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 Das Thema des Tages 

Information fließen durch Twitter & Blogs

Der Aufstand verbreitet sich durchs Internet

WWW Am Ende der Nacht von Teheran, gegen 5:30, halb vier unserer Zeit, geht in der iranischen Hauptstadt das Licht aus. Die iranischen Behörden wissen sich wohl nicht mehr anders zu helfen. SMS ist schon seit Tagen abgeschaltet, viele Webseiten sind blockiert. Doch noch immer vernetzen Kurzmitteilungen über den Internet­dienst Twitter die Oppositionellen und erreichen die ganze Welt. Noch immer werden Gespräche über Satelliten­telefone geführt. Gegen freie Kommunikation hilft zuletzt nur noch, den Stecker zu ziehen.

Lange hat es gedauert, bis den "großen" Medien Zweifel am iranischen Wahlergebnis kamen. Mehr als einen Tag lang. Während in Teheran die Menschen auf die Straßen gehen und auf den Dächern protestieren, kommentieren Experten in den "seriösen" Medien: Viel zu groß für eine Fälschung sei Ahmadinedschads Vorsprung, seinen sozial-populistischen Taten (er habe kostenlos Kartoffeln an die Landbevölkerung verteilt und Pensionen erhöht) sei der große und unerwartete Wahlgewinn geschuldet. Spiegel Online kommentiert: "Wahrscheinlicher ist, dass die Wucht der grünen Welle erheblich überschätzt wurde" und sie überhaupt nur in der Hauptstadt spürbar war. Ließen sich die großen Medien von großen Lügen der iranischen Machthaber blenden?

Unterdessen beklagen in Twitter viele Teilnehmer rund um den Globus, dass die globalen Medien nichts bis wenig über die Hintergründe des Teheraner Ereignisse berichteten. Ob BBC oder Fox: Ziemliche Funkstille über das Thema Iran. US-Amerikaner ärgern sich via Twitter, dass der Besuch der gescheiterten US-Vize­präsident­schafts-Kandidatin, Sarah Palin, viel mehr Raum in der öffentlichen Diskussion einnehme, als der Aufruhr im Iran. Auch Al-Jazeera schweigt, twittert es aus dem Nahen Osten.

Nachrichten verdichten sich zu Fakten

Doch abseits der großen Medien ist die Welt – dank Twitter und Internet-Blogs – in dieser Nacht wieder zum "globalen Dorf" geschrumpft. Videos von Handy-Kameras treffen im Minutentakt aus Teheran in YouTube ein, Weblogs zeigen hunderte Fotos fast live, etwa jede Sekunde trifft eine Textnachricht ein. Oft nur Geplauder, aber die Nachricht vom Hausarrest Hossein Mousavis, der sich zum Wahlsieger erklärt hat, ist bereits Stunden vor den Agenturmeldungen schon getwittert. Man kann nicht jedes Gerücht glauben, aber die Tatsachen verdichten sich im "Twitterversum": Mehrfach wird dort auf Mousavis Twitterseite verlinkt, die der Oppositionelle in den Wahl­kampf­wochen führte und auf dem seine bislang letzten Botschaften bis zur staatlich verordneten Funk­stille stehen.

Über Twitter findet man rasch Hinter­grund­berichte, die es (noch) nicht in Zeitungen und TV geschafft haben. So verweist ein Twitterer binnen Minuten auf die frische Analyse des in USA prominenten Nahostexperten Juan Cole. Der Geschichtsprofessor der Universität von Michigan unterhält bereits seit sieben Jahren einen eigenen politischen Blog und ist als Kritiker des iranischen Regimes bekannt. Er belegt an Hand ausgesuchter regionaler Wahl­ergebnisse, warum Zweifel an dem offiziellen Resultat angebracht sind. Nicht zuletzt die "Huffington Post", eine reine Internetzeitung, ist mit schnellen Berichten und Einschätzungen ganz vorne mit dabei.

Auch deutsche Politiker sind "auf Draht"

Auch manche Politiker sind schon "auf Draht": "Verteile das mal weiter", schickt der Bad Emser Bundestagsabgeordnete Josef Winkler (Grüne) nach Mitternacht einen Videolink an seinen Parteifreund Volker Beck, den menschen­rechts­politischen Sprecher der Bundes­tags­fraktion. Eine Art elektronischer Ketten­brief entsteht. Auf diese Art verbreiten sich die minuten­aktuellen Videos aus Teheran in den Stunden des Aufstandes um die Welt.

"Wir sind alle Iraner heute Nacht" twittert Sarah Wesley aus Texas, wo die Sonne eben untergeht. In Teheran bricht dagegen der neue Tag an. Es ist der Tag, an dem die Deutsche Presseagentur in einem Bericht über das Medium Twitter schreibt: "Twittern ist hipp. Aber im Grunde auch nichts anderes als früher der Klatsch auf der Dorf­straße." Es ist der Tag, an dem die SPD auf ihrem Parteitag beschließt, sich von den geplanten Internet­sperren in Deutschland erst einmal zu distanzieren: die Freiheit im Internet müsse gesichert werden. Was zu beweisen war.

Jochen Magnus (RZ)

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