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«Aufschieberitis»: Das Phänomen Prokrastination

Hamburg Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, schrieb einst Hermann Hesse. Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne, passt meistens besser.

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, Unangenehmes aufzuschieben - heutzutage mehr denn je, weil es so viele Möglichkeiten gibt.

In jüngster Zeit setzt sich im Deutschen ein neues Wort für diese «Aufschieberitis» durch: Prokrastination (lateinisch: pro = für, cras = morgen). Wer prokrastiniert, findet, dass das meiste, was heute zu tun wäre, auch morgen noch gemacht werden kann, oder übermorgen - oder übernächsten Donnerstag. Ist dieses Verhalten eine Anpassung an das moderne Leben?

Im Internet kann man seit längerem T-Shirts mit der Aufschrift bestellen: «The Top Ten Reasons I Procrastinate: 1.» - und der Text bricht ab. Das zeigt: Im Englischen ist der Begriff «procrastination» längst in der Alltagssprache angekommen.

Evelyn Knörr von der Duden-Redaktion sagt, auch im Deutschen sei er ein «anerkanntes Fremdwort». Aber: «'Prokrastination' steht noch in keinem unserer Wörterbücher. Der Begriff ist aber schon vorgemerkt, zunächst einmal für die Fremdwörterbücher.» Auf einen Schlag bekannter gemacht hat das Wort der Schriftsteller Max Goldt, der vor ein paar Jahren den satirischen Artikel «Prekariat und Prokrastination» veröffentlichte.

Faules Aufschieben und fehlendes Zupacken kennt fast jeder: E-Mails bleiben unbeantwortet, unangenehme Briefe ungeöffnet, die Steuererklärung unerledigt und die Angebote für die dringend notwendige Zusatzversicherung auf dem Schreibtisch unbeachtet. Da werden plötzlich selbst Badezimmer-Putzen, Müll-Rausbringen und Kleiderschrank-Ausmisten zu attraktiven Alternativen - oder lieber gleich nur die Decke anstarren.

Mehrere Bücher haben sich in den vergangenen Monaten direkt oder indirekt dem Zeitgeist-Phänomen gewidmet. Jüngst beschrieb die Journalistin Elena Senft, Jahrgang 1979, ihre ganze Generation - oder zumindest ein sendungsbewusster Teil davon - als gefangen zwischen Praktikum und Prokrastination. Wie die heute etwa 30-Jährigen sozusagen nicht erwachsen werden wollen oder aber, aufgrund fehlender Jobs und Sicherheiten, nicht können, schildert sie in dem Buch mit dem vielsagenden Titel «Und plötzlich ist später jetzt».

Am meisten Echo im Zusammenhang mit der Prokrastinations-Welle fand aber das Buch «Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin». Als ein «Lob der Disziplinlosigkeit» wurde das Werk der Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig und des Bloggers Sascha Lobo beworben. Die antizyklische These der beiden: «Nicht der Aufschiebende ist lebensuntauglich, vielmehr ist sein Umfeld mit falschen Erwartungen und überkomplizierten Organisationsstrukturen verseucht.»

Auch die Soziologin Maria Angerer vom Beratungsunternehmen Trendbüro in Hamburg sieht das Aufschieben nicht mehr nur negativ, sondern eher als interessante Reaktion vieler Menschen auf die aktuellen Umstände. «Wer aufschiebt, hält sich ein Maximum an Möglichkeiten offen. In einer sich stark und ständig verändernden Umwelt gilt es, spontan zu sein und flexibel reagieren zu können.»

Gutes Beispiel sei in der derzeitigen Krise zum Beispiel die Geldanlage, sagt Angerer. «Wer nichts tut, kann auch nichts falsch machen. Darum erfährt das Sparbuch regen Zuspruch: Da kann nicht viel passieren ­ und die Liquidität für ein schnelles Reagieren auf bessere Zeiten im Markt ist ebenso gewährleistet.» Alles in allem gelte heute: «Angesichts der Informationsflut ist es immer schwieriger, die relevante Essenz für einen selbst zu erkennen. Das Gefühl vollständiger Information gibt es immer weniger. Daher verharrt man in einem Status quo, der zwar nicht optimal ist, aber immer noch besser als das Eingehen nicht abschätzbarer Risiken.» Von Gregor Tholl, dpa

dpa-infocom