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NO9: Licht und Laser über dem Hunsrück

Pydna/Hunsrück Es gibt einen neuen Besucher-Rekord zum 15. Geburtstag der Nature One, Europas größtem Festival für Elektro-Musik: 61 000 Raver trafen sich am Wochenende auf der ehemaligen Raketenbasis Pydna im Hunsrück - so viele wie nie zuvor. Etwaige Krisengedanken tanzten, feierten, lächelten die 61 000 weit, weit weg.

Die Sonne geht auf, zumindest muss sie sich irgendwo hinter den Wolken am Himmel aufhalten. Die letzten Bässe wummern aus den Boxen, der Rhythmus wird langsamer, immer langsamer, bis die Töne völlig verstummen. Das war"s, die 15. Nature One - nur noch Geschichte. Dag, der Trance-DJ aus Frankfurt, hat an diesem Sonntagmorgen traditionell das letzte Set auf dem Open-Air-Floor gespielt. Seine Karriere auf der Pydna ist damit beendet. Vielleicht auch nicht, so genau weiß man das nicht. Während der drei Tage und zwei Nächte zuvor hatten 300 DJs aus 25 Ländern ein vielfältiges Potpourri an elektronischer Musik aus den Boxen gejagt - auf 4 Haupt- und 18 Klub-Floors.

Es ist der besondere Reiz, ja , die Ehre, auf dem Open-Air-Floor in den Sonnenaufgang hineinspielen zu dürfen, die Dag Mitte der 90er-Jahre erstmals in den Hunsrück gelockt hatte. "Damals dachte ich erst, dass es uncool ist, hier zu spielen", sagt der 48-Jährige heute. Dieses Vorurteil hat er schnell geändert, seitdem spielt Dag traditionell das abschließende Set auf der Pydna. Viele munkelten, dass es gestern sein letzter Auftritt war, weil er seine DJ-Karriere nun beenden will. Dag selbst sagte: "Ich bin seit 25 Jahren DJ und deshalb hin- und hergerissen. Was soll ich machen? Vielleicht bin ich bei der 16. Nature im nächsten Jahr doch wieder dabei."

Dabei war in diesem Jahr auch wieder Armin van Buuren (Leiden) - bereits zum fünften Mal in Folge. "Jeder hat mir erzählt, dass Trance-Musik in Deutschland nicht so beliebt ist. Aber, hey, Trance-Musik kommt doch aus Deutschland. Und ist gerade hier total beliebt", sagte van Buuren, der zu den meist gebuchtesten DJs der Welt zählt. Seine trancigen Beats sendete er am frühen Sonntagmorgen ins Publikum - vom Pult des Open Air Floors aus, direkt nach Feuerwerk und Festivalhymne "Smile is the answer" von Nature One Inc.

Eine DJ-Maus aus Kanada

In der Nacht auf Sonntag hatte sich auch der Kanadier Deadmau5 (Toronto) auf dem Open-Air-Floor vorgestellt - natürlich verbarg er wieder sein Haupt in einem überdimensionalen Mäusekopf. Als einer der Liveacts, die beim diesjährigen Nature-Line-up eindeutig in der Unterzahl waren, präsentierte er ausschließlich Klänge aus dem eigenen Repertoire. Sein Künstlername ist übrigens an einen toten Nager angelehnt, den er eines Tages in seinem Computer fand.

Weniger kryptisch, aber ebenfalls mit einer Live-Performance im Gepäck, erschien Anthony Rother aus Frankfurt. Der Open-Air-Floor, auf dem der Mythos Nature 1995 begann, sowie dessen ganz spezielle Atmosphäre bewirken, dass Rother regelmäßig "schlotternde Knie" hat. Immer noch. Trotz vieler Jahre Bühnenerfahrung sagt er: "Die Kulisse auf dem Open-Air-Floor? Die ist einfach der Wahnsinn."

Weniger als Liveact - dafür zum ersten Mal auf die Pydna - waren die beiden Turntablerocker aus Berlin gereist, Michi "Hausmarke" Beck und Thomas "DJ Thomilla" Burchia. Während der ersten Minuten ihres Auftritts schien es, als hätten sie sich verfahren: Was hat der zarte, zuweilen geheimnisvolle Klang einer Akustikgitarre mit den klaren Techno-Tönen der Nature zu tun? Klarer wurde ihr Vorhaben, als sie den zunächst gemächlichen Remix des Songs "Rhythm is a Dancer" deutlich um einige Takte beschleunigten. Und sich deshalb die Schritte der Tänzer ebenfalls immer schneller auf dem Betonboden auf und ab, vor und zurück bewegten.

Freitags hatte auf dem Open-Air-Floor Sander van Doorn (Eindhoven) sein Debüt gegeben, hatte Moguai (Ruhrgebiet) das Pult zum Rasen gebracht, hatte Paul van Dyk (Berlin) die Menge in Ekstase versetzt.

Die Harten in den Circus

Der Century Circus indes ist traditionell die Herberge der härteren Klänge des Techno-Genres. Sven Väth (Frankfurt), Carl Cox (London) und etwa Eric Sneo (Frankfurt) prüften das wenig sensible musikalische Gemüt ihres Publikums am Freitag. Chris Liebing (Frankfurt), Hell (München) und Sven Wittekind (Frankfurt) traten am Samstag auf - in gewohnt ruppiger Manier.

Seit 2000 gehört das House of House als dritter Haupt-Floor zum Festival. Künstler, die Disco- und Elektroplatten kreuzen, bedienten in diesem Zelt, pardon: House, die Mischpulte. Tom Novy (München), die Disco Boys (Hamburg) sowie Tiger and Dragon aus Düsseldorf waren etwa am Freitag da. Tags darauf führten die Klangkünstler Dominik Eulberg (Bonn), Moritz Piske (Berlin), Babor (Koblenz) und Gabriel Ananda (Köln) ihre musikalischen Fertigkeiten vor.

Der Classic Terminal, als vierte Hauptbühne wieder unter freiem Himmel, transportierte die Raver zurück in die Vergangenheit, zu den Anfängen des Techno - puristisch ohne Licht und Laser. Dag spielte dort freitags ein Classic-Set über fünf Stunden, samstags kreuzten etwa Hardy Hard (Berlin) oder Charly Lownoise & Mental Theo (Den Haag) auf. "Bei uns geht"s ab, wir spielen die ganz alten Sachen", sagte Theo. Und verteilte seltsam klingende, weil honigsüße Komplimente: "Die Raver in Deutschland sind viel fröhlicher als die in Holland. Bei uns gibt es Gabba, die haben alle Glatzen und tragen seltsame Anzüge."

Raver, denen der Klangkatalog der Haupt-Floors zu dünn - zu weich, zu langsam, zu unausgewogen - war, wählten in den 18 Klub-Floors elektronische Musik ihres ganz persönlichen Geschmacks. Tresor (Berlin), Thunderdome (Niederlande), Airport (Würzburg), Cassius Enterprises (Saarland) und wie sie alle heißen, gehören zum Inventar der Nature.

Von Jan Lindner

RZO