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Worms wagt die lustigen Nibelungen

Worms Jetzt hätten sie ihn doch fast vergessen: Die Akteure haben sich bereits zum Schlussbild auf der Bühne versammelt, da stürmt Siegfried die Zuschauertribüne herunter. Hallo, er sei doch hier die Hauptfigur, was denn hier los sei, will er entrüstet wissen.

Was hier los ist? Die Wormser Nibelungen-Festspiele wagen sich erstmals an eine Komödie. «Das Leben des Siegfried» erzählt die mythenumrankte Sage des Nibelungen um Liebe, Verrat, Rache und Mord einfach mal auf lustige Weise. Nicht jede Pointe zündet, manch ein Kalauer ist dabei - aber alles in allem ist es doch ein unterhaltsamer Freitagabend.

Der Schriftsteller John von Düffel hat den urdeutschen Stoff umgeschrieben. Der Drachentöter Siegfried (André Eisermann) hat nur einen Kurzauftritt am Anfang und am Ende des Stückes. Die Hauptfigur ist diesmal Seefred (Mathias Schlung). Der will auf seiner Santa Maria eigentlich «nur» nach Indien segeln, um von dort Gewürze zu importieren. Dummerweise wird er aber überall für den starken und fast unverwundbaren Siegfried gehalten.

Statt in Indien landet er in Island, bei der furchteinflößenden Brünhild (Nina Petri). Die gibt vor Publikum die Männerhasserin, zeigt dem für Siegfried gehaltenen Seefred aber ihre weichen Seiten. «Immer nur stark sein, siegen und über Leichen gehen. Mal ehrlich, Siegfried, das ist doch kein Leben.» Näher kommt sich das Paar beim Eiskunstlaufen, auch sonst trägt das Stück stellenweise dick auf: Gunthers Brüder treten als überdimensionale Pudel auf, es gibt zwei singende Raben namens - Achtung, Kalauer - Udo und Jürgens.

Sieht man von der Verwechslung um Seefred ab, orientiert sich die Handlung stark am Nibelungenstoff. Hagen (Christoph Maria Herbst) ist der machtbewusste Intrigant, dazu versucht er sich im Stück als Pointenjäger - mit Erfolg. Herbst, aus dem Fernsehen vor allem als Büro-Fiesling «Stromberg» bekannt, hat von allen das beste Gefühl für den richtigen Zeitpunkt und sammelt wohl die meisten Lacher ein.

Am lustigsten ist das Stück, wenn es so richtig Fahrt aufnimmt. Da ist zum Beispiel der Zweikampf zwischen Gunther (Gustav Peter Wöhler) und Brünhild - sie messen sich im Königköpfen, Ritterringen und Drachenrachen-Löschen. Unterlegt von schmissiger Musik der Band hetzt Seefred unter seiner Tarnkappe durch die Szene, um den gewünschten Sieg Gunthers sicherzustellen. Slapstick der besseren Art, den es bis 16. August jeden Abend zu sehen geben wird.

An der Freilichtbühne am Wormser Dom gab es für die Darsteller und das Team um Regisseur Gil Mehmert langen, wenn auch nicht frenetischen Applaus. Der Kabarettist Ottfried Fischer sprach von einer «gelungenen Mischung aus Klamauk und Choreographie», Schriftstellerin Elke Heidenreich bilanzierte: «Ich habe viel gelacht.»

Im achten Festspiel-Jahr am Wormser Dom musste Intendant Dieter Wedel etwas ganz Neues wagen - in den vergangenen Jahren war die Geschichte in allen dramatischen Variationen durchgespielt worden. «Spaß haben, ohne die Geschichte zu veralbern», gab Wedel vor der Premiere als Motto vor. Eine Gratwanderung, die auf der Bühne im Großen und Ganzen gelang. Nächstes Jahr wird es wieder ernst, die Festspiele wollen sich erstmals einem Thema fernab der Nibelungen widmen: Dann steht eine neue Version des «Jud Süss»-Stoffes auf dem Programm.

www.nibelungenfestspiele.de Von Marc Strehler, dpa

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