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Liberaler Chefarzt reformiert am offenen Herzen

Koblenz/Berlin Der 36-jährige Gesundheitsminister Philipp Rösler ist neben Familienministerin Kristina Köhler (CDU) die Nachwuchshoffnung des schwarz-gelben Kabinetts.

Doch auf den Jungstar wartet eine Mammutaufgabe: Er soll und will das Gesundheitssystem noch in dieser Legislaturperiode bis 2013 grundlegend reformieren. Daran sind schon ganz andere gescheitert. Aber der Niedersachse geht mit vielen Vorschusslorbeeren an den Start.

Viele Ärzte sind Menschenfänger. Ihnen vertrauen die Menschen, bei ihnen öffnen sie ihr Herz. Philipp Rösler ist Arzt. Und wer ihn trifft, der kann gefangen sein - von seiner Art. Eine Geschichte, wie sie wohl viele seiner Parteifreunde erlebt haben, ist diese: Als Rösler noch Landeschef in Niedersachsen war, reiste er zum Jubiläum eines Ortsverbandes. Am Ende seiner Rede überreicht ihm die Ortschefin einen Fisch aus Glaskeramik - Anspielung auf ein altes Wahlplakat, auf dem die FDP als Fisch gegen den Strom schwamm.

Und weil sie weiß, dass ihr Landeschef am 24. Februar, einen Tag zuvor, Geburtstag hatte, ergänzt die FDP-Frau: "Sie sind doch auch ein Fisch." Zu ihrer Verblüffung antwortet Rösler: "Sie doch auch." Er hat recht - seine Parteikollegin hat einen Tag später Geburtstag.

Seine Aufmerksamkeit, sein Gedächtnis - das sind Eigenschaften, die vielen Liberalen in Niedersachsen einfallen, wenn sie auf den neuen Gesundheitsminister angesprochen werden. Es ist ein Stil, den Rösler von seinem liberalen Ziehvater Walter Hirche gelernt hat. Hirche ist ein FDP-Urgestein in Niedersachsen, saß für die Liberalen schon 1986 im Kabinett Albrecht, im Land- und Bundestag und war lange Jahre Parteichef. Im Februar räumte er seinen Platz an der Spitze des Wirtschaftsministeriums - für Philipp Rösler. Wenn Hirche zu einer Veranstaltung an der Basis kam, war er immer bestens präpariert, berichten Parteifreunde - wie Rösler.

Dass ihr Landeschef nur wenige Monate später ins neue schwarz-gelbe Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel rückt, hat viele von Röslers Parteifreunden im hohen Norden überrascht, verwundert hat es sie aber nicht. "Er war schon immer ein schneller Redner und schneller Denker. Und er war ein aufmerksamer Zuhörer", erinnert sich eine FDP-Frau. Sie lernte den Jungliberalen kennen, als er zusammen mit anderen die "außerparlamentarische Opposition" in Hannover organisierte. Die FDP wollte zurück in den Landtag.

Es gelang. Im Sog des Erfolgs schwamm Rösler nach oben: Mit 27 FDP-General in Hannover, 2003 im Landtag, Fraktionschef, 2006 Landeschef, 2009 Wirtschaftsminister und Vize-Regierungschef hinter Christian Wulff. Und jetzt ist er in Berlin angekommen.

Für seine alten Weggefährten ist dieser Schritt nicht der Logik einer Karrieristen-Laufbahn entsprungen. Dafür spricht, dass der Vater von Zwillingen selbst überrascht wurde vom Ruf der Kanzlerin. Er zögerte und ist "erst einmal nach Hannover gefahren, um mich mit meiner Frau zu besprechen". Und Rösler hat in einem Interview bereits über das Ende seiner politischen Laufbahn sinniert. So etwas tut ein Karrierist nicht. Vielleicht ist diese Selbstfesselung auch aus der Erkenntnis eines gelernten Arztes geboren, dass ein Minister im Lobbyisten-Dschungel Gesundheitssystem eine geringe Halbwertzeit haben kann.

Einen Vorgeschmack bekam Rösler während seiner ersten Bundestagsrede, bei der ihn die Opposition hart attackierte. SPD-Fraktionsvize Elke Ferner rief ihm entgegen: "Sie sind ein Sicherheitsrisiko für unseren Sozialstaat! Sie entsolidarisieren unsere Gesellschaft! Sie werden unser System ruinieren!"

Der Minister konterte gelassen, schlagfertig und in freier Rede. "Ich habe einmal angefangen, Medizin zu studieren, weil ich eigentlich mit Menschen zu tun haben wollte." Nach dem Studium habe er dann erkennen müssen, "dass Qualitätssicherungsbögen und Arbeitsdokumentationen wichtiger sind als die Arbeit mit Menschen". Deshalb sei er in die Politik gegangen - "um Bürokratie zu beenden und endlich mehr Zeit für Menschen zu schaffen". Sein Fazit: "Es gibt in Deutschland kein System, das regulierter ist und mehr mit Bürokratie belastet ist als das Gesundheitssystem. Das soll anders werden." Hehre Ziele.

Nächstes Jahr kann Rösler nicht mehr nur reden. Seine Schonzeit wird schnell enden. Dann muss er auf einen anderen Charakterzug setzen, den er sich in seiner Jugend aneignete: seine Standfestigkeit. Zusammen mit seinem Vater, der den vietnamesischen Waisenjungen im Alter von neun Monaten adoptiert hatte, stand er vor dem Spiegel und beide betrachteten Augen und Nasen. Rösler verstand die Botschaft seines Vaters: Wir sind unterschiedlich, aber du bist mein Sohn. Heute ist der FDP-Politiker Norddeutscher von Herzen, liebt Butterbrot mit Nordseekrabben, seine 12 Monate alten Zwillinge heißen Grietje Marie und Gesche Helen.

"Sturmfest und erdverwachsen": Die Eigenschaften aus dem Lied der Niedersachsen hat Rösler verinnerlicht. Er wird sie brauchen im Kampf mit den Gesundheitslobbyisten. Aufmerksam wird Philipp Rösler beobachten, wie sein Kabinettskollege Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in der Kundus-Affäre um sein politisches Überleben kämpft. Als Guttenberg am 10. Februar das Amt des Wirtschaftsministers in der Großen Koalition antrat, galt er für viele als großer Hoffnungsträger. Einige handelten ihn gar als künftigen Kanzler. Zehn Monate später steht Guttenberg am Abgrund. (Von Christian Kunst)

RZO