festival im Kostüm. Während die Killers auf der Hauptbühne ihr Bombastrock-Theater feiern, bietet Marilyn Manson auf der Alternastage Metal-Kabarett. Als er mit Dreieckshut durch wabernden Nebel die Bühne betritt, meint man kurz, Johnny Depp in "Fluch der Karibik" vor sich zu haben. Der Eindruck wird zwar durch knallharte Gitarren zerfetzt, es bleibt aber ein Schauspiel.
Manson ist sehr bemüht, das Bild des Skandalrockers zu erfüllen. Am Ende springt der Funke zu "Doitschländ", wie Manson stetig brüllt, nicht über. Es gibt mehr Marilyn als Manson, mehr Diva als Diabolus. Alle 34 Sekunden tritt Manson Mikrofonständer um, die der herbeigesprintete Roadie wieder aufstellt. Weggeworfene Mikros werden brav apportiert, während des einstündigen Auftritts geschätzte 59 Wasserflaschen gereicht - an denen Manson nippt, spuckt und die Flasche wegwirft. Die Musik ist dafür souverän, Manson grunzt-röchelt sich durch alle Hits. Beim abschließenden "Sweet
Dreams" verlässt er im letzten Drittel wortlos die Bühne - Diva eben.
Wie das richtig geht mit dem Rock-Schocken zeigen Slipknot einen Tag später: Die Musiker der US-Metal-Band sehen aus wie einem fiesen Horrorfilm entsprungen, tragen gruselige Masken und inszenieren ein albtraumhaftes Spektakel auf der Hauptbühne. Während ein böser Clown mit roter Pappnase und schwarzen Augen mit einem blutigen Baseballschläger auf Bierfässern herumkloppt, singt Frontmann Corey Taylor - optisch an Hannibal Lecter erinnernd - zum infernalischen Donnergrollen aus Bass-Gewitter und Schlagzeug-Salven. Der Splatter-Soundtrack lässt den einen das Blut gefrieren, die anderen werden animiert zu Veitstänzen in heftiger Intensität.
Nicht ganz in die Reihe der Maskenträger dieses Festivals gehören Placebo - doch immerhin: Frontmann Brian Molko greift mindestens so tief in den Schminktopf wie eine amerikanische Misswahl-Kandidatin. Musikalisch ist die Gruppe jedenfalls hervorragend aufgelegt, mixt souverän Material von der neuen LP "Battle For The Sun" mit Hits wie "Every You Every Me". Kraftvoll und elegant ist die Rockmusik von Molko und Co. - abgeklärt und erwachsen, trotz der ganzen Schminke.
Am Samstagabend präsentieren Mando Diao als Hauptgruppe der Alternastage einen "Karneval der Eitelkeiten". Die Nummer-Eins-Retro-Rocker wollen für "großes Kino" sorgen - und bieten nur Provinztheater. Die 70er-Kostüme stimmen, die Kulisse ist mit rostigen Fässern (die gleichen, die Slipknot nebenan brachial zertrümmern?) gelungen, aber dem Stück fehlt jeder Pep. Vielleicht liegt es daran, dass Mando Diao als Schweden Kälte gewöhnt sind - aber morgens um 1 Uhr, nach dem sensationellen Jan Delay, bei Temperaturen um die sechs Grad, erst drei Midtempo-Nummern und dann drei Balladen? Da hat die Regie versagt. Große Schauspieler zeichnen sich durch ein Talent zur Improvisation aus, Mando Diao lassen dies vermissen: lange Pausen, minimalistische Interaktion, ein Auftritt, der statt cool lieblos wirkt. Teile des Publikums gehen vor dem letzten Akt. Der bringt mit "Dance With Somebody" und "Long before Rock "n" Roll" die Masse zum Beben, rettet das Stück aber nicht - eine der größten Enttäuschungen des Rings 2009.
Als gigantische Disco verkleiden The Prodigy das Rockfestival bei ihrem ersehnten Comeback-Auftritt. Sänger Keith Flint gummiballt über die Bühne wie einst. Gemeinsam mit den wie entfesselt feiernden, tanzenden und springenden Zuschauern feiert die Gruppe eine 90er-Jahre-Party, die sich gewaschen hat. Der Trip-Rock zielt auf die Herzen der Fans, die kunstvoll aus dem Takt gebracht werden.
Wer sind jetzt die großen Abräumer dieses Festivals, das im Vorfeld unter dem Verdacht stand, keine "echten" Headliner aufzubieten und doch zum Erfolg wurde? The Killers rücken definitiv in die oberste Etage der Festivalbands vor. Sie haben die Songs, sie haben den Sound, sie haben die Präsenz. Getoppt werden sie jedoch von der überschäumenden Tanzwut bei Prodigy. Und von der Brutalität von Slipknot.
Auf der kleineren Alternastage beweisen Bloc Party Weltklasse-Format. Jan Delay bringt mühelos selbst die härtesten Metal-Rocker zum Grooven - überragend. (Tim Kosmetschke und Markus Kuhlen)
RZO
- Katy Perry laufen die Zuschauer weg
- Kristin Asbjörnsen lauscht der Stille nach
- Ben Harper überrascht mit rockigen Klängen
- Depeche Mode nach Krebs-OP wieder auf Tour
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