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Xavier Naidoo: «Jetzt ist unsere Generation gefragt»

Hamburg - Zum Start seines neuen Albums «Alles kann besser werden» sprach der Musiker Xavier Naidoo (38) mit der Deutschen Presse-Agentur dpa über sein neues Interesse an der Politik, den Anspruch an seine Generation und seinen Umgang mit dem Älterwerden:

Ein Album aus drei CDs, mit mehr als 30 Liedern - hätte man da nicht einfach in den vergangenen Jahren häufiger mal eine Platte herausbringen können?

Naidoo: «Die Songs auf dem Album sind über vier Jahre entstanden. Aus unterschiedlichen Stimmungen heraus, oder weil man neue Leute oder Produzenten kennengelernt hat. In vier Jahren passiert halt viel. 2006 hatte ich eine Zeit, wo ich mich mehr zurückgezogen und Texte geschrieben habe. Dadurch habe ich einen Haufen verschiedener Songs gehabt, aus denen ich auswählen konnte. Es sind sogar Titel dabei, bei denen der Gesang noch von 2003 ist, und erst jetzt hatte ich das Gefühl, dass es passt. Wenn ein Song geschrieben ist, traue ich mich meistens nicht mehr, etwas zu verändern. Also ist er entweder drin oder draußen.»

Was sofort auffällt, ist, dass es diesmal mehr um Politik denn um Glauben geht als auf früheren Alben.

Naidoo: «Ich habe jetzt gar nicht gezielt beschlossen, so, ich will in die oder die Richtung, sondern es hat sich so ergeben. Es ist halt passiert, dass ich jetzt weniger über Glaubensthemen singe. Ich habe schon soviel darüber gesungen. Und jetzt hat meine Musik mehr diesen "Gib nicht auf"-Ton.»

Apropos Politik, ist es nicht etwas ironisch, dass es jetzt in einem der Lieder heißt "Angela Merkel hat ausgedient", während sie gerade dabei ist, wieder Bundeskanzlerin zu werden?

Naidoo: «Das ist mir egal , das interessiert mich nicht. Ich kann nur meine Gefühle ausdrücken, und die sind eben so.»

Und warum heißt es in dem Lied auch, «Barack Obama hat ausgedient»?

Naidoo: «Ich sehe ihn nicht so positiv wie der Rest der Welt. Mir gefällt diese Nähe zur Wall Street nicht, vom (US-Finanzminister) Geithner angefangen. Mich beeindruckt er nicht. Ich habe Angst davor, dass gerade in Deutschland man sich nach Bush so sehr jemand anderen herbeigesehnt hat, und es dann gleich heißt: "Amerika hat sich verändert". Und in Wahrheit hat sich gar nicht soviel verändert. Es wird trotzdem von Deutschland verlangt, mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Und sobald solche Forderungen kommen, werde ich misstrauisch.»

Hat dieses verstärkte Interesse an der Politik etwas mit dem Alter zu tun?

Naidoo: «Wir sind die nächste Generation. Wir schimpfen die ganze Zeit über die Vergangenheit und die Kohl-Ära und regen uns auf, aber jetzt so langsam kommen wir in ein Alter, wo man zeigen muss, dass man es besser machen kann.»

Und wie kann man es besser machen?

Naidoo: «Für mich ist es vor allem auch eine regionale Sache. In Mannheim etwas zu verändern, dort was anzupacken, auch mit der regionalen Politik zusammen - das versuchen wir. Mit unserer Musik-Firma, mit der Pop-Akademie, mit anderen Projekten. Uns war immer wichtig, dass Arbeitsplätze entstehen. Mein Vater war Schweißer bei John Deere und man hat in den 80er und 90er Jahren zusehen müssen, wie die ganzen Arbeitsplätze verschwanden und Mannheim mit die höchsten Arbeitslosenquoten bekam. Ich habe mich immer gefragt, was man dagegen machen kann.»

Ist es aber als finanziell erfolgreicher Popstar nicht schwierig, sich mit den Nöten der normalen Bevölkerung zu identifizieren?

Naidoo: «Für mich ist es nicht schwierig. Ich habe lange genug miterlebt, wie es ist, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, und wenn man Schulden hat. Auch jetzt denke ich mir, wir sind ein sehr kleines Unternehmen, wir tragen die Verantwortung für die Leute, die für uns arbeiten, und wir haben schon oft gesehen, wie schnell man in der Musikindustrie scheitern kann. Dann heißt es, der Traum ist vorbei, hier ist die Realität - dann drohen auch bei uns Entlassungen ... Außerdem bin ich eher ein klassischer Unternehmer und investiere immer wieder alles in die Firma. Ich habe keine Ausbildung fertiggemacht, alle diese Dinge, auf die man sich in Deutschland gerne verlässt, habe ich nicht, von daher ist mir bewusst, dass alles auch ganz schnell vorbei sein kann.»

Es ist also kein Zufall, dass das neue Album «Alles kann besser werden» heißt - kann werden, aber vielleicht auch nicht?

Naidoo: «Jedem muss klar sein, man kann nicht bei der Wahl seine Stimme abgeben und sich dann vier Jahre nicht mehr um die Politik kümmern. Wir sind alle gefordert und wir müssen die Augen aufmachen. Die Welt verändert sich. Da gibt es Länder, da sagen die Leute, wir knien uns rein, arbeiten hart, damit es unseren Kindern bessergeht - so wie in Deutschland nach dem Krieg. Hier ist jetzt kaum jemand dazu bereit. Mir fehlt das Wir, dieses echte Wir-Gefühl, das es in Deutschland auch einmal gegeben hat. Es geht darum, Deutschland emotional zu festigen, da wollen wir mit Musik unseren Teil dazu beitragen. Und vor allem Politiker und Unternehmer sind da auch gefragt.»

Aber hat man nicht den Eindruck, viele Politiker sind eher schlecht für das Wir-Gefühl?

Naidoo: «Ja, der Vertrauensverlust ist groß. Die Politiker könnten gut für das Wir-Gefühl sein, aber sie sind Getriebene geworden. Ein Adenauer konnte sich auch mal zwei Wochen Zeit für eine Entscheidung lassen, weil er nicht durch Schlagzeilen dazu gedrängt wurde, schon am nächsten Morgen irgendeine Lösung parat zu haben. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich die Politik eher auf einer Gefühlsebene und dann fühle ich mich traurig und wütend und denke, das hat Deutschland nicht verdient. Deutschland hat so viele unglaubliche positive Möglichkeiten, auch der Welt gegenüber, gerade durch die Aufarbeitung von dem, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, man darf das nicht verspielen. In Europa sind die Möglichkeiten so groß, der Welt zu zeigen, wie es gehen kann - hier leben Moslems und Juden zusammen, hier werden Minderheiten respektiert ... Aber wenn die Politiker sich weiter treiben lassen, anstelle besonnen zu handeln, werden wir alle darunter leiden.»

Kann es im heutigen Deutschland überhaupt ein Wir-Gefühl geben?

Naidoo: «Aber natürlich. Wir haben es ja - so banal das Beispiel auch ist - während der Fußball-WM 2006 gesehen. Da war Deutschland wirklich das Traumland, das es sein kann und vielleicht auch sein wird irgendwann. Wir brauchen halt ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Ereignis, das uns wirklich verbindet.»

Läuft man als erfolgreicher Musiker nicht Gefahr, dass man sich über die Jahre eine sichere Nische sucht und einfach nur seine Fans zufriedenstellt?

Naidoo: «Ich glaube, diese Gefahr ist immer da, dass man sich zufriedener fühlt, als man sollte. Aber mir geht es ja auch nicht um Geld oder Erfolg, sondern dass ich glücklich damit bin, was ich mache. Ein Teil von mir sucht einfach jeden Tag nach einem geilen Beat - ich bin einer von denen, die immer dieses Kopfnicken machen zur Musik. Diese Suche könnte ich nicht aufgeben. Wenn ich das verliere, dann könnte ich mir auch überlegen, etwas anderes zu machen im Leben.»

Viele fangen etwas anderes an mit 40 - die Marke steht Ihnen in zwei Jahren bevor. Hört man da nicht die große Uhr ticken und denkt an lauter Sachen, die man noch unbedingt geschafft haben will?

Naidoo: «Ich gar nicht. Vielleicht weil ich auch das Kind älterer Eltern bin, höre ich diese Uhr überhaupt nicht. Eher diese Freude, dass man heute in dem Alter viel jugendlicher sein kann als die 40- und 50-jährigen, die wir als Kinder gekannt haben. Nein, ich freue mich auf die 40. Durch dieses Erwachsenwerden bekommt man auch andere Einflussmöglichkeiten. Man kommt Dingen, die man schon immer erreichen wollte, näher, weil die Leute jetzt einem auch zuhören.»

Aber ans Vater werden denkt man schon häufiger?

Naidoo: «Ich denke immer wieder ans Vaterwerden, weil auch viele von uns schon Kinder haben. Aber ich erinnere mich auch immer wieder daran, dass meine Mutter 38 war als ich geboren wurde und mein Vater 42. Ich glaube, meine innere Uhr sagt mir, Du kannst auch ein cooler, jugendlicher, nicht spießiger über 40 Vater sein. Wenn's passieren sollte - gut, aber ich habe da keine Eile. Und außerdem wächst mir ja immer noch nicht einmal ein Bart ...»

dpa-infocom