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Am historischen Ort: Denk mal ans Genießen!

Rheinland-Pfalz An ungeahnten Stellen sollen Menschen etwas zum Genießen finden: Das ist das Credo des diesjährigen Tags des offenen Denkmals.

Am Sonntag, 13. September, laden bundesweit 7500 historische Stätten dazu ein, sie neu zu entdecken.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz will als Koordinatorin die Menschen animieren, sich für die gebaute Vergangenheit zu interessieren, die Arbeit und den Wert der Denkmalpflege zu verstehen. In Rheinland-Pfalz öffnen am Sonntag 270 Boden- und Baudenkmäler ihre Türen. Eines davon ist das Heimatmuseum in Rheinbreitbach (Kreis Neuwied). Was dieses mit dem Motto "historische Orte des Genusses" zu tun hat, das hat Katrin Steinert alias MoJane gefragt - und sich auf die Suche nach Relikten des Genusses begeben.

Unter Orten, an denen man genießen kann, stellt man sich Restaurants, den eigenen Garten oder die Sauna vor. Ein Heimatmuseum gehört wohl eher nicht dazu. Doch das Rheinbreitbacher Haus der Alltagsgeschichte präsentiert sich an diesem Wochenende als eine Stätte des Genusses - ebenso wie 270 andere historische Orte am Tag des Offenen Denkmals. Bernd Hamacher denkt beim Wort Genuss vor allem an „schöne Sachen“. An Essen, Bilder und Bücher. Keine Frage, dass für ihn auch ein Heimatmuseum etwas mit diesem Begriff zu tun hat. Der erste Vorsitzende des Rheinbreitbacher Heimatvereins (Neuwied) hat selbst eins mit ins Leben gerufen. Beheimatet sind die Zeugnisse vergangener Zeiten in einer denkmalgeschützten Winzerstube aus dem 17. Jahrhundert.

Das Museum ist einer von 270 „historischen Orten des Genusses“, die am Sonntag in Rheinland-Pfalz ihre Türen für Besucher öffnen. Der Tag des offenen Denkmals bietet dann die Möglichkeit, alte Zeugen unserer Geschichte zu entdecken, die sonst verschlossen sind oder einfach nicht beachtet werden.

Der oberste Denkmalpfleger in Rheinland-Pfalz, Joachim Glatz, rechnet mit 100 000 Besuchern. Anfangs war er von dem bundesweiten Motto „Genuss“ nicht allzu begeistert. „Ein normaler Mensch denkt dabei zuerst an Essen und Trinken.“ Aber dann kam er zu der Erkenntnis: „Man kann auch Parks genießen oder eine gelungene Restaurierung.“ Das Motto also lässt sich weit fassen: von Weinstuben und Wirtshäusern über Burgen mit ihrer schönen Aussicht bis hin zur meditativen Aura von Kirchen – und der Suche nach Relikten des Genusses in einem Heimatmuseum.

Bernd Hamacher läuft unter diesem Motto mit anderen Augen durch sein Museum. Im Wohnzimmer, in der Kinderstube, ja sogar im Bergbauzimmer findet er Relikte, die irgendetwas Genussvolles an sich haben. In der liebevoll eingerichteten Küche wandert sein Blick über Dutzende von Handmühlen für Kaffee, Nüsse, Schnibbelbohnen und Hackfleisch. Dann tritt er langsam an den alten Holzfeuerherd, auf dem ein gusseisernes Waffeleisen liegt. Etwas schwerfällig lässt es sich öffnen. „Damit kann man Teigwaffeln und Kartoffelwaffeln machen.“ Er freut sich. Waffeln sind natürlich äußerst schmackhaft.

Landeskonservator Glatz ist mittlerweile ebenfalls vom Thema begeistert. „Genuss und Muße waren bereits in der Vergangenheit als ein erstrebenswertes Ziel bekannt.“ In einem Giebel des Trierer Schlosses Monaise („Meine Muße“) etwa steht geschrieben: Muße mit Würde. „Es geht nicht um Rumgammeln, sondern um Genießen mit Niveau.“ So kann man heute Burgen, die früher eine strategische, militärische Funktion erfüllten, genießen. Einer seiner Lieblingsorte und ein Geheimtipp ist die Koblenzer Feste Kaiser Franz: eine wuchtige militärische Anlage mit ästhetischem Anspruch. Die schönen, verzweigten Treppen im Hof hätten auch ganz einfach gebaut werden können, betont Glatz. Weniger um Architektur und mehr um das, was Menschen zum Genießen und Wohlfühlen nutzten, geht es bei der denkmalgeschützten Winzerstube samt Weinkeller, in der seit 1997 die Geschichte von Rheinbreitbach bewahrt wird. Bernd Hamacher erinnert sich: „Früher waren die Sachen im ganzen Ort verteilt.“ Mit einem zentralen Ort bekam die Ortsgeschichte einen erlebbaren Rahmen. Je mehr Menschen darin stöberten, desto mehr Material wurde dem Heimatverein zugetragen. Mittlerweile platzt der Speicher aus allen Nähten. Das Kinderzimmer mit Puppenstuben und Kaufmannsläden hat bereits einige Erneuerungskuren durchlebt.

Auch begegnen den Gästen beim Rundgang Ausstellungsstücke, die eher mit Arbeit als mit Genuss zu tun haben. So die Sammlung alter Bügeleisen, altes Bergmannswerkzeug oder ein Waschzuber. Für manch einen würde dazu auch das eingerichtete Klassenzimmer gehören. In Bernd Hamacher aber weckt es genussvolle Erinnerungen an seine eigene Volksschulzeit. „Ich bin gern zur Schule gegangen.“

Ihre Schulbänke haben die Schüler der Klasse 5 b des Hager Hofs aus Bad Honnef gegen einen Besuch im Museum eingetauscht. Ihre Stimmen, ihre Fragen, ihr Lachen – all das verleiht dem kleinen Museum etwas Lebendiges. Sie mögen den freien Unterricht. Die Frage nach Genuss wird sich ihnen aber eher nicht stellen. Bernd Hamacher könnte sie beantworten: „In unserem Heimatmuseum kann man alles anpacken, schöne Dinge sehen und sich an Kleinigkeiten erfreuen.“ Ein Grund mehr, sich am Sonntag die Kirchen, Burgen und Parks anzuschauen – und zu spüren, worin der Genuss besteht.

Katrin Steinert

RZO