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Beim Koma-Saufen drohen britische Verhältnisse

Berlin Koma-Trinken nimmt unter Deutschlands Jugend immer weiter zu - ein Rezept dagegen ist nicht in Sicht.

Erstmals zeigen jetzt Daten für 2008: Die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Alkoholvergiftung wächst wie in den vergangenen Jahren weiter zweistellig.

Während in Baden-Württemberg erbittert um das geplante Alkohol-Verkaufsverbot in der Nacht gestritten wird, kommt von Seiten der Krankenkassen der Ruf nach einer nationalen Kampagne.

Im Januar präsentierte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) eine alarmierende Zahl des Statistischen Bundesamts: 23 165 junge Leute zwischen 10 und 20 Jahren landeten 2007 volltrunken in der Klinik - im Schnitt mehr als 63 pro Tag. Die Gmünder Ersatzkasse GEK wertete nun die Daten ihrer 1,7 Millionen Versicherten aus: Auch im vergangenen Jahr kletterte die Zahl nochmal stark an. Gerechnet auf 10 000 Versicherte wurden 37 Mädchen und 52 Jungs zwischen 15 und 19 Jahren völlig betrunken in eine Klinik gebracht. Völlig vergleichbar sind die Zahlen nicht, aber in der Bundesregierung sieht man darin durchaus den Hinweis auf einen weiteren kontinuierlichen Anstieg.

Es sind immer die gleichen Bilder: 15-Jährige, die so betrunken sind, dass sie nicht mehr gehen können. Mädchen, reglos auf dem Bürgersteig. Jungs, deren betrunkene Freunde gerade noch den Rettungswagen rufen können. Warum säuft sich ein immer größerer Teil der Jugendlichen ins Aus? «Wir wissen es nicht», sagt Eva Maria Bitzer, die die neue Kassen-Studie für das Hannoveraner ISEG-Institut verfasst hat. Als Hauptmotiv vermutet sie: «Trinken, um betrunken zu werden, hat einen hohen Spaßfaktor.»

Wird zuhause Wert auf Bildung gelegt, mildert das statistisch gesehen den Trend. Ist reichlich Geld da, um abends auf der Piste Nachschub zu holen, trinken die Kinder und Jugendliche dafür wieder mehr. Ist es wirklich der Spaß? Sind es unheilvolle Ahnungen, was Zukunftsperspektiven in einer Zeit voller Risiken anbelangt? Sind es weitergegebene emotionale Mängel bei den Eltern? «Eine stabile Beziehung zu Vater und Mutter ist wichtig», sagt Bitzer.

Auf einen Lerneffekt, auf Katharsis wegen des Katers nach dem Komasuff, darf niemand hoffen. Das ISEG-Institut fragte die Betroffenen: 17 Prozent gaben an, nach der Nacht in der Notaufnahme genauso viel oder sogar mehr zu trinken. Der Rest meinte zwar, danach besser aufzupassen, griff aber immer noch teils bedeutend häufiger zur Flasche als Jugendliche ohne solche Erfahrungen.

Deutschland muss sich allmählich auf britische Verhältnisse einstellen, wo Komasäufer vor allem am Wochenende oft das Stadtbild prägen. Nahezu bewusstlos liegen die Besoffenen vielfach zarten Alters am Londoner Piccadilly Circus genauso wie in der Innenstadt von Edinburgh oder Manchester - oft Mädchen oder junge Frauen. Die Lage auf der Insel, in den Niederlanden und in Deutschland entwickele sich parallel, heißt es unter Experten unter Berufung auf erste EU-Vergleiche.

Umso drängender wird die Frage nach einem Gegenmittel. Doch das eine Mittel wird es nicht geben, sind sich die Experten sicher. Im Stuttgarter Landtag streiten die Abgeordneten derzeit über Gerichtsfestigkeit und Wirksamkeit des geplanten Verkaufsverbots an Tankstellen, in Supermärkten und Kiosken in der Nacht. GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker ist gegen Verbote. «Wir empfehlen, dass mit Unterstützung der gesetzlichen Krankenkassen eine nationale Aufklärungskampagne durchgeführt wird», sagt er. Wie bei der Verkehrskampagne «Runter vom Gas». Sabine Bätzing ruft per Interview Kommunen, Vereine, Schulen und Polizei zu gemeinsamer Vorbeugung auf.

Viele Programme setzen an therapeutischen Erfahrungen an: Wer sich vor allem gut fühlt, wenn er die Hand an der Flasche hat, braucht vor allem die Erfahrung, dass auch Aktivitäten Glücksgefühle bringen. Schlenker führt Sportprogramme an, von der Kasse bezahlte Aktionen, bei denen Kinder selbst zu Zirkusakrobaten oder Schauspielern werden. Es hört sich an wie ein guter, aber weiter Weg. Vielleicht ein alternativloser. Zufällig meldet am selben Tag Hessens erste Drogenentzugsstation für Kinder und Jugendliche, dass sie voll ausgelastet ist. Im ersten Jahr wurden in der Einrichtung in Wabern 147 Minderjährige ab 12 Jahren behandelt - 90 Prozent mit Alkoholproblemen. Von Basil Wegener, dpa

dpa-infocom


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