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 Brennpunkt 

Zahnarzt aus Katzenelnbogen im Iran: Persisches Sommermärchen

Teheran Als Klaus Reinhardt am Freitag im Taxi zum Teheraner Flughafen saß, deutete der Fahrer strahlend aufs grüne Bändchen am Handgelenk des Zahnarztes aus Katzenelnbogen (Rhein-Lahn-Kreis).

„Mussawi, very good!“ Der Fahrer ließ Reinhardt nicht aussteigen ohne einen weiteren Meter vom Band, das die Verbundenheit mit Präsidentschaftskandidat Mussawi ausdrücken soll.

Hinter dem 43-jährigen Reinhardt lagen vier Wochen, in denen er das Land in Bussen und Zügen auf eigene Faust bereist und erlebt hatte, wie gespalten das Volk ist – und wie sehr viele Menschen Veränderung herbeisehen. „Jeder, der sich dort mit uns verständigen konnte, war für Mussawi. Auch wenn jetzt die Proteste niedergeknüppelt werden – eine Konterrevolution wird dort über kurz oder lang kommen.“

Reinhardt traf auf Menschen wie den runzligen Souvenirhändler im riesigen Basar von Isfahan, bei dem er nur eine Miniaturmalerei kaufen wollte. Der Mann wechselte in den Verschwörerton: Tags zuvor habe er noch Wein im Laden gehabt. Er selbst trinke jeden Abend ein Gläschen. 75 Peitschenhiebe Strafe stehen darauf. Am nächsten Tag traf Reinhardt ihn wieder, auf dem „Meidãn-e Emãm“-Platz, dessen Ausmaße nur der Platz des himmlischen Friedens übertreffen soll. Wie fast alle im Basar hatte der Händler zugesperrt, um Mussawi zu sehen.

Mit mehr als anderthalb Stunden Verspätung fing Mussawi an, weil immer noch Menschen aus allen Richtungen kamen. Amtsinhaber Ahmadineschad hatte ein paar Tage vorher für seine Kundgebung Demonstranten vom Land mit Bussen nach Isfahan karren lassen und kostenloses Essen versprechen müssen, lästern Mussawis Anhänger. Im Basar liefen da die Geschäfte fast wie gewohnt, und wie gewohnt schimpften Menschen über die hohen Preise, für die sie auch Ahmadineschad verantwortlich machen.

Während der Verkehr während Mussawis Kundgebung zum Erliegen kommt, war es am Abend zuvor noch chaotischer zugangen als ohnehin: Anhänger des Oppositionskandidaten fuhren in Motorradkorsos durch die Stadt, manchmal drei junge Leute auf einer Maschine, jauchzend und Plakate schwenkend. „Wie bei uns bei der WM“, so Reinhardt. „Eine Freiheit und Ausgelassenheit, die die Menschen dort so vermissen und nur im Verborgenen ausleben.“ Ein persisches Sommermärchen. „Bei der Kundgebung sagte mein Reisebegleiter aus Berlin, dass die Bilder Geschichte machen werden, dass hier Großes passiert.“

Der Berliner hatte den Mauerfall erlebt; nun hörten die beiden Deutschen unzählige Iraner „Nieder mit der Diktatur“ brüllen. Was hier eine unübersehbare Menschenmenge skandiert, hatte Reinhardt ständig gehört - in den kleinen Pensionen, im gemieteten Bus mit verhüllten Fenstern, in dem eine Gruppe junger Leute sie mitnahm und mit ihnen zu westlicher Musik tanzte. Für das Nachtleben im Iran hat der englischsprachige Reiseführer nur zwei spöttische Worte übrig: "Dream on" - träum weiter... "

Aber die jungen Menschen dort in den Städten wollen auch feiern, wollen auch Spaß haben. Und ein anderes Bild ihres Landes vermitteln: "Man wird pausenlos angesprochen. Die gebildeten Leute fragen , wie man über den Iran denkt – und machen deutlich, dass sie kein Volk von Terroristen sind und anders als Ahmadinedschad.“

Lars Wienand

RZO