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Ferieninsel Rügen: Bettenboom trotz Warnsignalen

Bergen Bauboom auf Deutschlands größter Ferieninsel und kein Ende in Sicht: Auf Rügen planen Investoren mehrere große neue Ferienanlagen mit Tausenden Betten - obwohl es Alarmsignale gibt, dass die Insel an ihre Grenzen stoßen könnte.

In Dwasieden bei Sassnitz planen dänische Investoren eine Kurstadt rund um das zerstörte Schloss mit einer Kapazität von rund 2000 Betten. In Prora sind durch den Umbau der von den Nazis errichteten «Kraft durch Freude»-Anlage am Strand mittelfristig 3000 neue Betten vorgesehen. Selbst idyllische Orte wie Alt Reddevitz stehen vor einem Bauboom. Dort will ein Investor aus Süddeutschland 124 Ferienappartements mit mehr als 600 Betten bauen. In Sassnitz plant die Berliner CPM Hotelgroup eine Hotelanlage mit 200 Betten.

Für den Träger des Alternativen Nobelpreises, Michael Succow, geht die Entwicklung auf Rügen in eine völlig falsche Richtung. Vor kurzem besuchte er als Mitglied des Deutschen Nationalkomitees Biosphere die Insel. «Ich war erschrocken über die Dichte der Verkehrsströme, den Massentourismus», sagt er. Noch mehr Touristen, so seine Prognose, erzeugten noch mehr Verkehr, noch mehr Staus. «Rügen braucht einen Tourismus mit menschlichem Maß, lokalen Produkten und einem intelligent ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr», meint er.

Das Nationalkomitee überprüft derzeit die deutschen Biosphärenreservate. Dem Reservat Südost-Rügen - laut Succow das «problematischste ostdeutsche Biosphärenreservat» - droht die Aberkennung des Titels. Das Gebiet entspreche mit einer Größe von 10 000 Hektar und einem Anteil von zwei Prozent Totalreservat nicht den Mindeststandards der Unesco. Succow warb deshalb bei den Kommunalpolitikern für eine Erweiterung, was jedoch dort «mit Verweis auf die Tourismuswirtschaft zunächst auf Vorbehalte stieß», wie er vorsichtig formuliert.

Rügen ist mit 6,8 Millionen Übernachtungen (2008) die beliebteste Ferienregion Mecklenburg-Vorpommerns. Doch es gibt erste Alarmzeichen: Entgegen dem Landestrend sanken die Gästezahlen auf Deutschlands größter Insel. Während im gesamten Nordosten im September 4,7 Prozent mehr Gäste gezählt wurden, sank auf der Insel die Zahl um die gleiche Größenordnung. Bezogen auf das Jahr gingen die Übernachtungszahlen auf Rügen um 2 Prozent zurück. «Wir müssen aufpassen», warnt der Leiter der Rügener Tourismuszentrale, Ralf Hots-Thomas. «Unsere Branche lebt von der Natur.» Der Touristiker spricht vom Ausbau des sanften Tourismus, der Erweiterung des Radwegenetzes und einer Begrenzung der Bettenkapazitäten.

Doch dies ist ein kaum zu lösendes Problem. Großprojekte wie die in Prora und Dwasieden will der Verband zwar verhindern. Doch zugleich räumt der Touristiker ein: «Jeder Investor hat das Recht, entsprechend der Pläne vor Ort seine Projekte umzusetzen.» Immerhin sei es ein kleiner Erfolg, dass für das Vorhaben der Dänen bei Sassnitz die Bettenkapazität von 3000 auf 2000 reduziert wurde.

Je mehr Touristen auf die Insel strömen, desto größer wird der Druck auf die Natur. Der Kampf um den Bau der neuen B96 ist ein Richtungskampf unterschiedlicher Interessen. Touristiker erwarten, dass die neue Anbindung das Verkehrsproblem auf der Insel entschärfen wird. Gegner des Straßenneubaus verweisen auf die damit einhergehende Zerstörung von Natur. Denkmalschützer befürchten mit dem Bauboom zudem einen Verlust ortsprägender Architektur. So musste in diesem Jahr in Middelhagen ein Fischerhaus aus dem 18. Jahrhundert im niederdeutschen Hallenhausstil weichen. Ein Investor will nun auf der Freifläche vier Häuser mit Wasserblick errichten.

Den Bau neuer Hotelkomplexe auf Rügen beobachtet auch das Wirtschaftsministerium durchaus skeptisch. «Eine Entwicklung in der Größenordnung können wir uns auf Rügen schwer vorstellen», sagt Sprecher Gerd Lange. Die Steuerungsmöglichkeiten des Landes seien jedoch begrenzt. Dennoch plädiert Lange für Gelassenheit. Seit Jahren gebe es «bis auf eng begrenzte Ausnahmen» keine Förderung neuer Bettenkapazitäten mehr. 2008 wurden landesweit 71 Projekte, vorrangig touristische Attraktionen oder Wellnessbereiche, mit insgesamt 25 Millionen Euro gefördert. Von Martina Rathke, dpa

dpa-infocom