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Ärzte fordern bessere Versorgung für Behinderte

Mainz Das deutsche Gesundheitssystem sei nur schlecht auf behinderte Menschen eingestellt, klagen Ärzte.

Vor allem erwachsene Patienten fielen oft durchs Raster. Um die Situation zu verbessern, fordern die Mediziner auf dem Deutschen Ärztetag mehr Geld.

Als das Ehepaar mit seinem geistig behinderten Sohn von einer Untersuchung beim Arzt zurückkommt, ist es entsetzt und muss seinen Ärger erstmal loswerden. «Die Eltern riefen mich an und klagten 'Da gehen wir nie mehr hin'», berichtet der Ärztliche Leiter des Kinderneurologischen Zentrums in Mainz, Helmut Peters. Die Praxis des niedergelassenen Kollegen sei auf Behinderte überhaupt nicht eingerichtet gewesen, die Familie habe sich in dem «Routinebetrieb» verloren gefühlt. Da der Sohn schon volljährig ist, hatte der Kinder- und Jugendarzt Peters ihn nicht mehr behandeln dürfen und ihn in die Praxis geschickt. Für Peters ist der Fall nur ein Beispiel für gravierende Mängel in der medizinischen Versorgung Behinderter in Deutschland.

Viele Patienten mit geistiger Behinderung könnten gar nicht sprechen oder sich nur sehr undeutlich ausdrücken, erklärt Peters am Rande des Deutschen Ärztetags in Mainz, der sich an diesem Donnerstag (21.5.) mit der Versorgung der Behinderten befasst. Nach seinen Worten liegt das Risiko von Komplikationen bei einer Blinddarmoperation bei Nicht-Behinderten bei 0,1 Promille - bei Behinderten dagegen bei 23 Prozent. «Das liegt daran, dass die Beschwerden verschleppt wurden, da viele Behinderte die Schmerzen nicht beschreiben können.» Der Arzt ist daher oft auf die genaue Beobachtung des Patienten angewiesen und auf das, was die Pfleger berichten. In Deutschland leben nach Angaben des Leitenden Arzts in der Behindertenhilfe der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld, Michael Seidel, allein mehr als eine halbe Million Menschen mit geistiger Behinderung.

Während es für Kinder und Jugendliche ein gut organisiertes Netz von 135 Sozialpädiatrischen Zentren in Deutschland gebe, breche die Versorgung bei den Erwachsenen ab, sagt der Neurologe Peters. Dies ist besonders prekär, da behinderte Menschen neben ihrer körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen oft mit Begleiterkrankungen zu kämpfen haben. «Beispielsweise kann ein Patient, der nach einem Geburtstrauma geistig behindert ist, auch eine Epilepsie (Anfallsleiden) oder zerebrale (durch Hirnschäden verursachte) Lähmungen haben», erklärt Professor Seidel. «Als Gruppe betrachtet tragen Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung ein überdurchschnittlich hohes Risiko, auch an anderen Krankheiten zu leiden.»

Dieser erhöhte Versorgungsbedarf sei jedoch in Deutschland alles andere als gedeckt, mahnt Seidel. «Das Regelsystem ist nicht auf behinderte Menschen eingestellt.» Dies fange schon damit an, dass die zusätzliche Zeit, die bei der Behandlung meist nötig ist, in der Regel nicht vergütet werde. «Wenn eine geistig behinderte Frau zum Gynäkologen muss, dann kann es sein, dass sie mehrmals probehalber auf den Behandlungsstuhl steigen muss, um ihre Angst zu überwinden. Erst dann kann die Untersuchung losgehen. Manchmal geht es auch gar nicht», erklärt Seidel.

Zudem sei oft ein umfassendes Fachwissen nötig, um etwa die erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten zu berücksichtigen. «Wenn die Betreuer eines 38-Jährigen mit Trisomie 21 berichten, dass der Mann ganz still geworden ist, sich nicht mehr wie früher mit seiner CD- Sammlung beschäftigt - dann können dies Symptome für Alzheimerdemenz sein.» Denn bei einer Trisomie 21 bestehe ein erhöhtes Risiko, schon in vergleichsweise jungem Alter an dieser Krankheit zu leiden, erklärt Seidel. «Viele behinderte Menschen leben zudem unter kläglichen Bedingungen, und Armut begünstigt zusätzlich Krankheiten.»

Die Mediziner fordern, das Vergütungssystem im ambulanten und stationären Sektor besser an die Bedürfnisse Behinderter anzupassen. «Ärzte, die bereit sind, diese Patienten fachgerecht zu behandeln, müssen ihren Mehraufwand auch bezahlt bekommen.» Auch das - im Grunde gut funktionierende - Netz der Sozialpädiatrischen Zentren werde durch andauernde Unterfinanzierung «ausgedünnt und ausgehungert». Dies führe dazu, dass viele junge Patienten nicht mehr so versorgt würden könnten, wie es sein solle.

Behindertenhilfe Bethel: www.behindertenhilfe-bethel.de

Kinderneurologisches Zentrum Mainz: www.kinzmainz.de Von Andrea Löbbecke, dpa

dpa-infocom



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