pic Zählpixel
kalaydo leftkalaydo logo
RZ-Blog  |  Twitter  Mobil&RSS  |  Kontakt
suchen im
Lexikon
RZ-Online-Archiv
Zeitungs-Archiv
Internet
< Schnell-Navigation >
KinoWelt VideoWelt FotoWelt MeineWelt
Doping-Serie, Teil 3:

Sind alle Radfahrer gedopt? Wenn ja, warum?

Von Volker Boch

Koblenz - Die Dummen sind immer die Radfahrer. Dies ist ein treffender Satz, um zu beschreiben, wie Anti-Doping-Arbeit häufig funktioniert: Immer wieder werden Pedalritter aus dem Profizirkus herausgezogen, weil in ihrem Blut und/oder Urin verbotene Stoffe gefunden worden sind.

Die Radler fühlen sich deshalb als die Dummen, weil sie das Gefühl nicht loswerden, dass bei ihnen genauer hingeschaut wird als bei anderen. Auf die Gesellschaft wiederum wirken die Radler dumm, weil sie anscheinend nicht imstande sind, etwas dazuzulernen. Für andere gedopte Sportler und für manchen Funktionär sind sie die Dummen, weil sie sich erwischen lassen. Erwischt werden Radfahrer reichlich. Warum?

Das Finanzielle: Wer über Radsport und Doping nachdenkt, landet schnell bei der Frage, was zuerst da war - Henne oder Ei? Als Ende des 19. Jahrhunderts Radrennen in den Parks großer Städte zunehmend populärer wurden und 1896 in New York das erste Sechstage-Rennen über die Bahn rollte, ging es gleich ums Geld. Es gab von Beginn an Prämien und Wettgeschäfte. Maurice Garin kassierte für seinen Sieg bei der ersten Tour de France 1903 3000 Francs - ein mittleres Vermögen. Der Radsport bietet bis heute eine gute Möglichkeit, schnell viel Geld zu verdienen. 2009 wurden bei der Tour de France mehr als 3,2 Millionen Euro an Prämien ausgezahlt.

Solche Summen mögen erklären , warum seit Ende der 1960er-Jahre so viele Fälle bekannt sind von Fahrern, die tot vom Rad fielen (Tom Simpson 1967 am Mont Ventoux), die während Rundfahrten morgens nicht mehr aufwachten (Fabrice Salanson bei der Deutschland-Tour 2003), deren Leben nach dem Radsport in einer Überdosis endete (Marco Pantani 2004, Frank Vandenbroucke 2009) oder einfach nur in einem positiven Dopingtest (einer von Hunderten: Floyd Llandis 2006).

Die Belastung: Doping hat im Radsport nicht nur aufgrund des finanziellen Hintergrunds eine lange Tradition. Hinzu kommt die teils unmenschliche Belastung bei den Rennen. Das Leiden an den erbarmungslosen Anstiegen in den Alpen und Pyrenäen bei der Tour de France sind das eine, bis zu 150 Renntage im Jahr bei allen Witterungen und Temperaturen das andere. Für viele Profis dauert die Saison von Februar bis Oktober.

Der Leistungsdruck: Der Radsport hat ein soziologisches Problem. Er funktioniert nach sehr einfachen Gesetzen, eigentlich nur nach einem: The winner takes it all. Auch wenn dieser Leitspruch, dass nur der Sieger alles gewinnt, in anderen Disziplinen ebenfalls gilt, wird er im Radsport brutalstmöglich ausgelebt. Platzierungen sind bereits im Schülerbereich unwesentlich. Anders als in anderen Sportarten sind Radrennen muskulär nicht so belastend, dass die Fahrer anschließend eine lange Pause benötigen. Der Sieger vom Samstag ist meist am Sonntag wieder am Start, es ist nicht so, dass dann mal die anderen dran wären. Vor allem in radsportverrückten Ländern wie Italien, Spanien, Frankreich gibt es von der Jugend an viele ehrgeizige Talente, die den Sprung in die prämierten Ränge schaffen wollen.

Das Bewusstsein: Aus den 1970er-Jahren existieren Berichte von disziplinübergreifenden Trainerversammlungen in Westdeutschland. Die Erzählungen sind immer ähnlich, beinahe austauschbar. Es wurde offenbar über leistungssteigernde Mittel gesprochen. Ein bisschen Theorie und Erörterung zu Pillen und Mitteln.

Die Radsportler sollen dann "den Koffer aufgemacht" haben. Weil im Radsport Praktiker unterwegs waren. Das ist bis heute so geblieben - vor allem aber sind die Betreuer, Teamchefs und Trainer geblieben.

Nehmen wir als Beispiel den Belgier Jef d"Hont, der vor zwei Jahren den Dopingskandal um das Team Telekom ins Rollen gebracht hat, weil er systematisches Doping innerhalb der Mannschaft beschrieb. D"Hont war selbst Rennfahrer gewesen - unter anderem gestand er die Einnahme von Amphetaminen - und seit 1964 Pfleger. Über die Jahre betreute er viele Stars der Szene, half bis 1996 beim Telekom-Doping mit, war in den Festina-Skandal 1998 verwickelt und erhielt deshalb eine neunmonatige Bewährungsstrafe. D"Hont ist keine Ausnahme, viele Teile des Systems Radsport bleiben für Jahrzehnte zusammen. Damit ist auch der klubähnliche Zusammenhalt zu erklären, es wird bisweilen von der "Omerta" gesprochen, einer mafiösen Schweigepflicht.

Die Außenwirkung: Innerhalb des Systems wurde so lange offen über Doping gesprochen und Informationsaustausch betrieben, solange der öffentliche Aufschrei bei Dopingfällen ausblieb. Noch Mitte der 1990er-Jahre wurde in vertrauten Fahrerkreisen laut Aussteigern offen darüber gesprochen, wie EPO zu dosieren sei. Dies hatte wenigstens den Vorteil, dass sich diejenigen, die allzu experimentierfreudig waren, nicht gleich in Lebensgefahr spritzten.

Doch mit dem Festina-Skandal änderte sich die Situation, Doping war in der Gesellschaft endgültig verpönt. Anstatt die Situation zu nutzen und einen Neuanfang zu wagen, schwiegen die Stars der Branche wie Bjarne Riis, Jan Ullrich, Marco Pantani oder Richard Virenque ohne Ausnahme - und das Dopen ging im Geheimen weiter. Die Fahrer begannen aus Selbstschutz, jeden als schwarzes Schaf zu beschimpfen, der positiv getestet wurde. "Ich nicht", lautete die Devise.

Skurril mutete die Situation während der Tour de France 2008 beim Team Gerolsteiner an: Da teilten sich die beiden Klassementfahrer Bernhard Kohl und Stefan Schumacher ein Zimmer. Beide wurden später der Einnahme des Dopingmittels Cera überführt. Kohl gab sogar zu, während der Tour Blutinfusionen vorgenommen und dabei versehentlich ein Hotelzimmer "eingesaut" zu haben. Kohl und Schumacher fuhren die gesamte Tour als Zimmernachbarn - und wussten anscheinend trotzdem nichts vom Doping des anderen.

RZO

Sie benötigen Flash Player 9, um den RZ-Video-Player ansehen zu können.
RZ-Blog