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Doping-Serie, Teil 2:

Methoden aus dem Reich Frankensteins

Von Volker Boch

Koblenz - Es gibt schönere Themen des Sportjournalismus als Doping. Wunderbare Ästhetik prägt den Sport ebenso wie Athletik, Dynamik und Taktik. Der Bessere möge gewinnen, heißt es. Doch nicht erst mit jedem Weltrekord stellt sich immer wieder die Frage: Ist nur der besser Gedopte der Bessere? Im Rahmen einer Serie versuchen wir, Licht in die Schattenwelt des Sports zu bringen.

Das Internet ist genau der richtige Ort, um ohne Vorrede gleich zur Sache zu kommen. So beginnen die unzähligen Doping-Anfragen in den Bodybuilding- und Fitness-Foren immer sehr direkt. Hier ein Beispiel aus dem September 2009, ein Kampfsportler mit dem Fantasienamen "Panoptes" bittet in einem Forum um Rat, es ist eines von Hunderten Beispielen: "Hallo, ich möchte im Winter eine 4 Monatige Testo Kur machen 500mg pro Woche. Dazu möchte ich an Trainingstagen also 3-4 mal die Woche zehn I.U. Slin nehmen. Jetzt habe ich noch ein paar fragen zum Post Workoutshake: 1. Reichen 10gram Dextrose pro I.U. aus? 2.Wieviel Whey und Creatin sind zu empfehlen?"

An diesem originalen Forumseintrag ist keine Silbe und kein Komma verändert, aber es bedarf einiger Erläuterungen, um verstehen zu können, um was es dabei geht: Sportler "Panoptes" möchte eine Doping-Kur machen, vier Monate lang mit 500 Milligramm Testosteron pro Woche und zusätzlich drei- bis viermal wöchentlich zehn Internationalen Einheiten Insulin (hier mit dem in der Szene üblichen Produkt "Slin"). Seine Fragen richten sich an die Kenner. "Panoptes" will wissen, was er nach dem Training in einem "Post Workoutshake" - also in einer Energie spendenden Mixtur - zu sich nehmen soll, wie viel Traubenzucker (Dextrose) es sein soll. Zudem möchte "Panoptes" wissen, wie viel Protein (Whey) und Kreatin zu empfehlen sind, um in Kombination mit Testosteron und Insulin Muskelzuwachs zu entwickeln.

"Panoptes" ist einer von vielen Dopern , die bereits nach wenigen Minuten Wartezeit in den Foren Antworten bekommen. Die meisten Ratschläge aus der Szene sind ernsthaft und detailliert. Sie sind häufig auch eine Art letzte Warnung, denn bei falscher Anwendung geraten Doper wie der oben beschriebene schnell in Lebensgefahr. "Willst du nicht mehr aufwachen?", wird "Panoptes" gefragt - bei falscher Anwendung des Insulins spielt er mit seinem Leben.

Gefährlich sind dabei alle Substanzen, die im Sport verboten sind, die einen mehr, die anderen weniger. Hier ein Auszug der gängigen Substanzen und Methoden:

Testosteron: Ist nicht nur bei Bodybuildern der beliebte Klassiker, die Einstiegsdroge in den gefährlichen Kreislauf. Es ist ein körpereigenes, männliches Steroid-Hormon, das den Muskelaufbau fördert. Anders als die klassischen, körperfremden Anabolika wie Stanozolol, Deca-Durabolin (bekannt aus dem BRD-Doping) und Oral-Turinabol (DDR) war es lange Jahre nicht gut nachzuweisen. Mit Testosteron fiel T-Mobile-Radprofi Patrik Sinkewitz 2007 auf.

Wachstumshormon: Diese Form des Dopings steigert den Muskelaufbau und stimuliert gleichzeitig den Abbau von Fettzellen. Körpereigene Wachstumshormone werden in der Hirnanhangdrüse gebildet und konnten bis vor einigen Jahren nur von Toten gewonnen werden - mit dem Nachteil einer erhöhten Infektionsgefahr. Heute wird das Human Growth Hormon (HGH) gentechnisch hergestellt. Die Folgen dieses Dopings, das beispielsweise bei "kleinwüchsigen" Basketballern sehr beliebt sein soll, sind nicht abzuschätzen. Das Wachstum von Organen und Knochen ist nicht mehr rückgängig zu machen.

EPO: Das Hormon Erythropoetin (EPO) wird in der Niere gebildet und dient der Bildung von roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Bei chronischem Nierenversagen wird EPO in der Medizin eingesetzt; Doper verwenden es, um den Sauerstofftransport zu erhöhen. Bereits seit 1988 ist EPO als Dopingmittel bekannt, bevor es 1989 erstmals als Medikament in den Handel gelangte. Es war d a s Dopingmittel im Ausdauersport der 1990er-Jahre, da es die Leistung massiv steigerte und nicht nachweisbar war. Obwohl im Jahr 2005 von Lance Armstrong aus dem Jahr 1999 - als er erstmals die Tour de France gewann - sechs positive EPO-Tests bekannt wurden, muss er bis heute als "sauber" gelten. Der EPO-Nachweis ist offiziell erst seit 2002 möglich - der nach Spanien abgewanderte Langlauf-Olympiasieger Johann Mühlegg wurde als einer der ersten "Prominenten" bei den Winterspielen in Salt Lake City überführt. Das 2008 gefundene Mittel Cera ist ein Nachfolge-Präparat. Eine zu hohe EPO-Dosis kann in Verbindung mit hohem Flüssigkeitsverlust unter Belastung zu einer tödlichen Blutverdickung (Thromboembolie) führen. Eine Reihe nicht erklärbarer "plötzlicher Herztode" wird auf EPO zurückgeführt.

Insulin: Das für Diabetiker lebensnotwendige Hormon wird von Dopern offensichtlich in Kombination mit Wachstumshormon zur Leistungssteigerung benutzt. Während Insulin den Zucker aus dem Blut in die Muskulatur transportiert, sorgt das Wachstumshormon dafür, dass auf diese Weise kein unerwünschtes Fett aufgebaut wird. Insbesondere Bodybuilder schwärmen davon, dass die Energie auf diese Weise punktgenau verfügbar ist. Die Gefahr, ohne medizinische Kontrolle eine lebensgefährliche Unterzuckerung zu erleiden, ist immens. Seit 2008 existiert ein Nachweisverfahren des Kölner Anti-Doping-Labors.

Beta-2-Agonisten: Diese Gruppe umfasst klassische Asthmamittel wie Salbutamol und Fenoterol oder das durch den Dopingfall von Katrin Krabbe bekannt gewordene veterinärmedizinische Präparat Clenbuterol. Die Mittel wirken gefäßerweiternd auf die Bronchien und verbessern die Atmung. In der medizinischen Therapie sind die Beta-2-Agonisten teils für Sportler zugelassen. Allerdings wird darüber diskutiert, wie viele Sportler, die eine entsprechende Ausnahmegenehmigung (TUE) besitzen, wirklich unter Asthma leiden.

Stimulanzien: Die Gruppe der Stimulanzien (Aufputschmittel) ist der Evergreen der Dopingmittel, denn sie bringen nahezu garantiert Leistungsgewinn. Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 mit dem Aufputschmittel "Pervitin" zum WM-Titel gerannt sein soll. Pervitin ist ein Präparat aus der Klasse der Ampheta-mine. Es wurden bereits 1939 Studien begonnen, wie stark Pervitin die Ausdauerleistung verbessert. Getestet wurde dabei, wie lange Menschen bis zur Erschöpfung laufen können. Die Verbesserung betrug laut einer Studie von 1957 49 Prozent. Das bekannteste Stimulanzium ist Ephedrin.

Blutdoping: Diese Methode erlangte im Jahr 2006 vor allem durch den "Fuentes-Skandal" in Madrid hohe Bekanntheit. Sportler, darunter wohl auch Jan Ullrich und viele andere (bislang Unbekannte), ließen sich bei dem spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes Blut abnehmen und kurz vor einem Saisonhöhepunkt wieder zuführen. Ebenfalls wurde diese Methode wohl massiv in der Wiener Blutbank "Humanplasma" durchgeführt. Das Wiedereinführen des Blutes ist dann lebensgefährlich, wenn das Blut verklumpt oder nicht durchgängig gekühlt gelagert wurde. Blutdoping ist schwer nachzuweisen, häufig dienen lediglich auffällige Blutwerte als Indizien für eine mögliche Manipulation. Neben der Methode des Eigenblutdopings gibt es die noch gefährlichere, aber leicht feststellbare Variante des Fremdblutdopings, das den Radprofis Alexander Winokurow und Tyler Hamilton nachgewiesen wurde.

Gendoping: Der Name klingt längst nicht so gefährlich, wie diese Frankenstein-Form des Dopings ist. Im Prozess gegen den Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein tauchte im Jahr 2006 erstmals in E-Mails das Präparat "Repoxygen" auf, es schockte die Fachwelt. Die perverse Idee ist, dass ein in den Menschen eingeführtes Gen die Bildung des körpereigenen EPOs derart stimuliert, dass mehr Blut gebildet wird. "Es ist extrem gefährlich", sagt der Kölner Biochemiker und Anti-Doping-Forscher Wilhelm Schänzer, "denn das Gen lässt sich nicht abschalten, wenn man es nicht mehr braucht." Eine US-Laborstudie mit dem Präparat "Aicar" ergab im Vorjahr bei Mäusen eine Steigerung der Laufleistung von 44 Prozent.

Diuretika &amp;amp; Maskierungsmittel: Die Diuretika und Maskierungsmittel sollen an dieser Stelle genügen, um das Bild abzurunden. Diuretika steigern die Ausscheidung von Wasser und Salzen und senken damit den Flüssigkeitsgehalt im Körper. Bei Bodybuildern führt dies zu einer definierten Muskulatur, Ringer, Jockeys, Leichtgewichtsruderer oder auch Boxer schaffen so in kürzester Zeit massive Gewichtsabnahme. Maskierungsmittel dienen der Verschleierung von anderen Dopingmethoden, über den Einsatz von Epitestosteron lässt sich beispielsweise der Einsatz von Testosteron vertuschen.

Lesen Sie auch den Blog unseres Autors zu Sport und Doping unter www.blog.rhein-zeitung.de

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