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Die Taliban:

Gotteskrieger kennen keine Gnade

Kabul/koblenz: Die Bundeswehr kämpft in Afghanistan gegen einen Feind, über den wenig bekannt ist: die Taliban.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff? Wie gefährlich ist diese fundamentalistische Miliz?.

Mit den Taliban ist der Bundeswehr in Afghanistan ein gefährlicher Gegner erwachsen. Denn die fundamentalistische Miliz zieht ihre Kämpfer immer mehr im Norden zusammen. Der wachsende militärische Druck der US-Streitkräfte im Süden zwingt sie zum Ausweichen. Zudem versuchen die Extremisten, die Hauptverbindungsstraßen in Nordafghanistan zu kontrollieren, über die der Nachschub für die internationalen Truppen rollt. Doch was wollen die Taliban, wie stark sind sie? Hier ein Überblick:

Wer sind die Taliban überhaupt?

Das Wort Taliban bedeutet übersetzt Student oder Schüler. Die meisten Taliban waren früher Koranschüler, später erkennbar an schwarzen oder dunklen Turbanen. Die fanatischen Islamisten sind in Afghanistan und in Pakistan aktiv. Ihre Hochburgen liegen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet und im Süden Afghanistans.

Wie stark sind sie?

Eine interne Studie der afghanischen Regierung belegt, dass die Taliban große Teile Afghanistans dominieren oder destabilisieren können. 133 von 356 afghanischen Distrikten gelten als brandgefährlich. Mindestens 13 von ihnen sollen unter Kontrolle der Taliban stehen. Der ganze Süden Afghanistan gilt als hochgradig angriffsgefährdet. Selbst Kabul wird als unsicher eingestuft. Im nördlichen Kundus, dem gefährlichsten Einsatzort der Bundeswehr, ist der Gefährdungsgrad laut der Studie mittelhoch. Die Übersicht ist jedoch rund vier Monate alt. Jüngste Erhebungen zeichnen ein noch negativeres Bild. Die Taliban haben in 80 Prozent Afghanistans genug Kämpfer, um die internationalen Truppen mit Anschlägen und Überfällen herauszufordern.

Was macht sie so gefährlich?

Sie sind inzwischen gut organisiert. Es existiert eine funktionierende Kommandokette bis hoch zu Mullah Omar, der in der Nähe von Quetta in Pakistan die Fäden ziehen soll. Schwierig für den Westen: Die afghanischen Taliban sind kaum identifizierbar und schwer quantifizierbar. Der harte Kern umfasst nur einige Tausend Mann. Dazu kommen unzählige – vor allem junge – Sympathisanten, mit denen die Verluste lokaler und regionaler Kommandos ausgeglichen werden können. Ein Taliban-Kämpfer kann nachts Minen legen und am Tag als Hirte über die Weiden ziehen. Zudem haben sich die Taliban professionalisiert. Sie verfügen über Raketenwerfer, Maschinengewehre, Sprengstoff, Minen, sind hochmobil und ortskundig. Ihre Spione beobachten die Bewegungen der internationalen Truppen. In jüngster Zeit legen die Taliban immer öfter raffinierte Hinterhalte.

Wer unterstützt die Taliban?

Die afghanischen Taliban bekommen weiter Unterstützung aus Pakistan – von Geheimdienstagenten, von Offizieren, aus Regierungskreisen, aber auch von befreundeten oder verwandten paschtunischen Clans in der Grenzregion. Zudem haben sie Rückhalt in konservativen Regionen Südaghanistans.

Wie finanzieren sie sich?

In ihrer Anfangsphase haben die Taliban sogar US-Gelder eingestrichen. Man wollte sie als Verbündete gewinnen, um eine Erdölpipeline durch ein befriedetes Afghanistan bauen zu können. Zudem wurden die Gotteskrieger mit Geld und Waffen aus Saudi-Arabien versorgt. Dazu kam die massive pakistanische Aufbauhilfe. Heute stecken die Taliban tief im Drogengeschäft, kooperieren mit örtlichen Warlords. Sie sichern Transportwege, verdienen am Schmuggel, kontrollieren in bestimmten Regionen den Basarhandel. Zudem fließen üppige Spenden aus den Golfstaaten, zum Teil auch von Anhängern im Westen. Eine Einnahmequelle sind auch Lösegelder, die aus Entführungen westlicher Ausländer stammen.

Wie sind die Taliban vor 15 Jahren entstanden?

Sie haben sich im Herbst 1994 aus Studenten fundamentalistischer Koranschulen (Madrassas) in Pakistan gebildet. Dort fanden viele Kriegswaisen eine Heimat, um die sich sonst niemand kümmerte. Viele von ihnen hatten selbst als junge Männer noch nie näheren Kontakt zu einer Frau gehabt. Ihren Siegeszug begannen die Taliban in der ländlichen Umgebung der südostafghanischen Stadt Kandahar. Zunächst waren sie bei der Bevölkerung willkommen, weil sie Ordnung in den von Korruption und Bürgerkrieg verwüsteten Staat brachten. Die Stimmung drehte sich, als sie begannen, ein fundamentalistisches Schreckensregime zu errichten.

Warum konnten sie nach dem Afghanistan-Krieg wieder so stark werden?

Im Jahr 2002 waren sie praktisch geschlagen. Stärker wurden sie erst wieder, als die USA Truppen im größeren Stil in den Irak verlagerten. Die restrukturierten Taliban stießen in das Vakuum vor, das auch die schwache afghanische Zentralregierung nicht füllen konnte. Zudem gelingt es den Isaf-Truppen mangels Truppenstärke bis heute nicht, befriedete Regionen dauerhaft zu halten. Die Taliban profitieren von einer eher anti-westlichen Gefühlslage.

Welche Ziele haben sie?

Sie wollen die internationalen Truppen zum Abzug zwingen. Ein Ziel, mit dem sich Teile der afghanischen Bevölkerung durchaus identifizieren können. Langfristig streben sie ein islamisches Kalifat an, also eine radikal-islamische Gesellschaft.

Was heißt das?

Das konnte man während der Herrschaft der Taliban (1996 bis 2001) sehen, die sich über nahezu ganz Afghanistan erstreckte. Mädchenschulen waren verboten. Frauen durften kein Geld verdienen und nur komplett verhüllt (mit der Burka) und in männlicher Begleitung auf die Straße gehen. Witwen wurden zu Bettlern. Die ärztliche Versorgung von Frauen war fast unmöglich. Männer durften sich nicht mehr rasieren. Radio und TV standen auf dem Index. Eine Sittenpolizei patrouillierte auf den Straßen. Verstöße gegen die islamische Ordnung wurden brutal geahndet.

Kann man mit gemäßigten Taliban verhandeln?

Ansätze gibt es längst. Aber bislang waren Absprachen allenfalls auf lokaler Ebene möglich.

Sind die Taliban die einzigen Islamisten in Afghanistan?

Es gibt kleinere Milizen wie die von Gulbuddin Hekma〜tyar, einem berüchtigten Kriegsherren, der Ungläubige auch schon mit Säure-Attacken bestraft hat. Das Terrornetzwerk El Kaida ist in Afghanistan fast gar nicht mehr aktiv, dafür aber in Pakistan.

Dietmar Brück; Archivbild: dpa

RZO