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Jugend

Rollenspiele: Mit dem Latex-Schwert ins Mittelalter

Hagen Die Kutte zerfetzt, die Wunde tief: Unweit des Klosters liegt ein Mönch auf dem Waldboden.

Unter Stöhnen hebt sich seine Brust. «Die Eyric haben es getan», stößt er keuchend hervor.

Zum Glück jedoch ist alles nur Spiel. Der Mönch heißt in Wirklichkeit Sascha Stopp und ist nicht wirklich verletzt. Das Kloster ist auch kein Kloster, sondern das Jugendgästehaus Marienhof im westfälischen Hagen.

Rollenspieler haben sich hier getroffen, um am Wochenende Theater zu spielen, zu improvisieren und in eine Phantasiewelt abzutauchen. «Live Action Role Play» oder kurz LARP heißt diese Art Freilichttheater, bei der weder Spielhandlung noch Dialoge nach festem Drehbuch erfolgen. Die Akteure schlüpfen in die Rollen historischer oder phantastischer Charaktere, agieren als Zauberer, Mönch oder Fabelwesen.

Einer von ihnen ist der 18-jährige Niels Oldenburg. Mit seinem schweren Kettenhemd und einem stählern funkelnden Helm macht er sich als Ritter Conradin auf die Verfolgung der Eyric, jenen echsenartigen Wesen, die mit ihren spinnenartigen Mundwerkzeugen und messerscharfen Klauen den Mönch verletzten. Lange braucht er nicht zu suchen. Auf einer nahen Lichtung springen die dunklen Gestalten den Ritter an - und setzen auch ihm zu.

«Conradin ist verletzt», ruft Marina Birr in ihr Mikrofon. Die 19-jährige Arnsbergerin ist eine von insgesamt vier Spielleitern und begleitet die Charaktere während des Rollenspiels. Durch einen drahtlosen Funksender ist sie ständig mit der Zentrale verbunden, von wo aus das gesamte Geschehen koordiniert wird. Von hier werden Überfälle organisiert, Verwundeten Heiler geschickt oder eine der zahlreichen Aufgaben verteilt.

Seit einem halben Jahr hat Birr mit dem Planungsteam das Wochenende vorbereitet. Gemeinsam haben sie die Rahmenhandlung, den sogenannten «Plot», festgelegt, den Schauplatz organisiert und ihr Rollenspiel in Internetforen beworben. Das alles mit Erfolg: «Insgesamt haben wir 64 Teilnehmer und damit eine gute Größe», sagt sie stolz. Aus ganz Nordrhein-Westfalen kommen die LARP-Spieler.

Das Teilnehmerfeld setzt sich bunt zusammen: Vom 17-jährigen Schüler bis zum 39-jährigen Familienvater ist nahezu jede Altersgruppe vertreten. «Hier spielt der Hartz-IV-Empfänger neben dem Manager», erklärt Stefan Bühen. Der 39-jährige Metallbauer aus Oberhausen kämpft seit 1995 auf verschiedenen LARP-Veranstaltungen. «Damals noch mit Holzschwertern», erinnert er sich. Heute dagegen bestehen die Waffen aus einem Glasfaserinneren mit Latexummantelung.

Ansonsten habe sich nicht viel geändert, sagt Bühen. Es geht um die Faszination, in eine andere Welt einzutauchen und vor allem die Freunde am Theaterspielen. «Natürlich spielt auch der geschichtliche Hintergrund eine Rolle. Aber eigentlich ist es einfach nur toll, Ritter zu spielen», sagt Jochen Eyer, mit 39 Jahren diesmal der Älteste im Feld.

Wie in Hagen treffen sich LARP-Anhänger weltweit zu ihren gemeinsamen Rollenspielen. Alleine in Deutschland sind für das laufende Jahr über 700 Veranstaltungen ausgeschrieben. Die Größe der verschiedenen LARPs liegt meistens zwischen 50 und 200 Spielern. Eine genaue Zahl der LARP-Spieler in Deutschland gibt es nicht. Die Schätzungen liegen zwischen 30 000 und 100 000 Spielern.

Der schwer verwundete Mönch vor den Hagener Klostertoren ist unterdessen verschwunden. Sascha Stopp sitzt in der Eingangshalle des Jugendgästehauses und seufzt: «So lange liegen, da hat mein Kreislauf nicht mehr mitgespielt.»

Datenbank für Live-Rollenspiele: www.larpkalender.de

Netzwerk für Live-Rollenspieler: www.larper.ning.com Von Marcel Bülow, dpa

dpa-infocom