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«Krawattenmann» mit Fliege lebt 20er-Jahre-Stil

Berlin Wenn Jan-Henrik Scheper-Stuke eine Disco betritt, fällt er garantiert auf.

Der 27-Jährige Berliner trägt die gegelten blonden Haare glatt nach hinten gekämmt, auf seiner Nase thront eine schwarze Hornbrille und der maßgeschneiderte Anzug sitzt perfekt.

Doch der eigentliche Hingucker ist die große dunkle Fliege um seinen Hals. Mit kleinen Watteröllchen vom Zahnarzt hat er ihr das nötige Volumen verpasst. Er hat sie selbst entworfen - nach Bildern von Philipp Scheidemann. Dieser trug eine solche Fliege, als er am 9. November 1918 die Republik ausrief. «Die 20er Jahre, die liebe ich», schwärmt der Juniorchef der 100 Jahre alten Berliner Krawattenmanufaktur Edsor Kronen: das Mobiliar, die Kleidung, die Literatur, alles. Erst sei es nur ein Hobby gewesen, jetzt sei es ein Lebensgefühl.

Schon zu Internatszeiten trug Scheper-Stuke stets eine Schleife um den Hals. Und seine Hemden haben alle einen weißen Kragen. «Der Kontrastkragen ist wichtig für mich», sagt er, da man ihn besser mit allen Farben kombinieren könne. Seine Freunde nehmen kaum noch Notiz von seinem besonderen Äußeren. Zu seinem Job passt die Erscheinung wie aus einem Film der goldenen 20er perfekt. Ende des Jahres übernimmt er die Geschäftsführung des Betriebes von seinem Patenonkel Günther Stelly.

Der «Krawattenmann» , wie Scheper-Stuke oft genannt wird, obwohl er meistens Fliege trägt, lehnt sich lässig gegen Stoffbahnen, präsentiert unermüdlich Muster und Damenschals. Für ein Foto springt er auch mal auf einen Tisch. Eigentlich wollte der 27-Jährige in die Politik gehen. Früher habe er sich bei der Jugendorganisation einer Partei engagiert. «Aber schreiben Sie jetzt nicht, welche», fordert er. Doch die Politik verderbe den Charakter.

Daher will er nun lieber das Image seiner 100 Jahre alten «Hinterhoffirma» kräftig entstauben. Mit einer neuen Homepage hat er angefangen. Wichtig ist ihm auch die Zusammenarbeit mit jungen Designern für die Berliner Fashion-Week und die Edsor-Kronen-Parties in den angesagtesten Clubs der Hauptstadt. Hier hat er einmal 1000 Krawatten einfach verschenkt. Die Firma wolle expandieren und den amerikanischen Markt erobern. Bald sollen auch Schlipse in Japan verkauft werden. Dort sei trotz Wirtschaftskrise das Interesse an den Luxuskrawatten groß - eine Sonderanfertigung kostet immerhin an die 90 Euro.

Die kleine Manufaktur ist in einem Kreuzberger Hinterhof versteckt. Ein unscheinbares Messingschild ist der einzige Hinweis. Doch im zweiten Stockwerk fühlt man sich wie auf einer Zeitreise. Das geschwungene Samtsofa trägt Blumenmuster, an der Decke hängen Art-Déco-Lampen, in Vitrinen stehen edle Porzellan-Vasen. Auch die Toilette ist vollkommen im Stil der 20er Jahre gehalten.

Im Jahr 1909 wurde die Firma gegründet. Ihr Name ist ein Kunstbegriff und besteht aus Edsor für «Edle Sorte» und dem Markennamen «Kronen». Zu den Kunden gehören Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Umweltminister Sigmar Gabriel, wie Scheper-Stuke stolz erzählt. Die Stoffe werden in Mailand gewebt und in Deutschland zu Krawatten, Hausmänteln, Schleifen und Tüchern genäht. «Produkte mit Geschichte verkaufen sich einfach besser», sagt der junge Geschäftsmann.

In der Lagerhalle stapeln sich alte Stoffbahnen, ein Zeugnis der vergangenen 30 Jahre. Im Jahr verkauft die Firma rund 500 000 Krawatten. In den Werkräumen der Manufaktur werden die Stoffe nur gelagert und zerschnitten. Rund 80 Näherinnen in Berlin und Brandenburg fertigen in Heimarbeit die Krawatten und Schleifen an. Rund 22 Minuten bräuchten sie für eine Krawatte, sagt Scheper-Stuke, «12 Minuten für ein Einstecktuch».

Ein Stapel orangefarbene und grell-grüne Muster mit Reitermotiv liegt auf dem Tisch. Mit diesen Stoffen ziehen die Vertreter durch Deutschland, aber auch Skandinavien, Holland und die Schweiz. Solche Tiermotive «laufen ganz gut auf dem Land», meint Scheper-Stuke beinahe abfällig. In Skandinavien würden eher verhaltene Farben verkauft, «die trauen sich nicht so grelle Sachen zu tragen.»

Scheper-Stuke bindet sich eine fertig genähte Krawatte, grell-orangefarben mit Sternchenmuster, über die Fliege. «Das finden Sie jetzt doof, oder?», fragt er. Dann hat er es eilig. Stoffe für die gemeinsame Kollektion mit dem Label Lala Berlin sind beim Zoll hängen geblieben, das müsse er jetzt sofort klären. Der Geschäftsmann greift zum Handy. Bei aller Liebe für die 20er Jahre - ganz auf moderne Technik verzichten will auch Scheper-Stuke nicht.

Krawattenmanufaktur: www.edsor.de Von Naomi Conrad und Catherine Simon, dpa

dpa-infocom