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Kontraste prägen Pina Bauschs neues Tanzstück

Wuppertal Mit Jubel hat das Publikum in Wuppertals renovierter Oper nach der Uraufführung von Pina Bauschs neuem Tanzabend die Compagnie begrüßt.

Als die weltberühmte Choreographin inmitten ihrer Tänzerinnen und Tänzer auftrat, um den Schlussbeifall entgegenzunehmen, erhoben sich die Zuschauer von den Stühlen. Pina Bausch (68) nimmt in ihre neue Kreation Elemente auf, die an den Aufenthalt der Compagnie in Chile im Februar erinnern.

Kontraste prägen das neue Stück. Die Bühne ist schwarz abgehängt, der Tanzboden glänzt weiß - weiß wie Eis. Männer stehen gegen Frauen, Träume gegen Wirklichkeit, Witz steht gegen Schwermut. Über 50 kurze Episoden bilden den etwa zweieinhalb Stunden dauernden Tanzabend.

Die Collage beginnt mit verstörenden Szenen. Eine Tänzerin kniet auf allen Vieren und scheint Beistand zu suchen. Als Tänzer herbeieilen und sie aufrichten wollen, schreit sie auf. Einerseits will sie Hilfe, andererseits scheut sie die Berührung. Weitere Szenen deuten an, sie beginne mit verschiedenen Männern Beziehungen und ende schließlich in Abstumpfung und Resignation.

Viele Bilder drehen sich um die junge Generation, den narzisstischen Sozialisationstypen. Vor allem die Soli der Damen zeigen neben makellos durchgearbeiteten Bewegungsabläufen unübersehbar Spuren von Eitelkeit, Selbstverliebtheit und Koketterie. Selbst Gefallsucht ist auszumachen: die Männer sollen sie lieben und bewundern, aber den Aufwand, selbst zu lieben, scheinen die Damen zu scheuen. Einmal lässt eine der Allerschönsten zwei Herren Liegestütz üben, während sie es sich auf deren Rücken bequem macht.

Solche sprechenden Arrangements und Pantomimen sind in diesem Jahr zugunsten der Soli zurückgenommen. Es wird viel getanzt, das Publikum reagiert mit Beifall auf offener Szene. Dominique Mercy gestaltet einen schwermütigen Abschied auf Kraft und Leben, der gleichzeitig den alternden weltberühmten Tänzer auf der Höhe seines Schaffens zeigt. Das Eis, das bislang kompakt schien, ein sicherer Boden, auf dem sich gefahrlos tanzen ließ, zeigt plötzlich gefährliche Risse.

Sparsam ist Pina Bausch mit Auftritten des gesamten Ensembles. Das erste Finale zeigt zwei Gruppen: die Damen spielen Backfische, die Herren pubertierende Jünglinge. Sie sonnen sich im Strandbad und die großen Erwartungen sind fast mit Händen zu greifen - wie die Enttäuschungen, die sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einstellen werden. Der Pessimismus des Abends vollendet sich am Schluss: das Bild vom Anfang wiederholt sich. Offenbar ist es nicht möglich, die Fülle der Erfahrungen weiterzugeben. Jede Generation muss neu lernen und alle Qualen selbst durchleiden.

Pina Bausch hat von einem Studienaufenthalt ihrer Compagnie in Chile Musik von Nelson Avarro und anderen mitgebracht, in einer Szene erinnert Dominique Mercy an den Putsch der Generäle und die Brutalität der Faschisten; sonst ist der Abend universell und begeistert durch die Leistung der Compagnie, aber auch durch die farbenfreudigen Roben, die Marion Cito für die Damen entworfen hat. Der zweite Teil scheint noch nicht ausgereift. Es ist immer ein Zeichen dafür, dass Pina Bausch an einem Stück auch nach der Uraufführung weiterarbeiten will, wenn sie ihm (noch) keinen Namen gegeben hat. Das ist in diesem Jahr der Fall. Ein möglicher Titel wäre: Kontraste.

www.pina-bausch.de Von Ulrich Fischer, dpa

dpa-infocom