pic Zählpixel
kalaydo leftkalaydo logo
suchen im
Lexikon
RZ-Online-Archiv
Zeitungs-Archiv
Internet
< Schnell-Navigation >
KinoWelt VideoWelt FotoWelt MeineWelt
Gesundheit       » News       » Wellness

Im Hospiz ist der Tod allgegenwärtig

Stuttgart Hell durchflutet Sonnenlicht die Räume im ersten Stock der Jugendstilvilla.

Der Tisch ist gedeckt, Kaffeeschwaden überlagern den Duft weißer Pfingstrosen.

Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade stehen bereit. Eine ganz normale Wohnung, wäre da nicht der «Ort des Gedenkens» nur wenige Schritte weiter - mit der engelhaften Skulptur «Ein Licht aus Liebe». Zu den Füßen ein aufgeschlagenes Buch. «Fritz Wittenbach*» steht dort in schwarzen Lettern, er starb am Pfingstmontag. Eine Kerze, ihm zu Ehren angezündet, ist schon wieder gelöscht. Der Tod ist allgegenwärtig im Stuttgarter Hospiz, das in diesen Tagen 15 Jahre alt wird.

«Camembert, ich brauche nur Camembert», sagt Malwine Herzberg, als sie sich an den gedeckten Tisch setzt. «Hmm, wie der Käse läuft!» Sie lächelt. Und schwärmt. Das Paradies auf Erden sei es hier. Die Schwestern seien so nett. Jeder Wunsch werde ihr erfüllt. Die blaugrünen Augen der 86-Jährigen blitzen. Trotz ihres hohen Alters scheint sie voller Leben, lacht gern und viel. Über das Schwäbische, etwa, das die in Dänemark aufgewachsene Deutsche auch nach 50 Jahren im Ländle noch immer nicht beherrscht. «Lupfen - an das Wort werde ich mich wohl nie gewöhnen.»

Doch dann wird sie ernst, die Falten auf der Stirn vertiefen sich. «Ich war pumperlgesund - bis der Tumor im Darm gefunden wurde.» Ihre Tage sind gezählt. Als sie daran denkt, füllen sich ihre Augen kurz mit Tränen, die würdevolle Weißhaarige wirkt auf einmal grau und müde. Doch dann gewinnt der Schalk wieder die Oberhand. «Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Schwester Margret, helfen sie mir meine schweren Beine ins Bett zu 'lupfen'?», sagt sie und lächelt.

Weil an Pfingsten gleich zwei Bewohner gestorben sind, sind an diesem Morgen nur vier der sieben Hospiz-Betten belegt. Zwei Schwestern und zwei Krankenpflegeschülerinnen haben Dienst, bei der Übergabe am Morgen war von unruhigen Nächten die Rede, von Schmerzen, Atemnot und Flüssigkeitsverlust - aber auch von einer schönen Geburtstagsfeier. So mobil wie Malwine Herzberg sind die anderen drei Patienten nicht. Zwei von ihnen haben ebenfalls Krebs im Endstadium - mit Metastasen in Lunge und Knochen. Der dritte leidet unter der Nervenkrankheit ALS. Sie verlassen das Bett kaum noch.

Deutschlandweit gibt es laut Bundesverband rund 1300 ambulante Hospiz-Initiativen sowie 200 stationäre Hospize und Palliativstationen, in denen todkranke Patienten gepflegt und betreut werden. Eine Hospiz-Maxime ist, die Medikamente so zu dosieren, dass die Patienten möglichst schmerzfrei sind und dennoch so aktiv wie möglich am Leben teilnehmen können. 2008 wurden 83 «Gäste» auf Station versorgt, pro Woche sterben im Schnitt ein bis zwei. «Es gab auch Patienten, die unser Hospiz wieder verlassen haben», erzählt Schwester Margret Füchsle - manchmal, weil sie sich wider Erwarten stabilisiert haben. Andere jedoch sterben nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft.

Margret Füchsle arbeitet seit rund zehn Jahren im Hospiz. Ihr Credo beim Umgang mit Patienten und mit dem Thema Tod ist Offenheit. «Wenn wir versuchen würden, den Tod von Mitpatienten geheim zu halten, würde das nur Ängste schüren», sagte die 47-Jährige.

Einfühlungsvermögen ist für die erfahrene Hospiz-Schwester das A und O. Im Alltag und erst recht beim Sterben: Als eine junge Frau stundenlang mit dem Tod rang, unfähig, sich zu äußern, mutmaßte ihr Mann irgendwann, dass sie womöglich lieber allein sterben wolle - weil sie auch im Leben alles allein geregelt habe. Er hatte Recht. Erst als sich die bei der Frau ausharrende Mutter auf eine Kaffeepause einlassen konnte, hat ihre Tochter für immer die Augen geschlossen.

Psychologisches Gespür ist wichtig in diesem Beruf. «Aber so glücklich sind sie doch auch nicht immer», sagt Schwester Margret prompt im Wintergarten zu Malwine Herzberg. «Sind sie nicht manchmal wütend?» Die 86-Jährige schaut sie eine Weile an. Dann sagt sie langsam: «Ja, stinksauer! Warum muss das ausgerechnet mich treffen, alles auf einmal. Ich lebe doch so gern.»

(*Achtung: Die Namen der Patienten wurden geändert)

Hospiz in Stuttgart: www.hospiz-stuttgart.de

Deutscher Hospiz- und Palliativ-Verband: www.hospiz.net Von Wenke Böhm, dpa

dpa-infocom


Sie benötigen Flash Player 9, um den RZ-Video-Player ansehen zu können.
Regioticker
Eventkalender
rz lexikon
Energiesparen