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Urlaub mit Engpässen: DDR-Reiseschau an der Müritz

Waren Spreewald, Ostsee, Elbsandsteingebirge, Schwarzatal - Urlaubsfilme flimmern über die Leinwand. «Das kennen wir alles noch», sagt Uwe Gerlach.

Der Urlauber aus Zeitz (Sachsen-Anhalt) steht mit seiner Frau in der Reiseschau «DDR privat - Von der Ostsee bis an den Balaton».

Kultur-Unternehmer Bernd Rupp hat dafür Gegenstände zum Thema Reisen im Osten zusammengetragen, die in Waren an der Müritz in einer alten Post mit DDR-Charme bis 7. Oktober zu sehen sind - gekoppelt mit Lesungen und Fotoausstellungen zum Thema. Das Echo der Besucher ist unterschiedlich: Bei vielen werden Erinnerungen an schöne Urlaube trotz Mangelversorgung geweckt, einige sagen: zu wenig zu sehen.

Sechs Räume hat Rupp ausgestattet. «Wir wollen Erinnerungen wecken, aber auch aufklären», sagt der 41-Jährige. Anhand privater Erlebnisberichte wird das Spannungsfeld von staatlicher Reglementierung und individueller Freiheitssuche dargestellt. «Der Massentourismus machte auch vor der DDR nicht halt», meint Rupp. So stieg im Sommer die Zahl der Menschen im damaligen Bezirk Rostock um das Fünffache. «Das brachte enorme Versorgungsengpässe an der Ostsee mit sich», sagt Heinz Hanns, Ex-Chef der Einheitsgewerkschaft FDGB, die allein 700 Ferienheime betrieb.

Davon berichtet auch die Reiseschau. Zu Wort kommt etwa Gerd Schröter, Leiter des FDGB-Hotels in Klink an der Müritz, das vor 35 Jahren seine ersten Gäste begrüßte. In den 70er Jahren wurden DDR-weit acht- und mehrstöckige Urlaubshäuser gebaut, um die riesige Nachfrage zu befriedigen. Eines der bekanntesten dürfte das Neptun-Hotel in Warnemünde sein. Das Hotel ist auch heute noch im Betrieb, ebenso wie das in Klink bei Waren. Andere - wie in Rheinsberg - wurden nach der Wende abgerissen. «In Klink Urlaub zu bekommen, war etwas Besonderes», erinnert sich Schröter.

Der Ausstellungsgast kann sich in ein klassisches DDR-Wohnzimmer mit Anbauwand setzen, wo der Urlaub geplant wurde. Auf dem Tisch liegen Zeitschriften wie «Pramo», »NBI» und «Für Dich», ein Buddelschiff erinnert an den letzten Urlaub. Zu sehen ist auch ein schilfgrüner Trabant - Millionen tuckerten mit diesen Autos über holprige Autobahnen in die Ferien. «Das Gefühl kenn ich noch», sagt Gerlach. Auf Knopfdruck ertönt das typische Trabant-Startgeräusch, sofort kommen Besucher ins Gespräch. Ein aufgeklappter Campinganhänger steht daneben, per Tonband erzählt eine Familie von ihren Erlebnissen im Auto durch Tschechien, Ungarn und Rumänien bis zum Campingurlaub in Bulgarien.

Auch Müritz und Seenplatte waren Urlaubermagneten. «Hier haben wir gezeltet», erinnert sich Ausstellungsbesucherin Jana Gerlach. Selbst Ketchup und Campingtisch kommen ihr bekannt vor. Ein anderer Besucher ruft: «Gucke mal, die Dreieckbadehose da beim Strandkorb.» An der Decke erinnert ein selbstgebautes Kanu an den Erfindergeist einiger Bastler. Camper und Surfer bevölkerten damals wie heute Boek am Südende der Müritz.

Aber auch große Politik wird nicht ausgespart. So zeigt eine Serie des Fotografen Benno Bartocha, wie der frühere Raketenstandort der sowjetischen SS 20 bei Waren auf Geheiß der SED ab 1987 mit Millionenaufwand zu einem Ferienobjekt umgestaltet wurde. Der Komplex aus Plattenbauten erlebte nur eine Saison - 1989. Heute ist alles abgerissen.

Eine Anekdote zum Streit um die Freikörperkultur (FKK) hat Rupp auch aufgetrieben. So soll der damalige DDR-Kulturminister Johannes R. Becher zu einer nackten Frau an einem FKK-Strand gesagt haben: «Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?» Der Satz wurde genau vor 50 Jahren öffentlich. Die Frau war die Schriftstellerin und spätere DDR-Nationalpreisträgerin Anna Seghers. Sie soll bei der Preisverleihung 1959 zu Becher gesagt haben: Für Sie immer noch 'alte Sau'». von Winfried Wagner, dpa

dpa-infocom