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Very british

„Ich bastel mir ein Weltklima“

Manchester Im Industriemuseum von Manchester wandern die Besucher in Dampfschwaden zwischen den brummenden Maschinen, die im 19. Jahrhundert hunderte von Textilfabriken angetrieben haben. Vor 200 Jahren ragten unzählige Schornsteine in den Himmel der englischen Baumwoll-Metropole, in der die weltweite „industrielle Revolution“ begann.

Man könnte sagen, Manchester war auch die Wiege der Erderwärmung, die heute die Menschheit bedroht. Es ist kein Zufall, dass sich hier namhafte Wissenschaftler zusammengefunden haben, die mit vereinten Kräften und einem verrückt klingenden Plan den Planeten vor dem ökologischen Ruin retten wollen.

Sie alle eint die Skepsis an den Bemühungen der Politiker, die seit Jahren um Obergrenzen für die Emissionen des Klimakillers CO2 streiten. Die Antwort der Geoingenieure darauf heißt klimatischer „Gegenwandel“, der den weltweiten Temperaturanstieg abbremsen soll. Dazu wollen sie unter anderem künstliche „Vulkane“ schaffen und „Wolkenschiffe“ in die Ozeane entsenden, die bewirken sollen, dass die Erdatmosphäre stärker die Sonnenstrahlen reflektiert.

Im kleinen Universitätsbüro von Professor Brian Launder in Manchester deutet nichts auf den gewaltigen Maßstab der Probleme hin, die einen der weltweit führenden Geoingenieure beschäftigen. Aus Angst vor dem Klimawandel versuchten die Menschen, auf ,grüne‘ Energiequellen umzuschalten, sagt der Forscher: „Wir schaffen es nicht rechtzeitig. Wenn es so weiter geht, wird die Zivilisation in ihrer modernen Form zu Ende sein, noch während unsere Urenkel am Leben sind“. Launder glaubt nicht an eine politische Lösung. „Einzig die Wissenschaftler können der Welt etwa 40 Jahre Zeit kaufen, bis alle Industrieländer neue, umweltfreundliche Energien eingeführt haben. Der beste Weg wäre es, bis dahin das überschüssige CO2 aus der Atmosphäre herauszufiltern. Weil dies jedoch viel zu lange dauern würde, konzentrieren wir uns auf die Technologien, mit denen man die Intensität der Sonnenstrahlung reduzieren kann“.

Das moderne Geoingenieurswesen kenne vier Strategien, um der Erderwärmung entgegenzuwirken, erklärt der Professor. „Sie könnten erstens versuchen, die Wüsten künstlich aufzuhellen, so dass sie mehr Licht abstrahlen. Das wäre aber extrem teuer. Die zweite Strategie besteht darin, einen „Schutzschild“ um die Erde zu bauen“. Dazu würde man entweder Spiegel ins Weltall befördern oder aber dünne Linsen, die das Licht so weit krümmen, dass es die Erde verfehlen würde. Der Nachteil: Die Menschen müssten dafür jährlich Tausende Raketen hochschießen, was unvorstellbar sei. „Darum halten wir die letzten zwei Ideen für besonders attraktiv“, sagt Launder.

Eine von ihnen besteht darin, in 30 Kilometer Höhe die Vulkanausbrüche zu simulieren. Dazu würden die Forscher von Ballons Schwefelpartikel in der Atmosphäre ausstreuen, die das Sonnenlicht reflektieren. „Seit dem Ausbruch von Pinatubo auf den Philippinen, der die mittlere Temperatur auf der Erde zeitweise um 0,5 Grad sinken ließ, wissen wir, dass die ,vulkanische Kühlung‘ funktioniert“, erklärt der Klimaforscher. Im Kern der anderen Strategie stecke die Idee, 1500 computergesteuerte, unbemannte "Wolkenschiffe" durch die Weltozeane fahren zu lassen, die das Meereswasser einsaugen und es in die Atmosphäre herausblasen, um reflektierende Wolken zu erzeugen. „Denken Sie an einen Haufen von Glasmurmeln, der viel Licht abstrahlt. Einen ähnlichen Effekt erreicht man mit mikroskopischen Partikeln in der Luft, um die herum Wasser kondensiert“, erklärt Launder. „Wir würden diese tief hängenden, hellen Wolken nicht überall, sondern entlang der westlichen Küste Amerikas und Afrikas „aufhängen“, wo sie besonders nützlich wären. Außerdem könnte man diese Technologie im Nordatlantik nutzen, um die Aufwärmung des Golfstrohms zu verhindern“.

Niemand weiß genau, ob es klappt , räumt der Wissenschaftler ein. Im September hatte der Britische Wetterdienst die Klimaforscher davor gewarnt, „mit den globalen Wolkensystemen zu spielen“ wegen der möglichen Umweltkatastrophen. „Ich verstehe diese Sorge“, sagt Professor Launder. „Aber wir haben wohl keine andere Wahl“.

Text und Fotos von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

RZO