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Kriminalität

S-Bahn-Mord löst Debatte über schärfere Gesetze aus

München/Berlin Die tödliche Attacke zweier Jugendlicher auf einen Münchner S-Bahn-Fahrgast hat eine neue heftige Debatte über schärfere Gesetze ausgelöst.

Während die CSU am Montag erneut eine Verschärfung des Jugendstrafrechts forderte, warnten SPD, Grüne und Linke vor Schnellschüssen und Aktionismus im Wahlkampf. Polizeigewerkschaften forderten mehr Sicherheitspersonal in S- und U- Bahnen. Die Obduktion des 50-Jährigen Mannes ergab, dass dieser von den 17- und 18-Jährigen auf brutale Weise angegriffen wurde: Er erlitt binnen weniger Minuten insgesamt 22 Verletzungen, die unter anderem von Faustschlägen und Tritten stammte. Auch nach der Obduktion sei die konkrete Todesursache aber noch unklar, sagte Staatsanwalt Laurent Lafleur.

Die beiden Jugendlichen, gegen die Haftbefehl wegen Mordes erging, hatten den 50-jährigen Manager am Samstag auf dem S-Bahnhof Solln zu Tode geprügelt. Der Mann war dazwischengegangen, als die beiden von Kindern Geld erpressen wollten. Der ältere der beiden Schläger hat sich laut Anwalt inzwischen bei der Familie des Opfers entschuldigt. «Er bedauert seine Tat zutiefst und kann sich nicht erklären, wie es zu diesem Blackout kommen konnte», sagte der Anwalt der Zeitung «tz».

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte am Montag in München, die Höchststrafe für Jugendliche müsse von 10 auf 15 Jahre erhöht werden. Außerdem müssten heranwachsende Täter im Alter zwischen 18 und 21 Jahren grundsätzlich nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. CSU-Chef Horst Seehofer betonte, nach der «schrecklichen Tat» alle Handlungsfelder von der Gewaltprävention in der Schule über die Videoüberwachung der S-Bahnen bis zum Strafrecht überprüfen zu wollen. Seehofer wie auch Herrmann kritisierten, dass es nicht auf allen Münchner S-Bahnhöfen Videokameras gibt. CSU- Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, bei der Jugendkriminalität habe die SPD sich geweigert, «auch nur das Geringste zu tun».

Das Bundesjustizministerium wies CSU-Forderungen zurück, für 18- bis 21-Jährige generell das Erwachsenenstrafrecht anzuwenden. Einen solchen Vorschlag habe der Bundestag in der vergangenen Legislaturperiode verworfen. Der Richter könne jeweils entscheiden, ob Erwachsenenstrafrecht oder Jugendstrafrecht anzuwenden sei.

SPD-Landeschef Florian Pronold sagte: «Der Ruf nach höheren Strafen ist keine Antwort.» Eine Erhöhung der Höchststrafe für Jugendliche von 10 auf 15 Jahre könne solche Taten nicht verhindern. Der Innenexperte der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, sagte der «Rheinischen Post» (Dienstag) mit Blick auf die CSU, es sei «verantwortungslos, wenige Stunden nach der Tat solche Sprüche zu klopfen». Die Landtags-Grünen kritisierten, derartige Ereignisse dürften nicht zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert werden.

Gewerkschaft der Polizei (GdP) , Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG), SPD, Grüne, FDP und Linke forderten eine Aufstockung des Sicherheitspersonals in S- und U-Bahnen. «Diesem Mann hätte nichts geholfen außer mehr Polizeipräsenz», sagte FDP-Chef Guido Westerwelle bei einem TV-Dreikampf der ARD mit den Spitzenkandidaten der Oppositionsparteien. Der Parteichef der Linken, Oskar Lafontaine, stimmte der Forderung nach mehr Polizei zu. GdP-Chef Konrad Freiberg sagte laut Mitteilung: «Es kann nicht sein, dass zwar jährlich die Ticketpreise erhöht werden, die Leistungen sich aber nur noch auf das reine Befördern beschränken.» Forderungen nach höheren Strafen im Jugendstrafrecht lehnte er als unnötig und reflexhaft ab. Der DPolG- Vorsitzende Rainer Wendt forderte eine konsequente Videoüberwachung.

Zum Zeitpunkt der tödlichen Attacke waren laut Polizei rund 15 Passanten am Bahnsteig, die nun als Zeugen vernommen werden sollen. Die Kinder, die zuvor bedroht worden waren, hätten versucht, die Schläger abzuhalten. Das sei ihnen aber nicht gelungen.

Am Montag erging Haftbefehl gegen einen dritten Jugendlichen wegen versuchter räuberischer Erpressung, wie eine Polizeisprecherin mitteilte. Dieser 17-Jährige war nicht an dem tödlichen Überfall beteiligt, hatte aber die Sache möglicherweise mit angezettelt: Er soll am S-Bahnhof Donnersberger Brücke als erster zugeschlagen haben, um zusammen mit seinen Freunden von den vier Kindern Geld zu erpressen. Alle drei beschuldigten Jugendlichen sind bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten, teils wegen Diebstahls, Körperverletzung oder räuberischer Erpressung.

Politiker aller Parteien riefen dazu auf, trotz der tödlichen Attacke der Jugendlichen auf den Mann den Mut zur Zivilcourage nicht zu verlieren. «Wir müssen alles Menschenmögliche tun, dass Menschen, die Zivilcourage zeigen, stärker geschützt werden», sagte Seehofer. Lafleur sagte: «Das besonders Bestürzende an dem Fall ist, dass der Mann alles richtig gemacht hat.» Er habe sich schützend vor die Kinder gestellt. Zugleich habe er nicht von sich aus versucht, gegen die Angreifer vorzugehen, sondern rasch die Polizei alarmiert.

[Tatort]: S-Bahnhof Solln, Wolfratshauser Straße, München

dpa-infocom