Westerwlder Mutter will Kinder selbst unterrichten: Klage
Neuwied Verben lernen mit Mama im Bett, Bio pauken auf der Blumenwiese zu Hause.
So wollen zwei Westerwälder ihre Kinder unterrichten, Unterricht in der Schule lehnen sie ab. Jetzt zogen sie deshalb vor Gericht.
Ein Ehepaar aus dem Kreis Neuwied hält nichts von den Schulen im Land - und klagt jetzt vor dem Verwaltungsgericht Koblenz. Es will von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) eine Sondergenehmigung erstreiten, damit die Mutter die Kinder selbst unterrichten kann.
Die Westerwälder zählen zu den rund 300 bis 500 Befürwortern von Hausunterricht in Deutschland. Sie schicken drei ihrer Kinder (15, 12, 9) bereits seit Frühjahr 2007 nicht mehr zur Schule - trotz Schulpflicht. Bußgelder bezahlten sie nicht. Ein viertes Kind (6) ist ab August schulpflichtig. Die Eltern meldeten es aber bisher bei keiner Schule an.
Um sich einem Verfahren beim Familiengericht zu entziehen, zog die Familie - inklusive dreier Ponys und zweier Hunde - im Januar nach Belgien. In dem Land ist Hausunterricht erlaubt. Viele deutsche Schulgegner fanden dort Zuflucht. "Mein Mann und ich hatten in Deutschland täglich Angst, dass man uns die Kinder wegnimmt", sagt die Mutter (45). "Das hat uns sehr belastet. Wir haben keine Kraft mehr." Die Eltern glauben, dass sie vor Gericht keine Chance haben. Sie reisten erst gar nicht zum Prozess an.
Das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Peter Fritz machte in der Verhandlung deutlich, dass sich die Klage wohl erledigt hat. Grund: Die Kinder leben nicht mehr im Land, darum sind sie hier auch nicht mehr schulpflichtig. Dennoch rügte das Gericht die "völlig kritiklose Maxime der Mutter", wonach nur sie wisse, was für ihre Kinder gut sei.
Warum schicken die Eltern ihre Kinder nicht zur Schule? Die Mutter, die selbst das Abitur auf einem Gymnasium absolviert hat, hält ihre Kinder für hochbegabt. Ihr besonderes Begabungsprofil sei nicht mit Lehrplänen vereinbar. Zudem sollen zwei der Kinder an der seltenen Krankheit Kryptopyrrolurie leiden - Symptome: Übelkeit, Kopfschmerzen, körperliche Schwäche.
Die Mutter orientiert sich beim Hausunterricht an Lehrbüchern, aber sie will vieles anders machen: Rechnen lernen mit Kreide auf der Terrasse, Biounterricht in der Blumenwiese, Verben pauken im Bett. "Vor allem aber lernen die Kinder im Selbststudium", sagt die Mutter. "Wir kaufen Bücher und sie lernen allein. Das funktioniert gut." Französisch soll ein Lehrer im Haus unterrichten. Wie der Unterricht in Physik oder Chemie ablaufen soll, ist noch unklar.
Die ADD lehnte den Antrag der Eltern auf Hausunterricht im Mai 2008 ab. Denn er ist laut dem Schulgesetz nur in begründeten Ausnahmen möglich - etwa bei einer Krankheit. Doch Amtsärzte erkannten die Erkrankung der Kinder nicht an. Das Gericht gibt sein Urteil in zwei Wochen bekannt. (haw)
RZO
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