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Theaterwelt trauert um Regisseur Gosch

Berlin Mit großer Bestürzung und Trauer haben Theatermacher und Politiker am Donnerstag die Nachricht vom Tod des Regisseurs Jürgen Gosch aufgenommen.

Das Deutsche Theater in Berlin, wo Gosch zuletzt mit aufsehenerregenden Inszenierungen Furore machte, erklärte, mit Gosch verliere das deutschsprachige Theater «seinen derzeit einflussreichsten und für viele bedeutendsten Regisseur». Das Deutsche Theater (DT), wo Gosch zuletzt im April «Idomeneus» auf die Bühne brachte, trauere um «einen großen, weitsichtigen und offenherzigen Künstler».

Der scheidende DT-Intendant Oliver Reese, Dramaturg vieler Gosch-Inszenierungen, würdigte Gosch als einen Theatermacher, «der Schauspielern den Glauben an ihren Beruf zurückgeben konnte». Keiner habe seinen Darstellern so viel Spielfreude und Glaubwürdigkeit entlocken können wie er. Nach der «Idomeneus»-Premiere im April hatte Gosch den Preis zum Welttheatertag 2009 erhalten und war dabei vom Publikum stürmisch gefeiert worden. Der schwer kranke Regisseur hatte die Ovationen im Rollstuhl entgegen genommen.

DT-Intendant Reese hatte dem Regisseur erst kürzlich die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Theaters angetragen und Gosch freute sich auf die Ehrung an diesem Freitag. Ebenfalls am Freitag, nach der ausverkauften Vorstellung von «Idomeneus» wird im Deutschen Theater zum ersten Mal eine Aufzeichnung von Goschs legendärer Kölner «Ödipus»-Inszenierung aus den 80er Jahren gezeigt, die Schnittfassung hat Jürgen Gosch noch selbst in der vergangenen Woche fertiggestellt.

Der langjährige Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Bernd Wilms, meinte, Gosch habe die Schauspieler oft «produktiv in die Verunsicherung getrieben», wenn er oft noch am Nachmittag vor der Premiere einen ganzen Akt geändert habe. Und Gosch habe auch «das Lügen auf dem Theater nicht vertragen können», sagte Wilms im Deutschlandradio Kultur.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdigte Gosch als «einen der bedeutendsten Theaterkünstler Deutschlands». Viele seiner Arbeiten hätten Theatergeschichte geschrieben. Mit Tschechows «Möwe», die beim diesjährigen Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen in Berlin im Mai zu sehen war, «hat er uns eines seiner großartigsten Werke hinterlassen». Die Qualität von Goschs Arbeit sei früh erkannt worden. «Zugleich galt er lange Zeit auch als umstrittener Regisseur. In den letzten Jahren aber fand Jürgen Gosch die verdiente Anerkennung als einer der bedeutendsten Theaterkünstler Deutschlands.»

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, Gosch werde in Berlin unvergessen bleiben. «Die Stadt Berlin und ihre Bühnen haben Jürgen Gosch viel zu verdanken», betonte Wowereit in seinem Kondolenzschreiben an die Tochter Rosa Gosch. Ihr Vater habe der Krankheit eine Reihe großartiger Theatertriumphe abgetrotzt wie zuletzt «Idomeneus». Der Regisseur und frühere DT-Intendant Thomas Langhoff zeigte sich «tief getroffen» vom Tod seines Freundes und Theaterkollegen. In ihrer gemeinsamen Zeit am Deutschen Theater seien sie stets Partner gewesen, niemals Konkurrenten, betonte Langhoff im rbb-Kulturradio.

Auch die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied Gosch seit 2007 war, trauert um einen großen Regisseur. «Die Schauspieler haben ihn geliebt und er liebte sie», betonte Akademie-Präsident Klaus Staeck in seinem Nachruf. Er habe ihnen Freiheit und Freiraum gegeben, «Regiediktat war ihm fremd». Staeck erinnerte auch an Goschs frühe Arbeiten in der DDR. «Man guckt immer, wie weit man gehen kann. Und man muss immer gucken, ob man weit genug gegangen ist» - dieses Arbeitsprinzip von Gosch sei ein Dorn im Auge der DDR-Kunstverwalter gewesen, «die seine künstlerischen Produktionen ins Leere laufen ließen oder deren spielerische Fantasie ganz einfach nicht verstanden, aber umso deutlicher geurteilt haben».

Der Regisseur und Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, schrieb in seinem Nachruf: «Jürgen Gosch war ein im Theater selten anzutreffender, feiner Gentleman und zugleich ein Probenzauberer, der seine Spieler auf bisher ungesehene Weise zu ihrem eignen Selbst verführte.» Bis zuletzt habe Gosch gehofft, seine Inszenierung der «Bacchen» (oder: «Bakchen») von Euripides in der Neufassung von Roland Schimmelpfennig vollenden zu können. Die Inszenierung sollte am 26. Juli bei den Salzburger Festspielen und am 10. September am Berliner Ensemble herauskommen.

Der Theaterchef der Salzburger Festspiele, Thomas Oberender, würdigte Gosch als einen «großen und in seiner eigenen Theatersprache unvergleichlichen Künstler». In einer am Donnerstagabend veröffentlichten Erklärung hieß es: «Nie war das Leben lebendiger als in seinen Arbeiten. Der Tod Jürgen Goschs macht uns tief betroffen.» Sein Tod beende auch die «Bacchen»-Proben. «Bis zuletzt haben wir Jürgen Gosch in dieser Arbeit begleitet und werden sein Werk über seinen Tod hinaus im diesjährigen Schauspielprogramm präsent halten», sagte Oberender.

dpa-infocom