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Jägerzaun im Kopf: Neue Lust am Spießertum?

Wer das Wort «spießig» im Mund führt, will meistens behaupten, dass er es selbst nicht ist.

Jetzt aber hat der Autor Magnus Steinbach eine Selbstbezichtigung geschrieben: «111 Gründe, ein Spießer zu sein».

In dem Buch behauptet er , ein «unverschämtes Bekenntnis zu Vernunft, Moral und Behaglichkeit» zu geben. Damit ist er nicht allein: Mit der Spießigkeit haben in jüngster Zeit viele Leute Spaß gehabt. Seit bereits 15 Jahren heißt zum Beispiel eine Dresdner Jugendzeitschrift «Spießer».

Und vor ein paar Jahren sorgte der TV-Werbespot einer Bausparkasse für Gesprächsstoff: Das Kind eines Aussteigers, der in einem Bauwagen lebt, zeigt darin Rebellion unter ungewöhnlichen Vorzeichen. Es schwärmt davon, wie schön andere Kinder wohnen. Als der Vater die Leute als «Spießer» abqualifiziert, sagt das Kind: «Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.» Da verschluckt sich der Vater.

So ähnlich ging es in den vergangenen Jahren auch den Leuten, die das Feuilleton oder Satiriker als «Neo-Spießer» ausmachten - Motto: außen hip, aber im Kopf der Jägerzaun.

Der Schauspieler Christian Ulmen etwa sagte dem Magazin «U_mag»: «Ich denke, dass viele, die sich vom Spießer-Sein abgekehrt haben, das mit denselben Mitteln tun wie ein Spießer. Das ist dann der neue Spießer oder Neo-Spießer, der in der Abkehr oder der Angst davor, zu spießig zu sein, im Unspießig-Sein genauso intolerant ist wie der Spießer.» Wer im Berliner «In»-Stadtteil Prenzlauer Berg mit seinem Latte Macchiato sitze und sage, er wolle sein Leben total unspießig gestalten, der mache dasselbe wie sein Spießer-Feind - nämlich: sich in die Abgrenzung zurückziehen, findet Ulmen.

Dann doch lieber gleich die große Gegen-Offensive? Der Autor Magnus Steinbach hat mehr als 100 Gründe zusammengetragen, warum es toll sei, Spießer zu sein - also eine ganze Menge. Da wird sich fast jeder mindestens in einem wiederfinden und wahrscheinlich vorsichtiger werden, was die «Beleidigung» «Spießer» angeht. Nicht alle Doppelseiten mit jeweils einem Grund sind allerdings überzeugend.

Folgende Gründe gibt es angeblich, «Spießer» gut zu finden: «Weil sie so schön über die Intimrasur streiten können», «Weil Fußball für sie kein Showbusiness, sondern Sport ist», «Weil sie den Werbetextern kein Wort glauben», «Weil sie für einen korrekten Genitiv über Leichen gehen», «Weil sie nur in Ländern Urlaub machen, deren Zeitungen sie lesen können», «Weil sie den Döner-Gestank in Bussen und Bahnen verabscheuen», «Weil sie zum Griechen wegen des erstklassigen Ouzo gehen», «Weil sie keine Rezepte aus Promi-Kochbüchern nachkochen», «Weil sie in der Bahn die Füße nicht auf den Sitz legen», «Weil sie das 'Recht des Stärkeren' für eine Schwäche halten» oder «Weil sie als Haustier keinen Rottweiler haben».

Magnus Steinbach: 111 Gründe , ein Spießer zu sein. Ein unverschämtes Bekenntnis zu Vernunft, Moral und Behaglichkeit; Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 272 S., Euro 9,90 ISBN 978-3-89602-913-3

dpa-infocom