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Ansprache von Werner D'Inka zur Verleihung des „Sophie von La Roche“-Journalistenpreises

Koblenz Online-Medien stellen immer mehr Fragen an den klassischen Journalismus, teils stellen sie ihn auch infrage. FAZ-Herausgeber Werner D’Inka nahm dazu jetzt in Koblenz Stellung.

Die neue Freiheit, die Online-Medien bieten und nutzen, ist „mit einer schleichenden publizistischen De-Professionalisierung“ erkauft. Diese Einschätzung vertrat Werner D’Inka, einer der fünf Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seiner Festrede zur Verleihung des ersten Koblenzer Journalistenpreises „Sophie von La Roche“ durch den Koblenzer Presseclub. Wir dokumentieren seine komplette Rede hier im Wortlaut:

"Mein Glückwunsch gilt zunächst dem Koblenzer Presseclub für die Idee, den Journalistenpreis „Sophie von La Roche“ auszuschreiben. Unser Beruf braucht, vielleicht mehr denn je, Formen der Selbstvergewisserung – in Zeiten, in denen das professionelle Selbstverständnis schwankt und die traditionellen Geschäftsmodelle bröckeln. Was können Journalistenpreise dagegen ausrichten? Viel – denn indem sie herausragende Arbeiten auszeichnen, tragen sie dazu bei, Qualitätsmaßstäbe zu setzen und zu behaupten.

Was ist das aber, Qualität im Journalismus? Darüber zu reden ähnle dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln, hat ein Spötter einmal gesagt. Und tatsächlich verwenden wir den Begriff im Allgemeinen eher intuitiv. Wenn wir gebeten würden, spontan Qualitätsmedien zu nennen, fielen uns vermutlich ohne lange nachzudenken „Die Zeit“ oder das ZDF ein, während wir bei „Bild“ oder RTL II eher zögern, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Doch je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto komplizierter wird die Sache. Denn: Wie begründen wir dieses Urteil? Warum attestieren wir einer Zeitung Qualität und einer anderen nicht? Warum hat die Jury die drei Beiträge ausgezeichnet, die sie uns gleich vorstellen wird, und warum nicht andere? „Alles Geschmackssache“, sagte der Affe, nachdem er in die Seife gebissen hatte. Doch auf bloße Geschmacksurteile wollen wir uns nicht berufen, so leicht machen wie es uns nicht. Woher beziehen wir also unsere Maßstäbe?

Wie immer, wenn wir unsicher sind, schauen wir auf die Wissenschaft. Kann sie uns helfen? Leider nein. Der Dortmunder Publizistikwissenschaftler Günther Rager stellt kurz und bündig fest: „Einigkeit erzielt die Wissenschaft bisher vor allem darüber, dass sie sich auf keine Definition von journalistischer Qualität einigen konnte.“ Wenn das so ist, versuchen wir es eben auf eigene Faust. Ganz bestimmt kann man – und man muss es vielleicht sogar – den Qualitätsbegriff aus der Demokratietheorie entwickeln. Anders als in dörflichen Gemeinschaften oder in Stammesgesellschaften sind unsere modernen Gemeinwesen zu groß und zu komplex, als dass sich jeder mit jedem unterhalten und sich so eine Meinung über die öffentlichen Angelegenheiten bilden könnte. Deswegen brauchen wir neutrale und professionelle Vermittler, welche unterschiedliche Sichtweisen und Anliegen aufnehmen und die Gesellschaft als Ganzes darüber informieren. Nur so entsteht öffentliche Meinung. Miriam Meckel nennt das die „Synchronisation der Gesellschaft“. Von Journalisten erfahren wir, was die Regierung in Berlin vorhat, was die Opposition bemängelt, wie die Dinge in Afghanistan stehen, wie der Dax an der Frankfurter Börse notiert und welche Ausstellung die Pinakothek in München zeigt. Ohne Medien wäre unsere Welt sehr klein.

Deshalb lautet die oberste Maxime des Journalismus, zu recherchieren, Fakten zusammenzutragen und zu prüfen sowie Zusammenhänge aufzuhellen. Journalisten liefern damit der Öffentlichkeit das gedankliche Rüstzeug für die politische Willensbildung. Nur wenn die Bürger ausreichend Wissen über das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen im Großen wie im Kleinen erhalten, können sie vernünftige Entscheidungen als Wähler, als Verbraucher oder als Museumsbesucher treffen. Unter anderem deshalb hat das Bundesverfassungsgericht freie und unabhängige Medien als konstitutiv für eine offene Gesellschaft bezeichnet. Die Angelsachsen, die so etwas wunderbar lakonisch ausdrücken können, sagen, die Aufgabe von Journalisten sei es, „to map the social world“ – also der Welt da draußen eine Landkarte zu geben, auf dass sich die Bürgern in ihr zurechtfinden.

Unter diesem normativen Blickwinkel wäre solcher Journalismus als Qualitätsjournalismus zu bezeichnen, der dazu beiträgt, diese demokratietheoretischen Anforderungen zu erfüllen. Nur Medien, die maßgeblich zur politischen und gesellschaftlichen Willensbildung beitragen, bekämen dann das QualitätsGütesiegel. Etwa so: „Süddeutsche Zeitung“ ja, „essen & trinken“ nein. In diesem Bezugsrahmen stellt journalistische Qualität keine Eigenschaft an sich dar, sondern sie ist sinnvoll nur zu begreifen anhand von Kriterien, die journalistischen Leistungen quasi als „Messwerte“ von außen zugeschrieben werden. Oder anders ausgedrückt: Schöne Artikel zu schreiben allein reicht nicht, um Qualität attestiert zu bekommen.

Und hier beginnt es vertrackt zu werden. Begründet man Qualität ausschließlich normativ, kommt man nämlich nicht darum herum, Prinzipien heranzuziehen, deren Grundlagen außerhalb des Journalismus liegen, zum Beispiel in der Demokratietheorie. Außerdem sind diese Prinzipien der empirischen Prüfung nicht so ohne weiteres zugänglich. Formt die „Brigitte“, indem sie ein bestimmtes Frauen und Gesellschaftbild vermittelt, direkt oder indirekt die öffentliche Meinung nicht genauso oder sogar mehr als – sagen wir – der Sportteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“?

So plausibel der rein normative Ansatz auf den ersten Blick erscheint, so hat er doch so seine Tücken. Was ist zum Beispiel mit dem Magazin „Kicker“? Zur politischen Willensbildung trägt es so gut wie nichts bei – und es wäre ganz unangemessen, das von einer Sportzeitschrift zu erwarten. Bietet der „Kicker“ deshalb keine Qualitätsware? An dieser Stelle kommen die Publikumserwartungen ins Spiel. Denn vom Standpunkt seiner Leser ist der „Kicker“ natürlich ein Qualitätsblatt, und dagegen wird man nicht viel einwenden können. Taugt die ganze schöne Herleitung aus der Demokratietheorie und aus dem Grundgesetz also nichts? Nein, wir müssen dieses Erklärungsmodell nicht aufgeben, aber es hat seine Grenzen. Mit seiner Fixierung auf bestimmte Normen grenzt es nämlich große Teile des Medienangebots aus der Qualitätsdebatte aus, vom „Kicker“ bis zu Frauenzeitschriften.

Müssen wir statt des normativen Ansatzes also einen eher funktionalen Zugang wählen? Der wäre ungefähr so zu formulieren: Qualität ist, was die Erwartungen des Publikums erfüllt – und die streuen ganz erheblich zwischen passionierten Lesern der „Zeit“-Dossiers und den Liebhabern von Volksmusiksendungen. Und wie ist es mit der „Rach, der Restauranttester“? Lernt, wer diese Soap-Doku bei RTL schaut, nicht eine Menge über Geschäftsmodelle? Immerhin haben Christian Rach und die Macher der Serie vor kurzem den angesehenen Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus in der Kategorie „Wirtschaft in der Unterhaltung“ gewonnen.

Zumindest ist dieser funktionale Ansatz weiter gefasst, weil er nicht von vornherein bestimmte Publikationen aus der Betrachtung ausschließt. Aber genau darin liegt wiederum das Elend der rein funktionalen Sichtweise: Wenn alles Qualität sein kann, wenn es nur den Publikumsbedürfnissen entspricht, wird der Qualitätsbegriff natürlich entkernt. Dann ist im äußersten Fall alles irgendwie „Qualität“ – man weiß bloß nicht mehr, wie und warum.

Sie sehen, die Vorstellungen von Qualität gehen weit auseinander, und es ist auf den ersten Blick schwer, sich auf eine allgemein anerkannte Definition zu verständigen. Schwer heißt aber noch lange nicht unmöglich. Überschaubarer wird die Angelegenheit, wenn wir einen pragmatischen Weg einschlagen – nämlich den, die Sache auf der Artikelebene zu betrachten. Nicht komplette Zeitungen oder gar ganze Mediengattungen werden analysiert, sondern einzelne Beiträge, wie es die Jury des Sophie von La RochePreises auch getan hat. Unter dieser Prämisse gilt: Ob ein Zeitungsartikel von herausragender Qualität oder eher nur guter Durchschnitt ist, lässt sich anhand bestimmter handwerklicher Dimensionen beurteilen. Und so bekommen wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Denn über diese Kriterien lässt sich in der Fachwelt relativ mühelos Einvernehmen erzielen.

Schauen wir uns das Bukett der Kriterien einmal etwas näher an, die man heranziehen könnte. Ganz obenan steht sicher die Faktentreue, also sachliche Richtigkeit. Zu den unbestrittenen Qualitätsmerkmalen zählen ferner gründliche Recherche, Relevanz des Themas, Vielfalt der Sichtweisen – und auch eine korrekte und verständliche Sprache, womit ich nur orthographische Richtigkeit meine, sondern eine dem jeweiligen Thema auch inhaltlich angemessene Sprache. Auf der Fahrt hierher hörte ich in den Radionachrichten den Satz: „Auf dem Parteitag der Grünen in Rostock droht ein Streit über den AfghanistanEinsatz der Bundeswehr“. Ich frage mich: Wer ist da bedroht? Und wovon? In dem Umstand, dass eine Partei über eine so wichtige Frage wie Afghanistan eine kontroverse Diskussion führt, kann ich jedenfalls nichts Bedrohliches sehen.

Zu den journalistischen Tugenden zählen ferner das Bemühen, Entwicklungen in ihrem Zusammenhang begreifbar zu machen sowie die Angemessenheit der Darstellung und die sichere Wahl der stilistischen Mittel.

Was meine ich mit letzterem? Eine nüchterne und distanzierte Nachricht oder einen Bericht zum Beispiel über die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen zu schreiben, ist das eine, und diese nachrichtlichen Formen sind unser tägliches Brot. Wer für die Leser allerdings emotional erfahrbar machen möchte, was es bedeutet, arbeitslos zu werden, wird das mit einer Nachricht und mit noch so vielen Statistiken nicht erreichen. Dazu braucht es das Feature oder die Reportage. Einen Arbeitslosen einen Tag lang zu begleiten, zu beschreiben, wie er vielleicht versucht, seine Arbeitslosigkeit vor den Nachbarn zu verbergen, weil er sich schämt, das erzeugt eine Art authentisches Miterleben – fast so, als seien die Leser selber dabei. Wiederum etwas anderes ist es, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit zu kommentieren, Lob oder Tadel für bestimmte Entscheidungen der Regierung oder für das Handeln von Unternehmen oder Gewerkschaften auszusprechen.

Zwischen diesen unterschiedlichen Darstellungsformen verlaufen Grenzlinien, sie verlangen unterschiedliche schreiberische Konzepte und sie haben je eigene Architekturen. Einfach drauflos zu schreiben, vielleicht noch ungeniert die eigene Meinung auch dort einfließen zu lassen, wo sie nichts zu suchen hat, bringt jedenfalls keine Qualitätsarbeit hervor. Mit den journalistischen Stilformen verhält es sich wie mit dem Cocktailmixen: Wahllos etwas zusammenzuschütten führt meistens zu unbekömmlichen Resultaten. A propos eigene Meinung: Von Johannes Groß stammt der Satz, es sei nicht die Aufgabe von Journalisten, „Überzeugungen feilzuhalten oder für Glaubensbekenntnisse zu wüten, sondern Fakten zu prüfen und Analysen auszuarbeiten“, denn die Ethik des Journalismus sei eine Service-Moral. Deshalb gilt in der Fachwelt unbestritten die Maxime, so gut es geht zwischen Nachricht und Meinung zu trennen.

Es kommen dazu die Selbstverpflichtung, Nachrichten auf ihre Herkunft und ihre Verlässlichkeit zu prüfen, Quellen offenzulegen, das Gebot, zwischen privaten Interessen und öffentlichen Angelegenheiten zu unterscheiden sowie das Bemühen, sich mit gesunder Skepsis nach allen Seiten umzusehen. Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gesagt: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz hält zum Gegenstand seiner Betrachtung; dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“ Zu den journalistischen Tugenden zähle ich ferner die Fähigkeit zum Selbstzweifel – und die Bereitschaft, auch die eigenen Stereotypen und Vorurteile immer wieder zu überprüfen.

Ich sagte zu Beginn, dass wir Anlass zur Selbstvergewisserung haben, was das Wesen unseres Berufes angeht. Warum? Weil vor allem die OnlineMedien einen bunten Strauß neuer Ausdrucksformen zum Blühen gebracht haben. Die Stichworte lauten Blogger, Foren und Bürgerjournalisten. Sie halten uns traditionellen Journalisten vor, wir seien eine Art Kaste weltlicher Priester, die darüber entscheiden, welche Informationen das einfache Volk erhalten solle und welche wir ihm vorenthalten. Das Web 2.0 sei demgegenüber eine digitale Revolution, die Blogger stellten das klassische Modell auf den Kopf und die Gemeinde empfinde keinen Respekt mehr von den Priestern.

Zweifellos ist der klassische Journalismus ein einseitiger Informationsfluss, indem wir für unser Publikum das aussuchen, von dem wir glauben, es sei wichtig und berichtenswert. Ich finde es auch nicht anstößig, wenn gesagt wird, der traditionelle Journalismus sei hierarchisch. Natürlich ist er das – so wie jede kreative Leistung hierarchisch ist. Auch Theater und Konzerte sind hierarchisch, und niemand käme vermutlich ernsthaft auf die Idee, die Musik „demokratisieren“ zu wollen – es sei denn, er hielte Karaoke für eine besondere zivilisatorische Errungenschaft und für irgendwie authentischer als Beethoven. Selbst ein Friseurbesuch hat etwas Hierarchisches, denn der Friseur, bei dem ich gestern war, hat etwas gelernt, das ich nicht kann. Und ich weiß nicht, ob es die Menschheit sehr viel weiterbrächte, wenn wir uns alle gegenseitig die Haare schnitten. Genau das aber ist das Credo der Blogoshpäre: Professionelle Handwerksnormen seien nichts als Anmaßung, nichts als die Selbstlegitimation einer Berufskaste, die ihr Publikum bevormunde. Und eigentlich seien sie die besseren, die authentischeren Journalisten, frei von redaktionellen Zwängen, nur der Wahrheit und der Freiheit verpflichtet.

Ja, Internet-Blogs können durchaus eine Bereicherung sein, und viele sind originell und anregend. Eine besonders authentische Form des Journalismus sind sie freilich nicht. Die meisten Blogger, die sich als Graswurzel-Journalisten verstehen, überlassen die Recherchearbeit lieber den Mainstream-Medien und erregen sich über deren Fehler, wie Michael Haller von der Universität Leipzig zu recht konstatiert. Die besten und geistreichsten Blogger sind so etwas wie Kolumnisten, die oft originelle Sichtweisen vertreten, die sich aber nicht mit der Mühe ernsthafter Nachrichtenarbeit plagen und stattdessen das abschöpfen, was Zeitungsredaktionen kostenlos ins Netz stellen.

Eine Episode macht anschaulich, was demgegenüber ernstzunehmender Journalismus bedeutet – und was uns wahrscheinlich blühte, wenn er durch immer mehr semiprofessionelle Publikationsformen an den Rand gedrängt würde. Wenige Tage vor der letzten Landtagswahl in Hessen ging bei mehreren Redaktionen ein Hinweis ein. Inhalt: Der Justiz liege eine Anzeige gegen einen Minister vor. Es gehe um Kindesmisshandlung. Auf politischen Druck halte die Justiz die Sache aber bis nach der Wahl zurück. Die Vorwürfe waren dürftig, wie jeder ganz schnell feststellen konnte, der sich nur die Mühe machte, die anonymen Hinweise zu prüfen. Die Sache war erkennbar so windig, dass sich alle Redaktionen, die davon erfuhren, entschlossen, fürs Erste nichts zu veröffentlichen – und zwar von „Bild“ über F.A.Z. bis zur „Frankfurter Rundschau“ und zum „Spiegel“. Im Internet war jedoch schon bald die Hölle los. Unter mehreren Pseudonymen hatte jemand die Vorwürfe im Netz verbreitet. Er rief dazu auf, bei Journalisten nachzufragen, warum sie die Sache „unterdrückten“. So weit kommt es, wenn die professionellen Sicherungsmechanismen unseres Metiers außer Kraft gesetzt werden, wenn jeder Amateur zum Autor werden kann.

Das ist nämlich die Kehrseite der neuen Freiheit: Sie ist erkauft mit einer schleichenden publizistischen De-Professionalisierung. Ernstzunehmender Journalismus ist allerdings keine HeimwerkerBeschäftigung, sondern ein Beruf, der bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse verlangt und dessen Ansprüchen nicht jeder genügt, der in einem Internet-Blog die Zeitgenossen mit möglichst steilen Thesen unterhält.

Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach aus Dresden stellt fest: „Auch in der schönen neue Welt der digitalen Informations-Technologie braucht es mehr, um als Journalist zu gelten, als nur etwas zu veröffentlichen – sei es im Hyde-Park, in der Kneipe oder in der Blogosphäre. Die neuen Kommunikations-Strukturen sind gleichwohl eine Herausforderung für Identität und öffentliche Wertschätzung des professionellen Journalismus.“ Ich stimme Donsbach ohne jede Einschränkung zu.

Zum Streben nach Qualität gehört natürlich auch ein Instrumentarium zur Qualitätssicherung. Das fängt bei der Ausbildung an. Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten schauen sich den Nachwuchs sehr genau an – nicht nur nach den handwerklichen Begabungen vom Schreibtalent bis zu einer überdurchschnittlichen Allgemeinbildung, sondern auch nach den charakterlichen Eigenschaften wie Anstand und Haltung. Dem Journalismus haben sich die unterschiedlichsten Naturen von Churchill über Hemingway bis zu Henri Nannen angeschlossen, der sich übrigens in schöner Selbstironie einen „Mann mit abgeschlossener Halbbildung“ nannte. Doch leider zieht dieser Beruf auch allerlei Selbstdarsteller, Schaumschläger und Wichtigtuer an. Es lohnt sich deshalb ganz besonders, rechtzeitig die Spreu vom Weizen zu trennen.

Hierbei haben auch Journalistenpreise eine eminent große Bedeutung, und zwar in doppelter Hinsicht: Sie zeichnen Autoren für herausragende Beiträge aus, die schon erschienen sind – und sie stellen damit zugleich einen Ansporn für andere dar, sich ebenfalls anzustrengen. Insofern wirken Preise nicht nur retrospektiv, sondern auch in die Zukunft. Und gerade junge Journalisten machen als Preisträger besonders auf sich aufmerksam. Der Kollege, der vor drei Jahren den Nachwuchspreis des Frankfurter Presseclubs gewann, ist jetzt und nicht zuletzt deswegen fest angestellter Sportredakteur der „Frankfurter Allgemeinen“. Die Sache hat sich für ihn also gelohnt – und für uns auch.

Ein Schlusswort in puncto Qualität: Gäbe es die erwähnten Prüfsteine für Qualität nicht, könnten wir uns Journalistenpreise und die Arbeit von Jurys schenken, dann wäre wirklich alles nur subjektives Geschmacksurteil. Wer allerdings einmal in einer Jury mitgearbeitet hat, weiß, dass deren Entscheidungen nicht bloß auf individuellen Vorlieben beruhen. Und es ist immer wieder verblüffend, wie ganz unterschiedliche Jurymitglieder, die über viele Themen ganz unterschiedliche Auffassungen haben mögen, sich relativ einvernehmlich und oft ohne lange Diskussionen darauf verständigen können, welche drei oder fünf Artikel aus einer großen Zahl von Einsendungen so herausragen, dass sie einen Preis verdienen.

Die Jury des Sophie von La Roche-Preises hat eine gut begründete, eine überzeugende Wahl getroffen. Ich gratuliere den Preisträgern sehr herzlich und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit."

RZO