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Nicht meine Marke: Konfektionsgrößen sind verschieden

Köln/Stuttgart In der Umkleidekabine kommt es vielen Frauen wie das Ergebnis einer wundersamen Schlankheitskur vor: Da schlabbert die gewohnte Größe 38 um den Bauch, an den Beinen und am Po.

Nach der ersten Freude folgt schnell Skepsis - und das nicht zu Unrecht. Denn einheitliche und verbindliche Konfektionsgrößen gibt es nicht. Käuferinnen sollten vielmehr wissen, dass jeder Hersteller seine eigenen Größen hat.

Die Branche hält Einheitsgrößen auch nicht für zweckmäßig. «So soll es doch auch gar nicht sein. Die Menschen sind doch nicht alle gleich», sagt Petra Bleibohm vom German Fashion Modeverband in Köln. Und so richten viele Modefirmen ihre Größen nach den eigenen Erfahrungen, dem Stil ihres Hauses, ihren Zielgruppen und - letztlich dann doch - Durchschnittswerten. Diese werden in gewissen Abständen bei Reihenmessungen ermittelt - in Deutschland zuletzt 2007 und 2008 im Rahmen von «SizeGERMANY».

«Die bis dahin letzte Reihenmessung bei den Damen gab es in Deutschland im Jahr 1994, bei den Herren liegt sie sogar fast 30 Jahre zurück», sagt Rose-Marie Riedel vom Internationalen Textilforschungszentrum Hohenstein Institute in Bönnigheim bei Stuttgart. Es hat die Reihenmessung zusammen mit dem Bodyscanner-Unternehmen Human Solutions vorgenommen. Von Juli 2007 bis Oktober 2008 ermittelten Messteams in ganz Deutschland die Proportionen von knapp 13 400 Männern, Frauen und Kindern im Alter zwischen 6 und 87 Jahren.

Und so haben sich die Maße der Durchschnittsdeutschen entwickelt: Frauen sind im Schnitt einen Zentimeter größer als 1994, ihr Brustumfang hat um 2,3 Zentimeter, der Taillenumfang um 4,1 Zentimeter zugenommen. Der Hüftumfang ist heute 1,8 Zentimeter größer als vor 15 Jahren. «Daraus ergibt sich eine neue Durchschnittsfrau, die allerdings ein Prototyp ist, den es so gar nicht gibt», erklärt Riedel. Ziel der Reihenmessung, an der sich mehr als 100 Modefirmen und Hersteller aus der Automobilindustrie beteiligt haben, sei nicht das Ermitteln einer einheitlichen Größe 38.

«Bei den Messungen wurden 44 Körpermaße wie Hüft- und Brustumfang für die Bekleidungsindustrie sowie 53 für die technische Ergonomie abgenommen«, erklärt Riedel. Dazu gehört zum Beispiel auch der Umfang des Knies. Zudem wurden - anonymisiert - Alter, Geschlecht und Herkunft berücksichtigt. Aus diesen Daten lassen sich dann sogenannte Cluster bilden: Wie groß sind die 25-Jährigen im Schnitt, wie groß die 70-Jährigen? Darauf stellen sich die Hersteller ein. Denn eine 60-Jährige hat eine andere Figur als eine 16-Jährige, auch wenn sie beide die Größe 38 tragen. Und so geben die neuen Daten den Herstellern neue Anhaltspunkte.

«Die verschiedenen Hersteller setzen diese Werte aber nicht sofort eins zu eins um», sagt Ulrike Wollenschläger von der Fachzeitschrift «Textilwirtschaft» mit Sitz in Frankfurt/Main. Denn die Modefirmen greifen auch auf eigene Erfahrungswerte zurück, sie bekommen Rückmeldungen aus dem Handel und schauen vor allem auf ihre speziellen Zielgruppen. «Ein Hersteller, der die Damen ab 60 im Blick hat, schneidert weniger eng anliegend als die, die die Jugendlichen als Kunden haben.» Das erklärt, warum viele Frauen unterschiedliche Größen bei unterschiedliche Marken haben - oder auch mit einigen Marken gar nicht zurecht kommen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die eigene Figur nicht mit der der Zielgruppe übereinstimmt.

Außerdem gehen die Hersteller mit den Messdaten unterschiedlich um. «Ein reiner Hosenhersteller hat viel mehr unterschiedliche Passformen als zum Beispiel ein Bekleidungshersteller, der Hosen mit nur zwei unterschiedlichen Beinlängen in der Kollektion hat», sagt Bleibohm. Die meisten überprüfen allerdings nach und nach ihre Kollektionen mit Hilfe der neu gemessenen Körpermaße.

Ein weiterer Vorteil der Reihenmessung: Hersteller und Handel wissen besser, welche Mengen sie anbieten sollten. «Wenn immer mehr Frauen im Schnitt die Größe 40 tragen, die bisher 38 hatten, lohnt es sich auch, davon mehr herzustellen und in die Läden zu hängen», erläutert Riedel. Davon wiederum profitieren gerade Kunden mit gängigen Größen: Sie finden auch dann noch Ware in den Regalen, wenn sie schon einige Wochen auf dem Markt ist.

Mitunter steckt hinter der Größengestaltung durchaus eine Art Firmenphilosophie. «Natürlich gibt es auch Schmeichelgrößen», sagt Bleibohm. Schließlich gehe es bei Mode auch zu einem großen Teil ums Wohlfühlen. «Und wenn sich der Kunde freut und glücklich ist, hat damit der Hersteller auch eines seiner Ziele erreicht und möglicherweise einen neuen Stammkunden gewonnen.» Es kann allerdings ebenso passieren, dass die Stammgröße plötzlich schlabbert. Von Britta Schmeis, dpa

dpa-infocom