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Geschichte

Die Mauer ist offen - Weltgeschichte pur

Berlin - Wohin mit all dem Gefühl? Die Freudentränen flossen, der Sekt auch. «Wahnsinn» war das Wort des Abends.

Vor 20 Jahren - am 9. November 1989 - fiel die Mauer. Nach mehr als 28 Jahren der Trennung konnten viele in Ost und West die Weltsensation zunächst nicht fassen.

Doch dann gab es kein Halten mehr. Tausende Ostler strömten noch in der Nacht zu den Grenzen, die nach und nach geöffnet wurden. Trabis knatterten erstmals auf westlichen Straßen. So mancher konnte gar nicht aufhören, fremde Landsleute zu umarmen und sein Glück herauszuschreien. Es war Weltgeschichte pur: Auf der Mauer am Brandenburger Tor in Berlin tanzten die Menschen.

Es war genau 18.53 Uhr, als SED-Spitzenfunktionär Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin zum neuen DDR-Reisegesetz stockend und fast konfus verkündete: «Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort...unverzüglich.» Der italienische Journalist Riccardo Ehrman hatte gefragt, wann die Erleichterungen in Kraft treten. Mauerfall halb aus Versehen oder inszenierter Plan?

Ex-SED-Generalsekretär Egon Krenz ist noch immer sauer auf seinen einstigen Mitstreiter Schabowski - der habe die Grenzöffnung zu früh und allein herausposaunt. Erst am 10. November hätten die Posten die Grenzen per Befehl öffnen sollen. Diese Darstellung weist der einstige Medienprofi Schabowski zurück. Auch Journalist Ehrman pocht auf seinen Geschichtsanteil: Ein SED-Mann - ausgerechnet der Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Günther Pötschke - habe ihm damals den Tipp für die Frage zur Reisefreiheit gegeben - die sei keinesfalls Zufall gewesen.

Noch am 7. Oktober hatte die Führungsriege mit Erich Honecker an der Spitze ungerührt mit Militärparade und Fackelzug den 40. DDR- Jahrestag gefeiert. Der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow warnte den reformunwilligen Honecker sinngemäß: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Da hatten schon Zehntausende die DDR verlassen, von Woche zu Woche wurden die Protestdemonstrationen größer, die Forderungen nach Demokratie trotz Repressalien und Festnahmen immer lauter. Heute wirft der einstige SED-Generalsekretär Krenz Gorbatschow Verrat vor, weil er den Weg zur Einheit mit frei machte.

Die Mitte Oktober 1989 nach dem Sturz Honeckers an die Macht gekommene Elite unter Krenz unterschätzte ihr Volk gründlich. Viele Menschen wollten sich mit den «Wende»-Ankündigungen der SED-Führung nicht mehr abspeisen lassen, glaubten nicht an Reformen. Mit der Erlaubnis von Auslandsreisen sollte die DDR gerettet werden, sagte Schabowski später der dpa. Doch die DDR-Bürger übernahmen an jenem 9. November die Macht auf der Straße. Dass die überraschten Grenzposten nicht schossen und alles friedlich blieb, empfanden viele als Wunder.

Doch die Glücksmomente verschwanden bald hinter einem Problemberg, Ernüchterung machte sich breit. Der schnelle Weg zur Einheit mit der Währungsunion, das massenhafte Wegbrechen von Arbeitsplätzen, marode Innenstädte und Straßen, verpestete Umwelt - die Aufgaben waren gewaltig. Die von «Einheitskanzler» Helmut Kohl versprochenen «blühenden Landschaften» gebe es, jedoch nicht überall, sagte Saarlands Ministerpräsident Peter Müller (CDU) vor kurzem. Wirtschaftsforscher schätzen, erst in knapp 50 Jahren werde die ostdeutsche Wirtschaft auf Westniveau sein. Gewerkschafter beklagen, Ostdeutschland sei vornehmlich ein Absatzmarkt für westdeutsche Produkte geblieben, die Löhne seien niedriger als im Westen.

Und dennoch: Von der Mauer in den Köpfen rede niemand mehr, sagt der erste frei gewählte und zugleich letzte DDR-Ministerpräsident Lothar der Maizière. Die innere Einheit sei besser als angenommen. Nach einer Forsa-Umfrage wollen heute 16 Prozent der Westdeutschen und 10 Prozent der Ossis die Mauer zurück. Obwohl an vielen Stellen das Zusammenwachsen geklappt hat, sind Unterschiede noch sichtbar.

Gerade ältere Ostdeutsche fühlen ihre Lebensleistung nicht genügend anerkannt. Sie waren zu alt, um nach der Einheit neu durchzustarten. Ungerecht finden sie auch, dass die DDR zunehmend auf die Stasi reduziert werde. Und es verbittert, dass ganze Landstriche zu veröden drohen, denn viele junge Menschen suchen ihre Perspektiven im Westen. Die Arbeitslosigkeit ist 20 Jahre nach dem Mauerfall im Osten fast doppelt so hoch wie im Westen.

Westdeutsche hingegen finden, dass ihre Landsleute im Osten dankbarer sein sollten für die Aufbau-Milliarden. Es kursiert weiter die falsche Annahme, nur Wessis zahlten den Solidaritätszuschlag. Für etliche Westdeutsche hat sich durch den Fall der Mauer nicht viel verändert in ihrem Leben, für die Ossis so gut wie alles. Etliche DDR-Bürgerrechtler, die den Reformprozess '89 in der DDR erst in Gang gebracht hatten, zogen sich enttäuscht zurück. Nun gibt es mit dem Mauerfall-Jubiläum und einer Flut von Ausstellungen, Büchern und Diskussionen bundesweit die Chance, Geschichte neu zu erfahren.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versucht ihren ostdeutschen Landsleuten Mut zu machen. Sie hätten im Herbst '89 mit ihrer Sehnsucht nach Freiheit eine Kraft gezeigt, die heute Vorbild sei, um die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Krieg zu überwinden. Diese produktive Unruhe werde weiter gebraucht, sagt Merkel an die Adresse aller Deutschen. Von Jutta Schütz, dpa

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