pic Zählpixel
kalaydo leftkalaydo logo
RZ-Blog  |  Twitter  Mobil&RSS  |  Kontakt
suchen im
Lexikon
RZ-Online-Archiv
Zeitungs-Archiv
Internet
< Schnell-Navigation >
KinoWelt VideoWelt FotoWelt MeineWelt
Geld & Recht       » News       » Steuer-Tipps

Lehman-Pleite als «Weckruf» für Anlegerschutz

Hamburg Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 hat nicht nur die internationale Finanzbranche erschüttert, sondern auch deutsche Privatanleger schwer getroffen.

Verbraucherschützer schätzen die Zahl der Geschädigten auf mehrere Zehntausend. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Vielleicht sind es 40 000, die - oftmals ohne es zu wissen - Lehman-Zertifikate bei ihren Hausbanken kauften, möglicherweise mehr. In jedem Fall genug, um die Gefahr schwer durchschaubarer Finanzprodukte zu verdeutlichen und eine Diskussion um Transparenz und Beratungsqualität anzustoßen.

«Die Lehman-Pleite war da eine Art Super-Gau. Das Feingefühl für Fragen der Kapitalanlage ist enorm gestiegen», sagt Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mit Sitz in Düsseldorf. Bei Verbrauchern und bei Gerichten sei die Insolvenz der Großbank, durch die die globale Finanzkrise erst richtig ins Rollen kam, als ein «Weckruf» begriffen worden. Auch Achim Tiffe, stellvertretender Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg, sieht durchaus Anzeichen für Veränderungen: «Es hat ein Umdenken gegeben, auch bei der Politik und teilweise auch bei den Banken.»

Große Öffentlichkeitswirkung erzielten in den vergangenen Monaten vor allem Schadenersatz-Prozesse, mit denen Betroffene erfolgreich gegen deutsche Banken und Sparkassen vorgingen, bei denen sie in den vergangenen Jahren Lehman-Zertifikate erwarben. Hunderte Verfahren sollen noch vor deutschen Landgerichten anhängig sein - und der für etliche Kläger positive Ausgang erstinstanzlicher Verfahren etwa in Hamburg, Potsdam und Frankfurt am Main hat die Hoffnungen weiterer genährt. «Die Prozesswelle ist noch gar nicht richtig angerollt», meint Cabras. «Das Thema Lehman wird uns noch Jahre beschäftigen.»

Aufhorchen ließ vor allem, dass die Gerichte bisher die Grenzen der Rechtsprechung zugunsten der Anleger weiter ausnutzten, als es zuvor mitunter erwartet worden war. Um einen Schadenersatzanspruch der Kläger für mittlerweile faktisch wertlose Lehman-Zertifikate zu begründen, wertete es das Hamburger Landgericht etwa als schweren Beratungsfehler, dass die örtliche Sparkasse den Käufer nicht über Provisionszahlungen aufklärte, die sie bei dem Geschäft kassierte - und dehnte dabei gar ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs zu sogenannten «Kick-Backs» eigenmächtig auf diese Konstellation aus.

Auch wenn die Urteile noch nicht rechtskräftig sind und einer von den Banken angestrengten Überprüfung in den Berufungsinstanzen erst standhalten müssen: Viele Verbraucherschützer sehen darin bereits Zeichen für eine Trendwende in der Justiz hin zu mehr Sensibilität beim Anlegerschutz, zu der die Lehman-Pleite selbst beigetragen hat.

«Vor fünf Jahren wären diese Urteile so sicher nicht gesprochen worden», meint Bettina Wittmann vom Schutzverein für die Rechte von Bankkunden in Passau. Verbraucherschutz beim Thema Geldanlage sei vor noch nicht allzu langer Zeit ein eher exotisches Thema gewesen, dass sich nur wenige Richter «zu Herzen» genommen hätten. Auch für den IFF-Bankenexperten Tiffe liegt es auf der Hand, dass die Zahl der Lehman-Betroffenen dem Thema neue «Sprengkraft» verliehen hat.

Keine Frage: Auch die Banken haben erkannt, dass die Diskussion um ihre Verkaufs- und Beratungspraxis einen Imageschaden verursacht und Kunden verunsichert hat. Dass in Deutschland zahlreiche Anleger in Mitleidenschaft gezogen wurden, habe zu einem «Vertrauensverlust» bei Beratungen geführt, sagt Lars Hofer, Sprecher beim Bundesverband deutscher Banken (BdB) in Berlin. Man wisse, dass der Kunde «ohne Wenn und Aber» im Mittelpunkt stehen müsse und habe im Verband neue Qualitätsrichtlinien entwickelt, um dieses Ziel besser zu erreichen.

In der Tat sehen Marktbeobachter wie Tiffe Anzeichen dafür, dass die Banken ihre Geschäftspolitik angepasst und den Verkaufsdruck auf ihre Mitarbeiter reduziert haben. Das entspricht auch dem derzeit auf Kundenseite vorherrschenden Wunsch nach sichereren Anlageformen. Der Finanzexperte bleibt - wie viele Kollegen - indes skeptisch, ob das mehr als eine Momentaufnahme ist. Der Zertifikate-Markt sei zwar eingebrochen, erhole sich aber. Zudem verbreiteten sich neue Typen getarnter, nur vermeintlich risikoloser Anlageprodukte. Tiffe: «Da droht schon die nächste Welle von Leuten, die darauf hereinfallen.»

Trotz positiver Ansätze beim Anlegerschutz in Folge der Lehman- Pleite, zu denen auch ein von der Bundesregierung vorgeschlagenes Gesetz über längere Verjährungsfristen und mehr Dokumentation bei Bankberatungen gehört, fordern Experten weitergehende Maßnahmen. Es müsse mehr gegen die niedrige Verbraucherkompetenz in Sachen Geld getan werden, meint DSW-Sprecher Cabras. «Das ist der Knackpunkt.» Zudem fordern Anlegerschützer ein notfalls staatlich garantiertes Angebot an einfachen und risikofreien «Standardprodukten», mit denen auch Unerfahrene ihre Altersvorsorge sicher organisieren können. Von Sebastian Bronst, dpa

dpa-infocom


Sie benötigen Flash Player 9, um den RZ-Video-Player ansehen zu können.
Regioticker
Eventkalender
rz lexikon
Energiesparen