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Der Mond ist ein Stückchen Erde - und Mainzer bewies es mit Gestein

Mainz So groß wie eine Faust und 150 Gramm schwer war der Brocken, der vor exakt 40 Jahren in der "Apollo 11" seine Reise vom Mond nach Mainz antrat. Das Ziel: die Abteilung Kosmochemie des Max-Planck-Instituts, die der Meteoriten- und Planetenforscher Heinrich Wänke leitete.

Was folgte, veränderte die Sicht der Wissenschaft auf die Mondentstehung radikal. Mit einem neuen Analyseverfahren tasteten sich die Mainzer Mikrogramm für Mikrogramm zu einer bahnbrechenden Erkenntnis vor: der Mond ist ein Kind der Erde, herausgeschlagen als ein Kleinplanet auf die Erde prallte.

Bis zu diesem Zeitpunkt dominierten vor allem drei Theorien zur Entstehung des Erde-Mond-Systems. Einige Forscher glaubten, der Mond sei ein eigenständiger Himmelskörper, andere wiederum behaupteten, der Mond sei aus dem Erdinneren herausgeschleudert worden. Die dritte Fraktion hielt fest an einer gleichzeitigen und voneinander unabhängigen Entstehung von Erde und Mond. Wänkes Analysen aber ergaben, dass die Mondstücke unserem Heimatplaneten in ihrer chemischen Zusammensetzung sehr ähnlich sind.

Es war einer der Höhepunkte seiner Forscherkarriere, auf den er jahrelang hingearbeitet hatte. Alles hing vom Gelingen der Mondmission ab. Als die "Apollo 11" landete und Neil Armstrong den ersten großen Schritt für die Menschheit unternahm, betete der damals 41-Jährige, dass die Raumfahrer heil wieder auf die Erde zurückkehren mögen. Er saß zu diesem Zeitpunkt im WDR-Studio in Köln.

Es war eine seiner längsten und anstrengendsten Nächte überhaupt. 27 Stunden am Stück analysierte und kommentierte der Forscher und Mondexperte gemeinsam mit vier weiteren Wissenschaftlern und einem Moderator die Mission. "Sogar mein Bart wuchs sichtbar während der Sendung", erinnert sich der heute 81-Jährige.

Was er bereits wusste: Die Nasa hatte seiner Forschungsgruppe zugesagt, dass sie eine von rund 50 Einrichtungen weltweit sein wird, die Mondgestein zur Analyse erhält. Wänke hatte mit seinen Forschungen über Sonnenwinde das Interesse der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde geweckt. Der promovierte Physiker hatte vorausgesagt, dass sich eine Staubschicht auf der Mondoberfläche befindet, die mit den Teilchen des Sonnenwindes gesättigt ist. Durch die Analysen wollte er seine Theorie bestätigen, die anfangs von vielen Kollegen nur belächelt worden war.

Nachdem die "Apollo 11" wieder auf die Erde zurückgekehrt war, sandte das Institut einen Kollegen in die USA, der den Mondbrocken nach Mainz bringen sollte. Wänke war später einer der ersten Wissenschaftler überhaupt, der Mondgestein persönlich in den Händen hielt - 4,5 Milliarden Jahre alt und rund 380 000 Kilometer gereist. Den Brocken nahmen Wänke und sein Kollege Friedrich Begemann ganz genau unter die Lupe. Für die chemische Analyse mussten sie den Mondstein am Ende in seine einzelnen Bestandteile zerlegen. "Wir hatten damals Bedenken, dies unserem Labor zu überlassen und nahmen es selbst in die Hand", sagt Wänke. Nach Feierabend trafen sich die beiden im Institut und bereiteten alles vor. Sie spannten eine Plastikfolie über den Stein, damit wegspritzende Teilchen nicht verloren gingen.

Zwei Stunden später war der Mondstein zerklopft. Als Wänke wenig später über den Hof schlenderte, juckte es ihn in der Nase. "Ich habe mir die Nase geputzt und bemerkte zwei schwarze Flecken im Taschentuch." Durch das Pulverisieren des Steins war Staub entstanden und ein wenig davon in Wänkes Nase geraten. "Das war so ziemlich der bewegendste Augenblick meines Lebens", sagt der Physiker. "Über mir das Meer der Ruhe, von wo die Proben der "Apollo 11" stammten, und da oben fehlte nun ein Stein. Winzige Bestandteile davon hatte ich nun im Taschentuch."

Unter Wänkes Leitung analysierte das Institut über viele Jahre Proben aller Mondlandestellen. Selbst zum Mond fliegen wollte der Wissenschaftler nie. "Ich bin kein Abenteurer, das wäre mir zu gefährlich gewesen." Nach dem Mond widmete er sich dem Planeten Mars, bevor der Direktor der ehemaligen Abteilung Kosmochemie mit 80 Jahren in den Ruhestand ging. Was Wänke bleibt, ist die Erinnerung, wenn er heute in den Nachthimmel schaut - an die Zeit, in der er seinem vertrautem Freund, dem Mond, zum Greifen nah war. (Denise Bergfeld)

RZO