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Musik

Plattenfirmen sitzen auf ungenutzten Schätzen

Berlin (dpa) ­ Die Musikkonzerne sitzen nach Einschätzung des Schweizer Aktionskünstlers und Musikers Dieter Meier (Yello) auf einem Berg von exklusiven Inhalten, den sie nicht vermarkten.

Warum tun sie das - und welche Perspektiven hat die Branche? Darüber sprachen Meier und der Chef der Universal Music Entertainment GmbH, Frank Briegmann, mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Universal ist in Deutschland Marktführer im Musikgeschäft mit einem Anteil von rund 38 Prozent (Ich + Ich, Anna Netrebko, Nelly Furtado). Meier (64) ist derzeit mit seinem neuen Projekt «Touch Yello» auf Tour.

Wozu braucht ein Künstler im Internetzeitalter eine Plattenfirma?

Meier: «Das Internet ist, wie wenn dein Name in einem dicken Telefonbuch steht: Meier, Musik. Da gibt es aber auch noch Schulze, Musik und Müller, Musik und Millionen andere. In diesem babylonischen Turm geht der Musiker ohne Marketing und Promotion unter, genauso wie wenn er privat eine CD auf den Markt bringt.»

Die digitale Welt ist aber mehr als ein Telefonbuch...

Meier: «...Sicher, die Musik wird anders transportiert. Nicht mehr auf der 30-jährigen, technisch veralteten CD. Aber an den wichtigsten Aufgaben der Plattenfirmen hat sich im Grunde nichts geändert: Das Entdecken, der jahrelange Aufbau und das Beschützen des Künstlers und das Finden des richtigen Produzenten, der so wichtig ist wie der Regisseur für einen Schauspieler.»

Das würde Herr Briegmann sicher auch gern so sehen, aber der Umsatz der Branche geht jedes Jahr weiter zurück. Warum?

Briegmann: «Die Musikbranche war die erste, die mit dem Internet zu tun hatte, weit vor der Filmindustrie oder Buchverlagen. Wir fordern seit Jahren einen angemessenen Schutz der Leistungen im Netz. Aber bisher wurde gar nichts erreicht. Wir müssen zusehen, wie unsere Werte gestohlen werden. Es nutzt nichts, die Probleme nur zu sehen, man muss dringend etwas tun, wie in Frankreich, wo es bei Missbrauch Internetsperren gibt. Hier gibt der Staat vor, die Kultur zu fördern, aber er tut nichts. Die Politik handelt nicht im nötigen Maße.»

Was kann die Branche tun?

Meier: «Mich wundert, dass das illegale Herunterladen zugelassen wird. Den Diebstahl von CDs in diesem Ausmaß würde jedenfalls niemand tolerieren. Aber die Musikfirmen müssen mehr tun. Das Internet bietet viele neue Möglichkeiten, den Künstler zu präsentieren, die mit dem legalen Download - oder in Zukunft mit Streaming - angeboten werden können: Interviews, Homestories, Making of, Konzertausschnitte und so weiter. Es wäre zum Beispiel sehr interessant, wenn man dabei sein könnte, wenn Anne-Sophie Mutter die Beethoven-Sonaten einspielt. In naher Zukunft wird man Musik mit dem Mobiltelefon streamen, im Auto, im Hotel und zu Hause. Den Zugang zu dieser "Space-Jukebox" bezahlt man über den Netzwerkanbieter, zusammen mit der Telefonrechnung. Für 40 bis 60 Euro im Jahr kauft man sich eine omnipräsente musikalische Bibliothek. Wenn dank der Technologie für den Musikkonsumenten alles einfach und überschaubar ist, werden die Plattenfirmen erfolgreicher sein als je zuvor.»

Warum sitzen Sie denn auf diesem Material, Herr Briegmann?

Briegmann: «Wir müssen uns schon seit Jahren alternative Geschäftsmodelle einfallen lassen und neue Dinge ausprobieren. Das steht noch am Anfang, wir machen das aber mit wachsendem Erfolg. Aber nicht jeder Künstler möchte eine Werkstattausgabe machen. Wir brauchen auch den schnellen Erfolg, um in Zukunft noch langfristig in Künstler investieren zu können.»

Wie geht es mit der deutschen Musik weiter?

Briegmann: «Wir haben zu einer Zeit in deutsche Musik investiert, als diese noch nicht oben war. Ohne Entwicklungsarbeit der Plattenfirmen wäre das viel schwieriger geworden. Heutzutage ist deutsche Musik kein kurzfristiger Trend mehr, wie es früher die Neue Deutsche Welle war. Seit 2004 ist der Anteil von rund 40 Prozent auf derzeit 48 Prozent gestiegen. Dieser Anteil wird sich wohl auf diesem Niveau konsolidieren.»

Gespräch: Rolf Westermann, dpa

dpa-infocom