pic Zählpixel
kalaydo leftkalaydo logo
RZ-Blog  |  Twitter  Mobil&RSS  |  Kontakt
suchen im
Lexikon
RZ-Online-Archiv
Zeitungs-Archiv
Internet
< Schnell-Navigation >
KinoWelt VideoWelt FotoWelt MeineWelt
 Brennpunkt 

Forschungscamp, Teil 4: Meteorologie

Klimaforscher in den Bergen

Garmisch-Partenkirchen Zweistellige Minusgrade, Lawinengefahr, Sauerstoffmangel – wer auf Deutschlands höchstem Berg das Klima erforscht, steckt mitten in einem Abenteuer. Zehn Nachwuchsforscher konnten das auf Einladung unserer Zeitung und Fielmann einen Tag lang erleben und lernten dabei noch eine ganze Menge übers Klima. Die aufgeblähte Chipstüte, die Geophysiker Till Rehm den zehn Nachwuchsforschern unter die Nase hält, sieht aus, als würde sie im nächsten Moment mit einem lauten Knall bersten und dabei eine Menge schimmeliger Chips durch das schicke Konferenzzimmer des Umweltforschungsinstitutes Schneefernerhaus schleudern.

Doch aufgebläht hat sich die Chipsverpackung nicht, weil der Wissenschaftler das Knabbergebäck aus lauter Schusseligkeit etwas zu lange in seiner Laborschublade vergessen hat. Die Chips sind frisch. Nur ist der Luftdruck, der hier oben – wenige Meter unter dem Zugspitzgipfel – auf die Tüte drückt, um fast 300 Hektopascal niedriger als „normal“. Deshalb ist in der Verpackung ein Überdruck entstanden: Sie bläht sich.

In 2650 Metern Höhe ein ganz normales Phänomen, erklärt Rehm den immer noch skeptisch dreinblickenden Schülern. Denn die wollen jetzt vor allem wissen, was das nun bitte schön mit dem Klima zu tun hat. Schließlich sind die Nachwuchsforscher nicht auf die Zugspitze zum Umweltforschungsinstitut Schneefernerhaus geklettert, um eine Chipstüte explodieren zu sehen, sondern um mehr über das Klima zu erfahren.

Dafür holt Rehm einmal tief Luft und erklärt: Ein veränderter Luftdruck kann nicht nur für aufgeblähte Chipstüten oder Atemnot sorgen, sondern ist auch ganz maßgeblich an der Entstehung des Wetters beteiligt. Deshalb stellt er auch in Form von Isobaren das wichtigste Element in Wetterkarten dar. Seine Schwankungen führen zum Beispiel zur Entstehung von Hoch- und Tiefdruckgebieten – die wiederum darüber entscheiden, ob in Koblenz oder Garmisch-Partenkirchen für morgen Sonnenschein oder Sauwetter zu erwarten ist.

Um das ganz genau beobachten zu können, haben die Wissenschaftler rund um das Schneefernerhaus eine Menge Sonden, Spektrometer, Ultraschall- und Lasergeräte aufgebaut. Die sollen die physikalischen und chemischen Eigenschaften und Belastungen der Atmosphäre im Detail erfassen. Also nicht nur den Luftdruck, sondern auch die Luftzusammensetzung oder die Globalstrahlung. Die Ergebnisse werden dann in langen Tabellen und bunten Schaubildern festgehalten und mit Daten aus aller Welt verglichen – „was uns dann als Grundlage für die Beschreibung von Zustand und künftiger Entwicklung des Klimas dient“, sagt Rehm.

Und warum ist das so wichtig? Das Klima verändert sich, erklärt Rehm. Das ist an sich nichts Besonderes. Denn das hat es schon immer getan. Doch in den vergangenen Jahrzehnten war das Tempo der Veränderungen enorm hoch – und das war nicht nur zu unserem Besten. Durch die globale Klimaveränderung häufen sich lebensbedrohliche Naturphänomene wie die Flutkatastrophen, extreme Hitzewellen oder riesige Erdrutsche.

Die Auswirkungen des Klimawandels erleben die Forscher bereits direkt vor ihrer Haustüre. Der Zugspitzgletscher, der sich vor 150 Jahren noch über eine Fläche von 300 Hektar zog, ist mittlerweile auf ein Zehntel dessen abgeschmolzen. „Irgendwie erschreckend“, findet der 11-jährige Nachwuchsforscher Jonas den Anblick der beiden Luftbilder, die Rehm zur Verdeutlichung an die Wand geworfen hat. Doch nicht nur die Gletscher auf der Zugspitze sind bedroht. Erst kürzlich hatte eine Schneelawine mal wieder ein paar Forschungsgeräte von den Messterrassen des Schneefernerhauses gefegt. Dieses Problem konnten die Wissenschaftler immerhin relativ einfach durch eine neue Lawinensicherung lösen. Den Gletschern dieser Erde wird allerdings nicht so leicht zu helfen sein.

„Jede Menge Stoff zum Nachdenken“ hat der 10-jährige Stefan, als die kleine Gondel wieder hangabwärts Richtung Heimat schaukelt. Sein Forscherkollege Jonas hingegen würde am liebsten gleich loslegen: „Ich sag ja schon immer, dass man sich mehr für den Klimaschutz einsetzen muss.“ Er hat dafür auch schon ein wirkungsvolles Rezept entwickelt: „Die Menschen müssen einfach weniger Fernsehen schauen und dafür mehr Fußball spielen, dann klappts auch mit dem Klima“, referiert der 11-Jährige während des Rückflugs von München nach Köln – eine zerlesene Sportzeitung und eine halb leere Chipstüte in der Hand. (Sine Weisenberger)

RZO