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Doping-Serie, Teil 4:

Der Wunschtraum vom gläsernen Athleten

Von Volker Boch

Koblenz - Transparenz ist eines der modernen Zauberwörter. Alles muss irgendwie transparent sein, auch der Sportler. Weil die Dopingfahndung den Betrügern unverändert hinterherhinkt, werden die Regularien für Sportler immer heftiger. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser - lautet die Devise.

Seit der neue Anti-Doping-Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) mit Beginn dieses Jahres in Kraft trat, dauert eine Debatte darüber an, ob moderner Anti-Doping-Kampf mit den Grund- und Persönlichkeitsrechten vereinbar ist. Die strittige Frage lautet: Geht der Wada-Code und damit auch der deutsche Nada-Code über das Ziel wirksamer Doping-Bekämpfung hinaus? Bevor es um die diffizilen Streitpunkte geht, soll zunächst beleuchtet werden, wie das deutsche Anti-Doping-System funktioniert.

Eingruppierung: Im deutschen Sport wird nicht jeder Athlet gleichermaßen dem Anti-Doping-Kampf unterzogen. Es gibt entsprechend der Leistungsstärke der Sportler - und der Doping-Anfälligkeit einer Disziplin - unterschiedliche Testpools, die von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) betreut, überwacht und verwaltet werden.

An der Spitze steht der sogenannte Registered Testpool (RTP). Darin sind alle Athleten vertreten, die dem internationalen Testpool ihres Fachverbandes angehören. Hinzu kommen Athleten aus besonders gefährdeten Sportarten. Der RTP umfasst etwa 500 Sportler, die einer sehr strengen Meldepflicht unterliegen.

Unterhalb dieses Top-Niveaus gibt es drei weitere Athleten-Pools: Zunächst folgt der Nationale Testpool (NTP) mit etwa 1200 Sportlern, deren Aufenthaltsorte der Nada wie beim RTP im Voraus gemeldet werden müssen. Der als dritte Stufe folgende Allgemeine Testpool (ATP) umfasst etwa 7000 Athleten, die der Nada ihre Trainingspläne vorlegen müssen, damit sie (wie bei RTP und NTP) im Training kontrolliert werden können. Beim vierten Pool, dem "Allgemeinen Wettkampfsport", sind nur Wettkampftests vorgesehen.

Meldesystem: Das Meldesystem der Nada ist durchdacht, jedoch rechtlich umstritten, weil die Pflichten der Sportler an ihren Grundrechten kratzen. Für Athleten des RTP und NTP besteht die Verpflichtung, der Nada drei Monate im Voraus und für jeden einzelnen Tag in einer Internet-Datenbank offenzulegen, an welchem Ort sie sich aufhalten und welche Trainingsmaßnahmen vorgesehen sind.

Bei den 500 RTP-Sportlern greift allerdings zusätzlich zur Drei-Monats-Planung die sogenannte Ein-Stunden-Regel: Jeder Athlet muss für jeden Tag eine Stunde festlegen, in der er für einen Kontrolleur an einem festgeschriebenen Ort anzutreffen ist. Die Angaben können kurzfristig, bis wenige Minuten vor Beginn der fixierten Stunde, verändert werden.

Falls ein Kontrolleur einen Sportler in diesem Zeitraum am angegebenen Ort testen will, den Athleten aber nicht antrifft, wird sanktioniert. Verstößt ein Athlet innerhalb von 18 Monaten dreimal in dieser Form gegen die Meldepflicht, kann er gesperrt werden.

An der Ein-Stunden-Regel scheiden sich die Geister, selbst harte Anti-Doping-Kämpfer schätzen diesen Einschnitt in die persönliche Freiheit als zu extrem ein. Die Nada, die im Vorfeld versucht hatte, die Regelung zu kippen, rät den Sportlern, diese Stunde beispielsweise in die frühen Morgenstunden zu legen. Wenn sie dann noch schlafen, müsste lediglich gesichert sein, dass sie die Klingel hören.

Die Nada hat insgesamt gute Erfahrungen mit den Vierteljahresmeldungen gemacht. "Wir können ein positives Fazit ziehen", sagt Nada-Justitiarin Anja Berninger. In den ersten drei Monaten nach Einführung des strengen Verfahrens gab es 140 Meldepflicht-Verstöße, im zweiten Quartal nur noch 63 - Tendenz klar fallend. Weil die Sportler sich an die Melderegeln halten, ist auch die Quote der "nicht erfolgreichen Kontrollversuche" auf knapp fünf Prozent gesunken.

Strafenkatalog: Seit Januar 2009 sind sowohl die Prozess-Richtlinien als auch das Strafmaß in Dopingverfahren verändert worden. Durch das neue Regelwerk wurden Indizienprozesse verstärkt auf den Weg gebracht, dazu kam die Möglichkeit, dass die Dauer von Sperren individueller festgelegt werden kann. So werden strafreduzierende Kronzeugen-Regelungen angewandt, sobald die überführten Athleten bereit sind, Herkunft von verbotenen Mitteln und Verflechtungen etwaiger Doping-Netzwerke aufzuzeigen. Auch Minderjährigkeit wird berücksichtigt.

Gläserner Athlet: "Es muss Grenzen geben", sagt Nada-Justitiarin Berninger. In Flandern gibt es Klagen gegen das Meldeverfahren, das durch den neuen Wada-Code vorgegeben ist. In Deutschland sind die Proteste wegen des möglichen Verstoßes gegen die Grundrechte ebenfalls noch nicht verhallt. "Nach einem Jahr werden wir die Situation prüfen", sagt Berninger.

Dann wird vielleicht auch über die Eingruppierung von Athleten durch ihre Fachverbände zu sprechen sein. Rund 50 deutsche Volleyballer gehören derzeit dem internationalen Testpool ihres Verbands an und damit auch dem RTP, der zur Einhaltung der Ein-Stunden-Regel verpflichtet. Im Fußball ist dies beispielsweise anders: Die Fifa hat einen extrem kleinen internationalen Testpool - und aus diesem Grund ist aktuell kein deutscher Kicker im RTP vertreten.

RZO

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