Binnenschiffer steuern durch harte Zeiten
Rheinland-Pfalz - Der Frachtverkehr auf dem Wasser erlebte einen starken Einbruch: Die Mosel und der Rhein sind dabei stärker als der Bundesschnitt betroffen. Steuermann Leen Kwantes musste Personal einsparen.
Schiffer Leen Kwantes sieht eigentlich so aus, als ob er keine Sorgen hat. Der 57-Jährige ist gerade mit seinem Frachtschiff in die Koblenzer Schleuse eingefahren und springt mühelos an Land. Lächelnd überreicht er einem Schleusenmitarbeiter in der Hebestelle seinen Frachtschein. Kwantes bringt Braumalz von Metz nach Rhein-Dürkheim.
Der erste Eindruck täuscht. Der Holländer macht sich sehr wohl Sorgen. Er ist einer von Tausenden Schiffern, an denen der Einbruch des Gütertransportes auf dem Wasser nicht spürlos vorbeizieht. Man braucht sich nur die Zahlen anzuschauen, um zu ahnen, wie es ihm und seinen Berufsgenossen geht: Die im Herbst 2008 losgebrochene Banken- und Finanzkrise wirkte sich unmittelbar auf die Wirtschaft und somit auf das Frachtvolumen auf den Binnengewässern aus.
Dieses ist bundesweit um 20 Prozent zurückgegangen. Auf der Mosel sind es sogar 30 Prozent. Einer der Gründe: Dort wird viel Kohle für Stahlwerke verschifft. Da aber die Stahlnachfrage wegen zurückgefahrener Produktionen weltweit stark gesunken ist, benötigen auch die Stahl- und Eisenwerke in Rheinland-Pfalz und im Saarland viel weniger Kohle. Der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Koblenz, Günther Werner, kennt die Zahlen.
Wer sich im vergangenen Jahr einen Tag lang ans Moselufer gestellt hat, der hat 31 Güterschiffe vorbeifahren sehen: beladen mit Sand, Kies, Holz, Getreide, Benzin oder Kohle. In diesem Jahr werden es im Schnitt 26 Schiffe sein. Eines davon steuert Leen Kwantes. Man könnte meinen, dass er in der Krise weniger arbeiten muss. Paradoxerweise knüppelt er aber gerade jetzt richtig ran.
Denn das fehlende Einkommen zwingt ihn dazu, auf einen zweiten Steuermann und weiteren Schiffsjungen zu verzichten. Nun ist der Holländer rundum die Uhr im Einsatz - samt Ehefrau und einem Matrosen. Sein Zuhause hat er deshalb zwischenzeitlich aufs Schiff verlegt. Er kann es sich schlichtweg nicht leisten, das Schiff stehen zu lassen und im holländischen Heimatort zu weilen.
Wenn ein Schiff stillliegt, kostet es nämlich trotzdem Geld, erklärt Günther Werner vom Wasser- und Schifffahrtsamt den Eifer der Schiffer. Personalkosten und Bankzinsen müssen gezahlt werden. Deshalb sind sie auf Aufträge angewiesen. Die Wirtschaft aber nutzt die Überkapazität aus, weiß Werner. Die Befrachter drücken die Preise, weil die Konkurrenz unter den Schiffern groß ist. Menschen wie Kwantes leiden unter weniger Aufträgen und unter weniger Lohn pro Fahrt. Ein wenig kam den Schiffern das Niedrigwasser entgegen. Die Schiffe konnten nicht voll beladen werden. Bei gleichem Frachtvolumen mussten deshalb mehr Schiffe beauftragt werden.
Der Koblenzer Schleusenwärter Karl Väth stellt außerdem fest, dass er mittlerweile viele Güterschiffe gibt, die weite Strecken leer zurücklegen, um Fracht an einem entlegenen Ort abzuholen. Vor der Krise war es üblich, Hin- und Rücktouren mit Fracht zu fahren. „Das zeigt: Sie sind hinter der Fracht her und nehmen die Kosten für Leerfahrten in Kauf“, sagt Amtsleiter Werner. Im schlimmsten Fall legen sie sogar drauf. Auch Schiffer Kwantes hat unrentable Leerfahrten hinter sich. Nicht ohne Grund war er irgendwann gezwungen, Personalkosten zu sparen. Heute aber steuert er sein Schiff - beladen mit Braumalz - von Frankreich Richtung Rhein.
Auch am Mittelrhein „hat man den Rückgang deutlich gemerkt“, bestätigt Florian Krekel. In Zahlen kann der stellvertretende Leiter des Wasser- und Schiffahrtsamt Bingen das aber nicht fassen. Es werden zwischen 25 und 30 Prozent weniger Güterschiffe sein. Weil das Schiffen über den Rhein nichts kostet, wird nicht erfasst, wie viele Schiffe mit welchem Frachtaufkommen die internationale Wasserstraße befahren. „Ich gehe davon aus, dass die Lage für viele Schiffer prekär ist.“
Vor allem dann, wenn sie in den vergangenen guten Jahren in ihre Schiffe investiert oder gar ein neues gekauft haben. Denn jetzt müssen Kredite abgezahlt werden. Bei weniger Aufträgen und geringerem Einkommen eine wirklich schwer zu meisternde Situation.
Schiffer Kwantes kennt das Auf und Ab der Binnenschifffahrt. Existenzangst hat er keine. Zurzeit ist es halt schwierige. Aber er glaubt fest daran, dass es wieder besser werden wird. „Das ist immer so.“ Die Wirtschaft nimmt ein wenig Fahrt auf. Grund zur Hoffnung. Leen Kwantes muss los, er springt zurück an Bord und steuert weiter gen Rhein. (Katrin Steinert)
RZO
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