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 Brennpunkt 

Der Struwwelpeter - nichts für Kinder?

Vor 200 Jahren wurde der Schöpfer des Struwwelpeters geboren - seine Geschichten über störrische Kinder, die hart bestraft werden, sind längst heftig umstritten.

Die Bildergeschichten waren eigentlich als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn gedacht. Schließlich veröffentlichte Heinrich Hoffmann den Struwwelpeter im Jahr 1845 unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb in 1500 Exemplaren. Zum 200. Geburtstag des Arztes und Gelegenheitsschreibers, der am 13. Juni 1809 in Frankfurt geboren wurde, liegt das Buch nun in der 546. Auflage vor. Es ist in zahlreiche Sprachen und Dialekte übersetzt worden.

Von Schleswig bis Schanghai ist Kindern heute der ungekämmte Geselle mit seiner trotzigen Mähne und den langen Nägeln bekannt - genauso haben es andere Figuren wie der Suppenkaspar, der daumenlutschende Konrad oder der böse Friederich zu Weltruhm gebracht. Und das traurige Schicksal, das sie in Hoffmanns Buch erfahren, wird nicht von wenigen Kindern auch gefürchtet.

Die Kontroverse über den pädagogischen Wert des Struwwelpeters ist noch voll im Gange. Auch im "Hoffmann-Sommer", den die Stadt Frankfurt zu Ehren ihres Bestseller-Autors ausgerufen hat, werden sich renommierte Forscher dazu die Köpfe heiß reden. Für den Literaturwissenschaftler Hans-Heino Ewers sind die Geschichten "nicht im eigentlichen Sinn moralisch". "Sie wollen vielmehr höchst elementare Verhaltensmaßregeln bieten und tun dies, indem sie warnen und sehr drastisch abschrecken", sagt der Leiter des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Die Psychoanalytikerin Margarete Leuzinger-Bohleber sieht da-rin eher Beispiele einer autoritären, fast sadistischen "schwarzen" Pädagogik des 19. Jahrhunderts. Dies werde beim Daumenlutscher, dem zur Strafe die Finger abgeschnitten werden, besonders deutlich.

Wie die Märchen der Brüder Grimm spiele der Struwwelpeter mit den unbewussten Fantasien von Kindern. Die Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt erkennt jedoch einen gravierenden Unterschied: Anders als in den Märchen gebe es in Hoffmanns Geschichten kein Happy End - der Suppenkaspar stirbt, das zündelnde Paulinchen verbrennt. Unstrittig ist unter Wissenschaftlern, dass Eltern ihre Kinder mit dem Struwwelpeter nicht alleinlassen sollten. Auch Heinrich Hoffmann wollte damals seinem ältesten Sohn Carl ja helfen. Als Arzt hoffte er, die Geschichten könnten die wilden Aggressionen seines Kindes bändigen. Auch wenn er heute meist nur als Autor bekannt ist, so war er auf dem Gebiet der Medizin ein echter Revolutionär. Als Leiter der "Anstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt ist der Arzt zu einem Wegbereiter der modernen Psychiatrie geworden.

Hoffmann, der zuerst als Leichenbeschauer auf dem Friedhof arbeitete und dann unentgeltlich sozial Schwache in einer Armenklinik betreute, wurde 1851 Chef der "Irrenanstalt". Deren Zustände galten als menschenunwürdig: Die "Tollen" hausten wie in Schweineställen.

Nach jahrelangem Kampf gelang es Hoffmann, dass vor den Toren des damaligen Frankfurts im Grünen eine großzügige Anlage errichtet wurde. 1864 zogen die Kranken ins "Irrenschloss", wie der Volksmund die Klinik nannte. Hoffmann ging bei der Behandlung von Geisteskrankheiten auch von körperlichen Ursachen aus. Er setzte auf eine "freie Behandlung" - mit möglichst wenigen Zwangsmitteln.

Hoffmann engagierte sich auch politisch: Er gehörte 1848 zu den Mitgliedern des Vorparlaments in der Frankfurter Paulskirche. Als "Gelegenheitsversemacher", wie Hoffmann sich selbst nannte, beließ er es nicht beim "Struwwelpeter". Neben dem Namen Peter Struwwel benutzte er dafür so blumige Pseudonyme wie Polycarpus Gastfenger oder Heulalius von Heulenburg.

Hoffmann, der mit seiner Frau Therese Donner zwei Söhne und eine Tochter hatte, starb 1894 im Alter von 85 Jahren. Sein Struwwelpeter, der den Untertitel "Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von drei bis sechs Jahren" trug, hatte da schon längst die 100. Auflage überschritten. Thomas Maier

RZO