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Jodrell Bank beobachtet „Baustellen“ im All

Das britische „Fenster zu den Sternen“

Manchester Um die „Zeitmaschine“ zu sehen, steigt man vor Manchester an der kleinen Bahnstation Goostrey aus. Nach einem halbstündigen Fußmarsch durch die gelben Weizenfelder der Cheshire Plains sieht man eine riesige Schüssel auf einem weißen Stahlträgergerüst über dem Wald „schweben“: Das „Auge“ von Jodrell Bank.

Ein Ort, an dem die Menschen seit 1957 oft um Milliarden Jahre in die Vergangenheit gereist sind. So lange brauchen elektromagnetische Wellen vom Rand des Universums, um am Ende ihrer Reise vom berühmtesten Radioteleskop der Welt eingefangen zu werden.

Langweilige Astrophysik? Von wegen! Diese Wellen erzählen phantastische Geschichten vom Ursprung der Welt, von sternenfressenden Monstern und gewaltigen Katastrophen. Dabei können die Experten der Jodrell Bank Observatory (JBO) selbst „unsichtbare“ Objekte im All beobachten, die das menschliche Auge nicht wahrnimmt. Sie tun dies mit größter Akribie. An diesem mysteriösen Ort werden sogar die Mikrowellenherde in Metallkäfige eingesperrt, um den Dialog der Menschen mit der Schöpfung nicht zu stören.

Tim O’Brien ist einer dieser Radio-Freaks, die das BBC4-Programm genauso spannend finden wie das digitale Sternenflüstern von pulsierenden Neutronenzwergen am Ende der Welt. Wie viele Briten steht der rothaarige Mann auf Feuerwerke, nur dass sein Interesse den explodierenden Gasbällen im Vakuum gilt. „Ich wünschte, ich hätte radioempfindliche Augen. Dann würde ich auch bei Tageslicht die Milchstraße im schwarzen Himmel sehen“, sagt der Wissenschaftler, während er auf ein Bild deutet. Ein paar Farbklekse. Sonst nichts. Nur Fachleute würden hier die Galaxie M82 erkennen, die die 76-Meter-Schüssel der JBO „fotografiert“ hat. Kein Vergleich zu den Weltraum-Fotos des optischen Teleskops Hubble. „Bald werden wir der Welt ähnlich brillante Radio-Bilder vom Universum bieten“, verspricht O’Brien, der in einem kleinen Raum mit metallischen Wänden stehen bleibt. Hier wird das neue „Herz“ von Jodrell Bank schlagen – ein Supercomputer, der jede Sekunde die gleiche Datenmenge verarbeiten kann, die heute der gesamte Internetverkehr der Insel ausmacht. Die JBO wird diesen Informationsstrom vom 250 Kilometer großen britischen „Fenster zu den Sternen“ erhalten, das aus sieben Radioteleskopen besteht, die mit Glasfaserkabel vernetzt werden sollen. Wer sich für Revolutionen in der Wissenschaft interessiert, sollte Manchester im Auge behalten. „Wir stehen an der Türschwelle zu phantastischen Entdeckungen“, sagt O‘Brien.

Die Revolution hatte 1945 begonnen. Der junge Forscher Bernard Lovell stellte in Jodrell Bank eine Radarantenne auf, um das All zu belauschen. Die Jagd nach den „kosmischen Strahlen“ machte jedoch den Bau einer Schüssel notwendig. Das damals weltgrößte Radioteleskop ging 1957 in Betrieb. Lovell und die Uni Manchester, hatten jedoch zunächst wenig Freude daran, weil das Projekt riesige Schulden gemacht hatte. Ein Zufall half den Briten: Als die Sowjetunion den Sputnik in den Orbit schoss, konnte die JBO als einzige im Westen dessen Trägerrakete „hören“. Das beeindruckte die Militärs, die einen Atomangriff seitens Moskaus fürchteten, und die Finanzierung der Astronomen war gesichert. Jodrell Bank bewährte sich im Weltraumrennen der Supermächte, weil es für die Amerikaner Kontakt zu ihren „Pioneer“-Sonden hielt. 1966 sorgte JBO für Schlagzeilen, als es den Russen die ersten Nahaufnahmen von der Oberfläche des Mondes „klaute“: Die Briten hatten ein Signal von der „Luna 9“ gehört, das sie an das Piepen eines Faxgeräts erinnert hatte. Als sie sich ein Fax liehen, kam aus dem Gerät tatsächlich ein Bild vom Mond heraus, das zu einer Sensation wurde. Jodrell Bank sei immer für Überraschungen gut gewesen, sagt Tim O’Brien: „Wir haben hier die Quasare entdeckt – weit entfernte Galaxien mit strahlenden Kernen. Dem Lovell-Teleskop gebührt auch die Ehre der Entdeckung von Pulsaren und den Gravitationslinsen im All“.

Die Besucher von Jodrell Bank starren ehrfürchtig hinauf zum 3200 Tonnen schweren Riesen, in dessen Schale eine Boeing-747 Platz finden könnte. Die Briten lieben ihr Teleskop: 80 000 Menschen kommen jedes Jahr zum denkmalgeschützten Bauwerk, um hier „Sternenpartys“ zu feiern. Als die Regierung 2008 die Finanzierung der JBO einstellen wollte, gab es einen Sturm der Entrüstung. Ein Radiosender nahm sogar einen Protestsong über die bedrohte „Zeitmaschine“ auf. Daraufhin wurden die Budgetkürzungen zurückgenommen. „Schade, dass wir bislang keine Signale von Außerirdischen empfangen haben – dann hätten wir uns über das Geld keine Sorgen machen müssen“, scherzt Tim.

Die Briten haben die Sehkraft ihres „Auges“ durch das Interferometrie-Verfahren verstärkt, bei dem mehrere, von einander weit entfernte Teleskope ihre Signale bündeln. Weil dies per Radio geschehe, gingen heute 99 Prozent der Informationen verloren, erklärt Dr. O’Brien. Um den Datentransfer zu erhöhen, wollen die Astrophysiker bis 2010 alle Teile des „E-Merlin“-Netzwerks per Glasfaserkabel verbinden, das die tausendfache Menge an Daten übertragen kann. „Es ist so, als würde man vom alten Schwarzweißfernseher auf ein modernes HD-Farbfernsehgerät umsteigen“, schwärmt der Sternenfan. „Wir werden mit diesem System bis hin zu den Schwarzen Löchern vordringen und die kosmischen Baustellen um junge Sterne herum sehen können, auf denen Planeten entstehen“.

Text und Fotos von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

RZO