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Ströbele, Schily, Mahler: Ein deutscher Weg

Berlin 2003 treffen sie sich vor Gericht wieder, als Gegner.

Otto Schily will als Innenminister die rechtsextreme NPD verbieten lassen, sein früherer Kollege Horst Mahler möchte das als Anwalt der Gegenseite verhindern.

Mahler, der eine Biografie vom Anwalt zum Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) und dann zum Holocaust-Leugner vorzuweisen hat, siegt. Weil V-Leute in die NPD eingeschleust wurden, stellen die Verfassungsrichter das Verfahren ein. Anfang der 70er Jahre hatten Schily, Mahler und - als Dritter im Bunde - Hans-Christian Ströbele Vertreter der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der RAF verteidigt, bevor sich die Wege der Freunde von einst trennten.

«Die Anwälte - eine deutsche Geschichte» heißt der Streifen von Regisseurin Birgit Schulz, die dafür bis zu acht Stunden am Stück die drei damaligen linken Starjuristen interviewt hat. Zu Beginn ist ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Amtsgericht Berlin-Moabit zu sehen, welches die drei einträchtig beisammen zeigt. Mahler beugt sich auf der Anklagebank zu Ströbele und Schily hinüber. Ströbele, der aus Solidarität Mahlers Anwaltstalar trägt, und Schily verteidigen Mahler, der wegen versuchter Waffenbeschaffung für die RAF angeklagt ist. Schily erzählt im Film, dass er ein gutes Plädoyer für Mahler gehalten habe. Dann hatte Mahler das letzte Wort: «Mit Richtern redet man nicht, die erschießt man.» Schily schlug die Hände zusammen.

Der Weg der drei, von denen Mahler schon immer der Radikalste war, ist ein Spiegel deutscher Zeitgeschichte. Mit vielen, teils kaum bekannten Originalsequenzen, die mit Interviewpassagen wechseln, wird der Zuschauer mit einschneidenden Ereignissen konfrontiert: mit dem Tod Benno Ohnesorgs 1967, den Protesten gegen den Springer-Verlag, den RAF-Prozessen in Stuttgart-Stammheim, der Gründung der Grünen mit Schily und Ströbele und dem Kampf um ein NPD-Verbot.

Es ist auch ein Film über die Entfremdung von drei Männern, jede Biografie für sich ist ein dickes Buch wert. Während sich Mahler von ganz links nach ganz rechts bewegte und wegen Volksverhetzung und anderer Taten heute eine 12-jährige Haftstrafe absitzt, ist Ströbele das linke Gewissen der Grünen. Er verstand Schily nicht, als dieser nach dem 11. September 2001 als eher konservativer SPD-Innenminister scharfe Sicherheitsgesetze auf den Weg brachte. Beide fremdeln heute miteinander, gemein ist ihnen, dass sie sich niemals mehr mit Mahler an einen Tisch setzen würden.

Besonders bei Schily musste die Regisseurin lange Überzeugungsarbeit leisten, da ihn das Klischee des RAF-Anwalts nervt. Ihm ging es damals aber auch später als Minister um die Verteidigung des Rechtsstaats: sei es gegen staatliche Willkür beim Kampf gegen die RAF in den 70er Jahren oder gegen islamistische Terroristen nach 2001. Er sieht keinen Bruch in seiner Vita. «Für ihn ist das in der Tat stimmig und wie er es begründet, wirkt es nicht konstruiert», sagt Schulz.

Letztlich lebt der Film von den Brüchen und Widersprüchen, vor allem Mahler kann kaum beantworten, warum er zum Rechtsextremisten wurde, er scheint seinen Reiz im jeweils extremsten Widerstand gegen den Staat zu finden. Ströbele dagegen nimmt für sich in Anspruch, als einziger wirklich links geblieben zu sein. Zu Mahlers Werdegang sagt er: «Da fehlen mir die Worte.» Schily meint: «Das ist eine Tragödie.»

www.bildersturm-film.de Von Georg Ismar, dpa

dpa-infocom