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Klein-Hollywood an der Neiße: Görlitz

Görlitz Die Schritte hallen über das Kopfsteinpflaster der Kränzelstraße, nur einen Steinwurf von der Neiße entfernt.

Alte Straßenlampen werfen ihr mattes Licht auf mittelalterliche Hausfassaden.

Wer durch die Altstadt von Görlitz flaniert, erlebt eine Zeitreise in die Vergangenheit. Die östlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Polen ist auch eine der schönsten. In den beiden Weltkriegen unzerstört geblieben, glänzt Görlitz heute mit mehr als 4000 Baudenkmälern aus 500 Jahren europäischer Architekturgeschichte - vom Mittelalter bis zu den inzwischen aufgefrischten Plattenbausiedlungen aus den Jahren der DDR.

Am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen erblühte die Stadt im frühen Mittelalter: Vom ukrainischen Kiew bis zur Pilgermetropole Santiago de Compostela in Nordwestspanien führte die 3900 Kilometer lange «Via Regia», von der Stettiner Bucht an der Ostsee bis Böhmen die Salzstraße. «Mehr als 500 Jahre lang war unsere Stadt Zentrum für den Handel mit Tuchen, Pelzen, aber auch Bernstein», erläutert Stadtführerin Monika Knechtel bei einem Rundgang durch die Altstadt. Das Zentrum erstreckte sich damals halbkreisartig um die Peterskirche, die zu den Wahrzeichen von Görlitz gehört.

«Und gleich nebenan steht das älteste Bürgerhaus der Stadt», erzählt Monika Knechtel. «Hier lagerte der Waid, der kostbare Farbstoff zum Färben der Tuche.» Beeindruckender als das schlichte Waidhaus sind die Hallenhäuser zwischen Nikolaistraße, Untermarkt und Brüderstraße. Riesige Durchfahrten für die Pferdefuhrwerke, hallenartige Räumlichkeiten zum Lagern der Tuche und ausladende Treppenaufgänge zeugen noch vom Wohlstand längst vergangener Zeiten.

Barocke Kaufmannshäuser, Renaissancefassaden und Wehrtürme prägen das Bild im Zentrum der Stadt. Eine Attraktion für die Besucher ist am Haus Untermarkt 22 der «Flüsterbogen»: Das spätgotische Rundbogenportal leitet selbst leise gesprochene Worte von der einen zur anderen Seite. Als besonders wertvolle Sehenswürdigkeit gilt die Nachbildung des Jerusalemer Heiligen Grabes und des Gartens am Ölberg, das der wohlhabende Tuchhändler Georg Emmerich 1504 nach seiner Rückkehr von einer Reise ins Heilige Land errichten ließ.

Mit der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert dehnte sich die Stadt aus. Rund um die Landeskronstraße und den Brautwiesenplatz entstand eines der größten Gründerzeitviertel. In den DDR-Jahren nagte der Zahn der Zeit an der Substanz der historischen Baudenkmäler. Doch seit der Wende fließen viele Fördergelder von verschiedenen Stiftungen in die Stadt. Zudem spendet ein anonymer Gönner über eine Londoner Anwaltskanzlei Jahr für Jahr 511 000 Euro, mit denen die Patrizierhäuser restauriert werden.

Filmemacher aus Hollywood haben Görlitz wegen seines Stadtbildes als Kulisse entdeckt: Die aufwendigen Außenaufnahmen des Streifens «Der Vorleser» mit Kate Winslet und David Kross entstanden hier an verschiedenen Schauplätzen, ebenso Quentin Tarantinos «Inglorious Basterds» und Jackie Chans Action-Komödie «In 80 Tagen um die Welt».

Während die Filmemacher die Vergangenheit beleuchten, hat Görlitz als Doppelstadt diesseits und jenseits des Neiße-Grenzflusses die schrittweise Annäherung an seinen polnischen Nachbarn im Blick: Ein Drittel der Stadt ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges polnisch und heißt Zgorzelec. Seit Polen dem Schengener Abkommen beigetreten ist, gibt es keine Grenzkontrollen mehr. Bewohner und Besucher auf beiden Seiten der Neiße können über die 2004 eröffnete moderne Altstadtbrücke zu Fuß ohne Kontrollen ins andere Land wechseln.

Informationen: Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH, Obermarkt 32, 02826 Görlitz, Telefon: 03581/475 70, E-Mail: willkommen@europastadt-goerlitz.de

Informationen zu touristischen Angeboten in Görlitz: www.europastadt-goerlitz.de

Internetauftritt der Grenzstadt: www.goerlitz.de Von Bernd F. Meier, dpa

dpa-infocom