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Kew Millennium Samenbank erreicht erstes Ziel

Letzte Hoffnung der Menschheit?

Wakehurst Place Der berühmte Naturforscher Sir David Attenborough nennt die „Kew Millennium Samenbank“ das „ambitionierteste Naturschutzprojekt aller Zeiten“. 1,6 Milliarden Samen aus 134 Staaten der Welt in Wakehurst lagern hier – und das ist erst der Anfang.

Auf einem Papierbogen unter dem Mikroskop liegen ein Körnchen und die Überreste einer Samenkapsel. Bloß irgendeine Pflanze. Würde sie vom Tisch weggefegt werden, wer würde sich darüber aufregen? Ohne zu atmen, beugt sich Robin Probert zu der winzigen Zeitkapsel des Lebens und legt sie behutsam auf den Labortisch. „Wer weiß, vielleicht wird dieses unscheinbare Blümchen eines Tages unser Leben verändern“, sagt lächelnd der Biologe. „Es könnte den Menschen die Heilung von Krebs schenken. Oder eine saubere Energiequelle“.

Wir stehen in einem unterirdischen Bunker mit Stahlbetonwänden, die dick genug sind, um einem Flugzeugabsturz standzuhalten. Zwei Frauen in weißen Kitteln picken mit Pinzetten Pflanzensamen und legen sie in etikettierte Glaskolben. Manche dieser Behälter sehen aus wie Einmachgläser für Marmelade. Andere könnten aus einem Chemielabor stammen. Die Samen verschwinden in einem begehbaren „Kühlschrank“, auf dessen Stahltür eine rote Zahl leuchtet. Minus 20 Grad. Robin presst seine Stirn gegen das kalte Glasfenster. „Hier werden sie 200 Jahre lang schlafen“, sagt der Forscher. „Oder auch weniger, wenn die Menschheit nicht ohne sie auskommen kann“.

Die Mitarbeiter des Kew Millennium Seed Bank Project (MSBP) lieben diesen Witz: „Man hört heute von Banken oft schlechte Nachrichten. Von unserer jedoch nie“. Tatsächlich wird diese Nachricht aus dem malerischen Garten Wakehurst Place in Kent Millionen Naturfreunde freuen: Heute soll das konservierte Saatgut der 24.200. Spezies in der Pflanzenbank im Herzen des Gartens abgelegt werden. Es sind die Samen der rosafarbenen Banane aus China. Die Briten nennen dieses Ereignis einen Meilenstein in der Geschichte: Denn MSBP enthält jetzt zehn Prozent aller Wildpflanzen der Welt in Samenform, die vor Ausrottung und möglichen Klimakatastrophen für die künftigen Generationen gerettet sind.

Als „Technologiechef“ des Bunkers kann Dr. Robin Probert so lange über das Naturwunder Pflanze sprechen wie andere Leute über Musik oder Bücher. In seinen Worten schwingt Trübsinn mit. „Der geschätzte Wert der globalen Flora beträgt 40 Trillionen Dollar“, erklärt der Brite. „Die Menschen nehmen 30 000 Pflanzenarten als Nahrung auf. 75 Prozent der Weltbevölkerung verlassen sich auf Pflanzen als Heilmittel. Wir bauen Häuser aus ihnen und nutzen sie zur Energieerzeugung“. Leider würden die Menschen ihre Existenzgrundlage vernichten, bedauert der Biologe. Die exzessive Ausbeutung der Naturressourcen, die Erderwärmung und die Bebauung der Landflächen ließen die Pflanzen 100 Mal schneller aussterben als von der Natur vorgesehen, sagt Probert. “Als Konsequenz könnten wir ein Drittel der Vegetation oder bis zu 100.000 Arten verlieren“.

Der Königliche Botanische Garten Kew beschloss 1992, die weltweit größte Samenbank zu bauen, als der Klimawandel für viele noch ein Fremdwort war. 2000 weihte „Umweltprinz“ Charles das Samenbank-Gebäude in Wakehurst ein, das 500 Jahre stehen soll. Es erinnert an einen modernen Bahnhof. Der obere Teil ist offen für das Publikum. Unten, im Bunker, schlummern wohlbehütet die “grünen Schätze“ in 48.000 Glaskolben als letzte Hoffnung der Menschheit, falls die Politiker weltweit bei den Klimazielen versagen.

Der berühmte Naturforscher Sir David Attenborough nennt MSPB das „ambitionierteste Naturschutzprojekt aller Zeiten“. Seine Dimensionen sind beeindruckend: Die Briten haben als erste in der Welt 96 Prozent ihrer samentragenden Wildpflanzen „für alle Ewigkeit“ gesichert – rund 1400 Arten. Letzt helfen sie 54 Partnerländern, einen „Schnappschuss“ ihrer Flora zu erstellen. Insgesamt lagern 1,6 Milliarden Samen aus 134 Staaten der Welt in Wakehurst. „Für uns haben bedrohte, endemische und ökonomisch wichtige Pflanzen Vorrang. Doch die Regierungen können eigene Prioritäten setzen“, erklärt Robin Probert.

Die Reise der Samen fängt irgendwo in einem Wald oder auf einer Wiese an. „Wir bitten darum, 20.000 Stück zu sammeln. Doch bei seltenen Arten sind wir schon mit 50 zufrieden“, sagt Probert. Manche Samen sind handflächengroß, andere sind kleiner als ein Punkt am Satzende. Das wertvolle Gut wird in Kisten nach Wakehurst geliefert, wo es gereinigt und in Stichproben mit Röntgenstrahlen auf möglichen Schädlingsbefall untersucht wird. Die Samen trocknen dann drei Monate lang bei 15 Prozent Luftfeuchtigkeit, um länger haltbar zu werden. Zur Prüfung der Vitalität befruchten die Experten einige Exemplare jeder Kollektion, ehe die „Zeitkapseln“ im „Kühlschrank“ landen. Zur Sicherheit wird alle zehn Jahre die Befruchtung wiederholt. Wie lange kann das Saatgut überleben? Die Briten haben in einem Experiment ein Gebüsch aus Samen gezüchtet, die in einem Notizbuch aus dem 19. Jahrhundert gefunden wurden. Seitdem sind sie beruhigt.

Das erste Ziel ist erreicht. Die Kew Millennium Samenbank will in der zweiten Projektphase weitere 15 Prozent der globalen Vegetation sammeln. Bis 2020, so hofft Robin Probert, werde MSPB die Samen jeder vierten Pflanze auf unserem Planeten gesichert haben. Nach der Finanzkrise sei es schwierig, 100 Millionen Pfund dafür zu finden, gesteht der Biologe. „Wir brauchen 2200 Pfund pro Pflanzenart. Wem diese Summe zu groß erscheint, der sollte bedenken, dass die Europäer jede Sekunde dieses Geld für Kosmetik ausgeben“.


Text und Bilder von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev