Die Welt geht unter. Schon wieder.
Koblenz Erneut steht uns der Weltuntergang bevor: Am 21. Dezember 2012 soll es geschehen, haben Esoteriker berechnet.
Sie stehen in einer langen Reihe von Weltuntergangspropheten - die sich allerdings alle bislang geirrt haben.
Diesmal aber wirklich! Aus den USA ist das nächste Datum für den Weltuntergang zu uns geschwappt: der 21. Dezember 2012. Nur noch dreimal Weihnachten also! Warum glauben so viele Menschen den Weltuntergangspropheten, dass sich sogar Hollywood mit dem Actionthriller "2012" eingeschaltet hat?
Schon oft wurde das Datum für den Weltuntergang berechnet - bislang vergebens. Warum die Welt nun ausgerechnet 2012 untergehen soll? Erstens endet der Kalender der Mayas. Zweitens soll es in dieser Zeit gewaltige Sonnenstürme geben. Und drittens soll die Erdachse aufs Zentrum der Milchstraße zeigen. Ach ja, und Planet Nibiru - ein geheimnisvoller, bislang unentdeckter Planet, der immer wieder an der Erde vorbeifliegt und Chaos bei uns anrichtet mit seiner speziellen Gravität - wird auch zu Weihnachten 2012 vorbeikommen. Fazit: Gute Nacht.
Spinner, mag man genervt oder amüsiert denken. Nicht so Clemens Albrecht, Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau, der intensiv am Thema "2012" geforscht hat. "Wir dürfen nicht vergessen, dass schon die Jünger Jesu den Weltuntergang und das rasche Kommen des Messias vorhergesagt und sich getäuscht haben", sagt er mit Blick auf das Phänomen der frühchristlichen Naherwartung - und nimmt damit zunächst einmal etwaiger christlicher Überheblichkeit den Wind aus den Segeln. "Wer ein Datum für den Weltuntergang festlegt, will eine ganz bestimmte Wirkung erreichen: Er will das sonst so profane Leben mit Bedeutung füllen", glaubt Albrecht.
Wenn Wissenschaftler errechnen, dass in vier Milliarden Jahren die Sonne verglüht, hat dies laut Albrecht keinerlei Auswirkungen auf unseren Alltag. Ganz anders ist es aber, wenn wir uns auf den 21. Dezember 2012 hinbewegen und fest davon überzeugt sind, den 22. Dezember nicht mehr zu erleben. "Alles, was ich tue, gewinnt an Bedeutung, wenn ich den Zeitpunkt kenne, an dem mein Leben endet." Jedes Handeln wird hinterfragt, jede Entscheidung bewusst getroffen - "ein Datum baut eine innere Spannung auf."
Dabei will Professor Albrecht die Faszination des Weltuntergangs nicht unbedingt ins Reich der Spinnerei verweisen. "Was den Weltuntergang angeht, sind die Grenzen zwischen Religion und Esoterik fließend", sagt der Wissenschaftler. Und auch hartgesottene Realisten erliegen immer wieder der Faszination des Untergangs: So zählt das prophezeite (und ausgebliebene) Technik-Chaos in der Nacht zum 1. Januar 2000 für die Wissenschaft ebenfalls zu den Weltuntergangsmythen.
Besonders "anfällig" für solche Theorien sind laut Albrecht die USA mit ihren streng gläubigen, aber oft ungebildeten Menschen im "Bibelgürtel", aber auch generell Menschen, die nur über Halbwissen verfügen. "Man hat via Internet Zugriff auf alle Informationen, es fehlt aber die Bildung, um sie in einen Kontext einzubinden. Und deshalb glaubt man den Pseudo-Wissenschaftlern."
Was ist denn nun dran an den Dingen , die sich 2012 im Weltraum tun sollen? Ein Anruf beim Max-Planck-Institut für Astronomie ruft schallendes Gelächter hervor. "Das ist totaler Quatsch", kommentiert Jakob Staude, der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Nur wenige Astronomen haben sich bislang ernsthaft mit dem Phänomen "2012" beschäftigt - Florian Freistetter ist einer von ihnen. Der promovierte Astronom forscht zurzeit an den Universitäten von Jena und Heidelberg und räumt mit den verschiedenen Weltraummärchen auf.
Die Erdachse soll auf das Zentrum der Milchstraße zeigen. "Wie denn?", fragt Freistetter. Kurz gesagt: Die Erdachse ist um 60 Grad geneigt und müsste quasi zurückgekippt werden, um in die Bahnebene des Milchstraßenzentrums zu gelangen. "Das geht nur, wenn die Erde mit einem großen, massiven Planeten kollidiert."
Es soll tödliche Sonnenstürme geben. "Sonnenstürme treten periodisch auf und erreichen alle elf Jahre ihren Höhepunkt", sagt Freistetter. 2012 oder 2013 wird tatsächlich ein Maximum erwartet. "Es gibt aber ein gutes Vorwarnsystem." Denn: Stromleitungen können ausfallen, Satelliten gestört und der Flugverkehr beeinträchtigt werden. Alles unangenehm - aber kein Weltuntergang.
Der Maya-Kalender endet, ja. Aber so, wie unser Kalender am 31. Dezember endet. Jedes Jahr. Es beginnt schlicht eine neue Epoche, sagt der Wissenschaftler.
Bliebe noch Planet Nibiru. "Dieser Planet soll uns zum einen sehr nahe kommen, zum anderen aber auch immer wieder ganz weit von uns weg sein. Also müsste er eine sehr langgestreckte Bahn haben", sagt Freistetter. Planeten mit einer solchen Bahn seien aber äußerst instabil. "Wenn es Planet Nibiru wirklich geben würde, wäre er längst in die Sonne gestürzt." Und wenn nicht? "Dann müsste ein so großer Planet bereits jetzt mit bloßem Auge am Nachthimmel erkennbar sein - wenn er 2012 hier bei uns eintreffen soll."
Was wird passieren, wenn am 22. Dezember 2012 die Welt immer noch steht? Werden sich die Weltuntergangspropheten rechtfertigen müssen? Nein, sagen Albrecht und Freistetter unisono. "Es wird wie üblich gesagt werden, dass ein Rechenfehler vorliegt, und es wird ein neues Datum genannt werden", ist sich Freistetter sicher.
Ein neues Datum steht im Übrigen schon fest: 2076. Diverse Sekten erwarten, dass die Welt im Jahr 1500 des muslimischen Kalenders untergeht. Sprich: 2076 ist Sense. Diesmal aber wirklich.
Von unserem Kulturredakteur Michael Defrancesco
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