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RZ-Interview

Bundestagsabgeordnete Köhler (CDU) will Islam heimisch machen - "Union hat Berührungsängste"

Koblenz Kristina Köhler gehört zur Garde der jungen Macherinnern in der CDU-Bundestagsfraktion.

Als Nachrückerin für den umstrittenen Martin Hohmann avancierte die Wiesbadenerin zur Expertin für den Islam im wichtigen Innenausschuss.

Was sich in Deutschland ändern muss , damit der Islam heimisch wird, erklärt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Gespräch führten Chefredakteur Christian Lindner und Peter Lausmann.

Wie geht es den Muslimen in Deutschland?

Wir haben mehr als 3,5 Millionen Muslime in Deutschland, wenn man die Aleviten mitzählt sogar über 4 Millionen. Aber derzeit sind damit zwei Fragen verbunden. Zum einen müssen wir daran arbeiten, dass der verfassungstreue Großteil der Muslime hier in Deutschland heimisch wird und seinen Glauben leben kann. Hier müssen die Rahmenbedingungen noch verbessert werden. Zum anderen gibt es aber auch eine Minderheit, die radikal und leider sehr wirkmächtig ist. Die ersten Opfer dieser Radikalen sind dabei eindeutig jene verfassungstreuen liberalen Muslime - und vor allem Muslima. Und genau diese müssen wir als Verbündete gewinnen.

Viele Kinder werden islamisch erzogen, doch zugleich gibt es keinen islamischen Religionsunterricht an den Schulen. Macht Ihnen das Sorgen?

Es ist sehr wichtig, dass wir islamischen Unterricht einführen - allerdings muss er auf Deutsch sein, von in Deutschland ausgebildeten Lehrern gehalten werden und auch mit den Schulaufsichtsbehörden abgestimmt sein. Damit gäbe es auch eine Alternative zu den meist undurchsichtigen Koranschulen. Dort werden oft integrationsfeindliche Inhalte vermittelt, und wir können keinen Einfluss darauf nehmen.

Warum gibt es dieses Modell bisher noch nicht?

Wir haben zwar Pilotprojekte , doch derzeit fehlt uns noch ein Ansprechpartner auf muslimischer Seite, wie wir ihn bei anderen Religionen haben. Aber es gibt immer mehr innovative Projekte, wie man mit diesem Problem umgeht.

Welche Fehlentwicklungen sehen Sie auf islamischer Seite?

Nicht der Islam an sich, sondern der Islamismus muss uns Sorgen machen - denn er stellt die Scharia über das Grundgesetz. Damit negiert er grundlegende Prinzipien unserer Gesellschaft und schränkt so Muslime wie Christen ein. Da muss man genau hinschauen. Früher haben wir dies nicht gemacht, weil man dachte, dass es als islamfeindlich verstanden wird. Aber das ist es nicht. Es ist islamismusfeindlich - und das sollten wir auch sein.

Man hat also bisher zu stark pauschalisiert?

In beide Richtungen - denn es gibt weder einen komplett verfassungsfeindlichen Einheitsislam noch einen verfassungsfreundlichen Einheitsislam. Islam ist das, was die Muslime daraus machen.

Stichwort Verfassung: Ein Institut hat per Umfrage festgestellt, dass deutsche Muslime besonders patriotisch sind.

Das erlebe ich ganz häufig. Viele sagen: Warum seid ihr denn so verklemmt mit eurer Fahne und Hymne. Das freut mich, denn ich glaube, dass uns ein fröhlicher Patriotismus bei der Integration sehr helfen würde. Wir dürfen solche Rituale und Feiern, zum Beispiel bei der Einbürgerung, nicht unterschätzen.

Und trotzdem gibt es noch viele Berührungsängste wie beim Moscheebau. Warum?

Natürlich müssen Muslime ihren Glauben in angemessenen Räumen leben können. Aber es gibt auch Moscheen, die als Machtdemonstration missbraucht werden. Dort wird der Bau des Gotteshauses genutzt, um ein Gefühl der Überlegenheit zu erzeugen. Ich halte es zum Beispiel für eine unnötige Provokation, wenn Moscheen nach osmanischen Eroberern benannt werden. Es dient auch nicht der Integration, wenn im Umfeld eine Art Parallelwelt geschaffen werden soll.

Wie kann das verhindert werden?

Indem man den Bau kritisch begleitet und Fragen stellt: nach der Finanzierung oder nach dem Namensgeber. Aber man muss festhalten: Es gibt sehr viele Bauprojekte, wo es wirklich sehr gut läuft. Wichtig ist, dass man die Anwohner vorher in die Pläne einweiht und nicht vor vollendete Tatsachen stellt.

Die CDU ist christlich geprägt. Inwieweit kann sie überhaupt unverkrampft auf Muslime zugehen?

Wir können das einfacher als religionsfeindliche Parteien. Wir sagen im Grundsatzprogramm eindeutig, dass wir eine Partei von Christen, Nichtchristen und Andersgläubigen sind - die aber die christlich geprägten Werte bejahen. Man kann auch über andere Religionen zu diesen Werten kommen. Diese Menschen finden sich bei uns wieder. Doch gibt es auch Berührungsängste.

Warum gibt es dann in der Union so wenige Abgeordnete mit muslimischem Hintergrund?

Weil die Berührungsängste auf beiden Seiten bisher noch zu groß waren.

Aber letztlich ist die Union eindeutig gegen den Beitritt der Türkei in die EU und führt dafür auch immer wieder den Islam an.

Man muss sehen, dass die Religion die Kultur eines Landes beeinflusst. Wir in Europa sind durch das Christentum geprägt. Und die Türkei ist entsprechend muslimisch beeinflusst - was zu kulturellen Unterschieden führt. Wenn die Türkei beitreten würde, gäbe es innerhalb der EU so große Unterschiede, dass man keinen gemeinsamen kulturellen Nenner mehr fände. Dann wäre die Europäische Union nur noch eine gehobene Freihandelszone.

Werden wir in 20 Jahren einen muslimischen Bundesminister haben?

Ein Bundesminister muss keinem bestimmten Glauben folgen, sondern dem Grundgesetz.

RZO