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Doping-Serie, Teil 1:

Der Kalte Krieg mit heißen Dopingmitteln

Koblenz Es gibt schönere Themen des Sportjournalismus als Doping. Wunderbare Ästhetik prägt den Sport ebenso wie Athletik, Dynamik und Taktik. Der Bessere möge gewinnen, heißt es.

Doch nicht erst mit jedem Weltrekord stellt sich immer wieder die Frage: Ist nur der besser Gedopte der Bessere? Im Rahmen einer Serie versuchen wir, Licht in die Schattenwelt des Sports zu bringen.

Doping ist das Krebsgeschwür des Sports. Es ist ein gesellschaftliches Problem, der Sport ist das Spiegelbild einer Gesellschaft, für die der Griff zu Medikamenten zum Leben gehört wie Zähneputzen. Betrug im Sport gehört zum Geschäft. Verbände, Athleten, Betreuer und Trainer, aber auch die Politik beschwören seit Jahrzehnten den Kampf gegen die Manipulation. Die Frage ist: Meinen sie das ernst?

"Wir müssen Geduld haben", sagt der Aufsichtsratsvorsitzender der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada), Armin Baumert. Der frühere Weitspringer und langjährige Sportfunktionär aus Gamlen im Kreis Cochem-Zell kennt den Spitzensport seit gut vier Jahrzehnten. Wenn Baumert sagt, "wir werden in diesem Kampf kein Sieger sein", dann hat dies nichts mit Resignation zu tun. Im Anti-Doping-Kampf wissen die Jäger, dass sie das Hase-und-Igel-Spiel nicht gewinnen können.

Bereits 1963 sah sich der Europarat dazu veranlasst, den Begriff "Doping" zu bestimmen: "Doping ist die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form." Dies war vier Jahre, bevor 1967 der britische Tour-de-France-Fahrer Tom Simp-son am Mont Ventoux infolge eines Medikamenten-Alkohol-Mixes starb.

Mit zunehmender Professionalisierung und der Aussicht auf lukrative Prämien hat sich die pharmakologische Manipulation spätestens seit den 1960er-Jahren im Sport festgesetzt. Zunächst fast ausschließlich in der Spitze, seit gut 20 Jahren auch in vielen Disziplinen des Breitensports. Heute müssen regelmäßig die Ergebnislisten von Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften revidiert werden. Prominente Doper und Verdachtsfälle gibt es zuhauf, von US-Sprinterin Marion Jones bis hin zu Jan Ullrich.

Nach westdeutscher Lesart war Doping vor allem ein Dilemma der DDR. Dass es sich dabei wirklich um eine Deutsche Doping Republik handelte, ist anhand der historischen Aktenlage unstrittig. In der DDR wurde skrupellos, häufig menschenverachtend ausprobiert, was mit Medikamenten aus Athleten herauszuholen war. Es ist einigen engagierten Sportlern, Forschern und DDR-Kritikern zu verdanken, dass wichtige Akten nach dem Zusammenbruch des Völker- und Bauernstaates nicht im Schredder gelandet sind. So sind Studien erhalten geblieben, die sehr detailliert Auskunft darüber geben, wie sich die Gabe von anabolen Steroiden bei Sportlern auswirkt und welche Veränderung die permanente Erhöhung der Dosierung mit sich bringt.

Potenz bis zum Überdruss

Die minutiösen wissenschaftlichen Aufzeichnungen der modernen Frankensteins sind das eine, die Berichte vieler Aktiver das andere. So erzählte der ehemalige DDR-Skispringer (Olympiasieger 1976 und Vierschanzentournee-Gewinner 1973/74) und Sportmediziner Hans-Georg Aschenbach nach seiner Flucht aus der DDR im Juni 1989: "Die Aggressivität, die die Dopingpillen vermitteln, hielten die zehn Tage bis zum Wettkampf an - aber auch zehn Nächte. Manchmal war"s kaum zum Aushalten. Diese Dinger waren so potenzsteigernd, dass du plötzlich angefangen hast zu onanieren, im Wald, kurz vor dem Training hinter der Schanze, auf der Toilette oder sonst wo." Aschenbachs beklemmender Rückblick auf eine verkorkste Sexualität im jungen Erwachsenenalter ist nur einer von vielen. Vor großen Wettkämpfen soll es in DDR-Sportschulen regelmäßig wilde "Entladungen" gegeben haben, weil Jugendliche mit Hormonen vollgepumpt waren.

Solche Offenbarungen aus der heißen sportlichen Phase des Kalten Krieges zwischen 1969 und 1988 nahmen ab 1989 zu. Unter anderem berichtete die nach Österreich ausgereiste Schwimmerin Christiane Knacke-Sommer - 1977 die erste Frau, die 100 Meter Schmetterling unter einer Minute schaffte - aus ihrer belasteten Vergangenheit: von den hohen Anabolika-Dosen im Training und mannschaftsinternen Dopingtests vor der WM 1978. Weil ihr Wert zu auffällig war, blieb Knacke-Sommer zu Hause. Dazu ihr Tagebucheintrag: "Scheiße, noch voll im Stoff!"

Ihren (Stasi-)Klub Dynamo Berlin beschreiben Insider als den skrupellosesten unter den Ost-Vereinen. Die Historie dieses Klubs und anderer wurde in bemerkenswerten Dopingopfer-Prozessen Ende der 1990er-Jahre vor dem Landgericht Berlin aufgerollt. Knacke-Sommer sagte aus: "Man hat mit uns wie mit Tieren experimentiert." Auch die Vergangenheit der ZDF-Sportmoderatorin Kristin Otto kam zur Sprache, der sechsfachen Olympiasiegerin im Schwimmen 1988, die bis heute wissentliches Doping bestreitet.

Dass unter DDR-Sportärzten intern sogar über die ethische Frage massiven Dopings diskutiert wurde, darüber geben die Stasi-Berichte des IM Jürgen Wendt Auskunft, 647 Seiten stark. Wendt war von 1968 bis 1990 Vereinsarzt bei Dynamo und ab 1971 Mitarbeiter der Stasi, durch ihn war die Staatsführung informiert, wer die Dopinggabe an Minderjährigen kritisch betrachtete. Die Nachwelt ist dank dieser Aufzeichnungen auch davon unterrichtet, wie flächendeckend im Kinder- und Jugendalter mit Medikamenten hantiert wurde und welche körperlichen Schäden zu erwarten waren - und ausgeblendet wurden. Jürgen Wendt hat im Übrigen einen anderen bürgerlichen Namen: Bernd Pansold.

Auffangbecken für Altlasten

Der Mediziner wurde zu einer Geldstrafe wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt. Seiner Karriere tat es keinen Abbruch: Pansold betreute lange Österreichs Skistar Hermann Maier und heute im Trainingszentrum von Red Bull internationale Stars, da-runter die Ski-Weltcupsiegerin Lindsay Vonn. Zwölf frühere Top-Trainer der DDR sind heute noch in Österreich aktiv, es wird von einem Auffangbecken für Doper gesprochen. Aber es ist ja nicht so, als habe es Doping nur in der DDR gegeben, es sind lediglich aufgrund der Akten-Akribie viel mehr Details bekannt als aus Westdeutschland. Auch im Westen wurde (bis zuletzt) mit staatlichen Geldern in Sachen Doping geforscht.

Das jüngste Beispiel ist die Uni-Klinik Freiburg mit den Medizinern Lothar Heinrich und Andreas Schmid, die das Telekom- und T-Mobile-Team bis 2006 systematisch dopten.

Die älteren Beispiele haben ebenfalls viel mit Freiburg zu tun, mit Armin Klümper, einem "Guru" der deutschen Sportmedizin, und seinem Kollegen, Olympia-Teamarzt Joseph Keul. Ende Oktober 1976 gab es in Freiburg einen "Kongress der Deutschen Sportärzte"; die Versammlung soll der Wegbereiter für massives Anabolika-Doping gewesen sein. Koryphäen wie der Kölner Sporthochschul-Dozent Alois Mader sprachen sich offen für den Hormoneinsatz aus. Und Sportärzte-Präsident Herbert Reindell verkündete: "Kleinere Schäden müssen dabei in Kauf genommen werden." Der hochdekorierte Saarbrücker Mediziner Wilfried Kindermann sagte: "Im Osten kommen Frauen auch mit tiefen Stimmen durch den Alltag."

Die westdeutsche Mediziner-Elite wusste, was im Osten im Einsatz war und forschte parallel dazu am lebenden und laufenden Objekt. Während das Dopen im Osten staatliches Programm war, wurde es im Westen scheinheilig betrieben. Es gab mit Bundesmitteln geförderte Anabolika-Studien, aber gleichzeitig seit 1974 das Doping-Kontrolllabor in Köln mit dem verdienstvollen Manfred Donike. Keul & Co forschten mit Unterstützung von Politik und höchsten Funktionären für den Sportbetrug, Donike dagegen. Die Grundsatzerklärung des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees aus dem Juni 1977 sprach sich gegen "jede medizinisch-pharmakologische Leistungsbeeinflussung" aus - die Realität war eine andere. Durch Überläufer floss zudem DDR-Know-how in den westlichen Sp(r)itzensport ein, auch wenn Keul, Klümper und Kollegen dies heftig dementierten.

Ben Johnson auf DDR-Dope

Als mit dem positiven Test des 100-Meter-Olympiasiegers Ben Johnson 1988 weltweit eine Diskussion über Leistungsmanipulation losbrach, war Johnson schon drei Jahre lang auf dem DDR-Mittel "Estragol" unterwegs und nicht nur auf dem in Seoul gefundenen "Stanozolol". Weniger Medien-Aufsehen erregte dagegen der Tod von Birgit Dressel. Die Mainzer Siebenkämpferin starb 1987 innerhalb weniger Stunden an einem Medikamenten-Schock. Die Obduktion ergab, dass die 26-Jährige - offensichtlich dank der Rezepte des Freiburger Professors Klümper und seiner Mitarbeiter - so sehr gedopt hatte, dass ihr Körper die Überdosis nicht verkraftete. Bis heute sind nicht alle Umstände geklärt, wer an diesem Dopingfall aktiv beteiligt war - es wurden mehr als 100 Medikamente ermittelt und in der gemeinsamen Wohnung der EM-Vierten und ihres Trainers sichergestellt. Die Reaktionen auf den Tod und die Umstände sind am besten mit dem Wort "doppelzüngig" zu beschreiben: nach scharfen Kontrollen fordern und hoffen, dass sie ausbleiben.

Dopingbeichten machten immer wieder deutlich, dass im Westen Ost-Wissen vorhanden war, beispielsweise, wie bei Kontrollen "falscher" Urin verwendet werden sollte. Die Öffentlichkeit erfuhr allerdings erst durch den Dopingfall Krabbe I davon, wie so etwas funktioniert. Die Sprinterinnen Katrin Krabbe, Grit Breuer und Silke Möller-Gladisch gaben 1992 identischen Urin ab. War es der ihres Trainers Thomas Springstein? Der Dortmunder Sportrechtler Reinhard Rauball - bekannt aus dem Fußball - sorgte mit einer Formfehler-Debatte für einen Freispruch. Monate später besiegelte ein Clenbuterol-Befund das jähe Karriereende von Krabbe, der Weltsportlerin des Jahres 1991.

Breuer wurde ebenso positiv getestet, ihre Karriere von einer Sperre aber nur unterbrochen. Nach erfolgreichem Comeback trat sie erst 2005 zurück - aus gesundheitlichen Gründen. Vermutlich spielte auch eine Rolle, dass sie mit ihrem Lebensgefährten Springstein in den bis dato schlimmsten Fall von modernem Doping hineingeschlittert war. Obwohl es unter anderem um das hochgefährliche Gendoping ging, wurde Springstein wegen der Weitergabe von Dopingmitteln an Minderjährige "nur" zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Exemplarisch zeigte sich hier, dass in Deutschland eine Gesetzgebung fehlt, die eine klare Handhabe in Dopingfällen ermöglicht. Es fehlt offensichtlich der politische Wille, beherzt gegen den Missbrauch einzuschreiten. Und dies hat eine lange Tradition.

Von Volker Boch

Ergänzung auf Verlangen von Claudia Pechstein: Über die Internetseiten von RZ-Online verbreiten wir einen Artikel mit der Überschrift: ,Der Kalte Krieg mit heißen Dopingmitteln', in dem es vom 4.11. bis zum 11.11.2009 hieß: „Prominente Doper gibt es zuhauf, von US-Sprinterin Marion Jones bis hin zu Jan Ullrich und Claudia Pechstein“. Hierzu ergänzen wir wie folgt in dem von ihr vorgeschlagenen Wortlaut: „Frau Pechstein ist – ohne positiven Dopingnachweis – wegen auffälliger Blutwerte von der Internationalen Skating Union (ISU) gesperrt worden. Frau Pechstein bestreitet den Doping-Vorwurf. Sie hat gegen das Urteil der ISU Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) eingelegt.“ Die Redaktion.

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