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 Brennpunkt 

Kinderbuchforscher zum Struwwelpeter: Die Bösen sind immer die anderen

Ein großer Liebhaber der Struwwelpeter-Geschichten ist der Kinder- und Jugendbuchforscher an der Goethe-Universität Frankfurt, Hans-Heino Ewers. Er hält die Publikation der Bildergeschichten Mitte des 19. Jahrhunderts für eine Revolution.

"Das war ein Befreiungsschlag nach der ewig sanften Duselei im Kinderbuch." Damals waren die Figuren in der Literatur für Kinder wohlgenährte engelsgleiche Wesen mit sanftem Gesichtsausdruck - frei von jeder Frechheit und Hyperaktivität, kurz: echte Vorbilder. Der Struwwelpeter war anders. Aber was macht ihn bis heute zum erfolgreichsten deutschen Kinderbuch?.

Was 1845 die Geschichten auslösten , leisten heute unter anderem Film- und Computerspiele, meint Ewers. Die Faszination des Bösen macht hier wie dort den Erfolg aus, das Böse fesselt Kinder wie Erwachsene. Das Anziehende daran ist laut Ewers das Trennende: "Mit den bösen Figuren, die im Buch oder im Film vorkommen, hat das Kind nichts zu tun." Der kleine Rezipient ist selbst brav, die Bösen sind immer die anderen - die Daumenlutscher, Suppenkaspar und Co. "Das macht das Vergnügen aus. Wir genießen die Bösewichter", meint Ewers - indem wir uns von ihnen abgrenzen. Im Gegensatz zu vielen Psychoanalytikern und manch kritischer Stimme aus der modernen Pädagogik, die den Struwwelpeter für nicht geeignet für Kinder hält, empfiehlt Ewers die Lektüre des Bilderbuchs bis heute.

Wenn es denn richtig - so wie sein Schöpfer Hoffmann es vorgesehen hatte - zum Einsatz kommt. Es sei kein Zufall, dass Hoffmann dem Struwwelpeter den Untertitel "Lustige Geschichten und drollige Bilder" gegeben habe. Ewers folgert deshalb, dass Hoffmann das Buch nicht als autoritäres Erziehungsinstrument, sondern als vergnüglichen Lesestoff vorgesehen hatte. Außerdem attestiert Ewers dem Buch einen "gefühlshygienischen Effekt": "Die Kinder reagieren auf die beste Art - beim Lesen - ihre Gefühle ab." Ewers räumt allerdings auch ein, dass das Buch - falsch gedeutet - keineswegs harmlos ist. Daran sind allerdings seiner Meinung nach die Erwachsenen schuld. "Sie haben das Buch lange zum Buch der schwarzen Pädagogik gemacht." Die Strafgeschichten wurden zur Erziehung genutzt: Wenn Du am Daumen lutschst, mein Kind, dann könnte er Dir ebenso auch abgeschnitten werden.

Die Erwachsenen inspirierte der Struwwelpeter zu vielem: Die Engländer setzten ihn ein, um die Deutschen im Nationalsozialismus zu karikieren (Struwwelhitler). Die unbeugsame Kinderfigur war eine geeignete Vorlage für so manche Spott-Tirade auf Politiker - die Linken wie die Rechten bedienten sich ihrer. Sein Schöpfer Hoffmann war selbst ein Querdenker seiner Zeit. Beim Zeichnen des Struwwelpeters orientierte er sich an den politischen Karikaturen der bürgerlichen Märzrevolution. Bizarr, originell, frech sind seine Figuren. Nicht zuletzt wegen ihres revolutionären Ursprungs dürften sie bis heute so erfolgreich und immer wieder neu interpretierbar sein.

Rena Lehmann, Rhein-Zeitung

RZO