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Kinderbuchklassiker werden Politisch korrekt: Auf Taka-Tuka leben keine 'Neger' mehr

Kinderbuchklassiker stehen in fast jedem Bücherregal und werden auch heute noch gern gelesen.

Doch manchmal stolpert man über Formulierungen" die seinerzeit üblich waren" heute aber politisch unkorrekt sind. Beispiel "Pippi Langstrumpf" und ihr Vater" der "Negerkönig".

Abendliches Vorlesen am Kinderbett" ein Klassiker ist dran: "Pippi Langstrumpf". Spannend wie eh und je; Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ein und lernt ihre Freunde Tommy und Annika kennen. Natürlich kommt bald die Frage" wo denn Pippis Eltern stecken. Bei der Antwort wird der Vorlesende langsamer und gerät schließlich ins Stocken. Pippi sagt: "Meine Mama ist ein Engel" und mein Papa ist ein Negerkönig." Negerkönig. Ein Wort aus einer anderen Zeit" das daran erinnert" dass Astrid Lindgren "Pippi Langstrumpf" 1945 schrieb. Ein Wort" das heute tabuisiert ist. Aus dem "Negerkuss" wurde der "Schokokuss". Das Kinderlied "Zehn kleine Negerlein" wurde zu "Zehn kleine Kinderlein". Der Nick-Neger" ein Figürchen" das in vielen Kirchen an den Weihnachtskrippen stand und Spenden entgegennahm" ist längst verschwunden.

Aus dem Wortschatz entfernt "Neger" – ein Schimpfwort" dass der politisch korrekte Mensch aus seinem Wortschatz eliminiert hat. Und jetzt soll er es seinem Kind vorlesen? "Ja" das Wort ist tabuisiert"" bestätigt Professor Rudolf Hoberg" Vorsitzender des Deutschen Sprachrats. Doch in früheren Zeiten wäre es in aller Regel nicht abwertend benutzt worden. Mit dem Wort "Neger" hätten viele Menschen fremde Länder" das Exotische verbunden; es sei bewundernd und mit einem gewissen Staunen verwendet worden. "Es lebten ja auch früher keine Schwarzen in Deutschland" wir kannten sie nur aus Büchern. Als ich nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal einen Schwarzen sah" war ich total begeistert: Diese Menschen gibt es ja wirklich!" Genau in diesem Sinn soll Astrid Lindgren das Wort "Negerkönig" gebraucht haben – das schreibt jedenfalls Karin Nyman" Sprecherin von "Saltkrokan AB"" den schwedischen Rechte〜inhabern. Kein Gedanke an Rassismus" ganz im Gegenteil: "Wir können nicht sehen" dass Pippi irgendwo in den Büchern Vorurteile hegt." Als der deutsche Oetinger-Verlag – von diversen vorlesenden Eltern angesprochen – eine Modernisierung der Übersetzung forderte" schüttelten die Schweden deshalb zunächst beharrlich den Kopf. Die Treue zum Original war ihnen wichtiger als eine politisch korrekte Neuübersetzung.

Unheimlicher Schwarzer Dennoch: Auch damals war das Fremde und Exotische nicht für alle Menschen reizvoll" sondern auch befremdlich bis unheimlich. Das Kinderspiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" zog dieses Gefühl des Unwohlseins – nicht zuletzt auch durch Kinderbücher gefördert – ins Spielerische. Der böse" schwarze Mann: Im Bilderbuch "Hatschi Bratschis Luftballon" von Franz Karl Ginzkey aus den frühen 60er-Jahren kommt ein zaubernder Mohr aus dem fernen Morgenland mit seinem riesigen Luftballon geflogen und entführt Kinder" die nicht auf ihre Eltern hören wollen. Schwarze Menschen als Sinnbild fürs Andersartigsein" über die man auch einfach spottet: Der Vers "Zehn kleine Negerlein" zeigt nicht gerade sehr clevere Menschlein. Sanktionen werden im "Struwwelpeter" geschildert" als die drei Jungs Kaspar" Wilhelm und Ludwig den "kohlpechrabenschwarzen Mohr" verspotten und prompt vom "großen Nikolas" ins "große Tintenfass" getunkt werden" auf dass die drei frechen Bengel in Zukunft noch schwärzer als der Mohr sind. Das genaue Gegenteil beschreibt hingegen Michael Ende in "Jim Knopf und Lukas" der Lokomotivführer": Hier weckt das exotische" schwarze Baby Jim Knopf Beschützerinstinkte – und es ist neben dem ständig verrußten" schwarzen Lokomotivführer Lukas auch gar nicht mehr andersartig.

Einfluss der USA "Das Wort "Neger" wurde vor allem durch den amerikanischen Einfluss immer mehr negativ besetzt"" sagt Professor Hoberg. "In den USA sprach man vom "Nigger" – und das war ein Schimpfwort." In den 70er-Jahren setzte in Deutschland nach und nach das Bewusstsein ein" in der Sprache politisch korrekt zu sein" hat der Sprachforscher beobachtet. Nicht nur der "Mohr" hatte seine Schuldigkeit getan" auch das Wort "Fräulein" wurde als Beleidigung empfunden und starb nach und nach aus. "Solche Entwicklungen sind in der Sprachgeschichte nichts Besonderes"" weiß Hoberg. Der "Negerkönig" hat hingegen erst seit einigen Wochen das Zeitliche gesegnet: Die Deutschen konnten die Schweden schließlich doch davon überzeugen" die vorlesenden Eltern aus ihrem Dilemma zu befreien. In der gerade erschienenen Neuauflage von "Pippi Langstrumpf" ist Pippis Vater ein "Südseekönig" geworden. Taka-Tuka-Land ist wieder eine heile Sprach-Welt.

Von unserem Kulturredakteur Michael Defrancesco

RZO