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Interview: Oberster Mediziner fordert eine Milliardenspritze

Im Durchschnitt verdienen Ärzte 76 000 Euro pro Jahr. Viele konnten im Vergleich zu 2008 ein Honorarplus verbuchen.

Dennoch fordern Sie, dass Patienten nur noch nach dem Grad ihrer Erkrankung behandelt werden. Wie passt das zusammen?.

Beides hat nichts miteinander zu tun. Die vorrangige Behandlung bestimmter Patienten ist eine Konsequenz daraus, dass wir nur circa 6,5 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für die gesetzlich Krankenversicherten ausgeben, während Länder wie Großbritannien, Finnland, Schweden oder die Niederlande etwa 9 Prozent und mehr investieren. In Deutschland fehlt uns das Geld, um eine gute Versorgung dauerhaft sicherzustellen. Das kann nur zum Teil durch privat versicherte Patienten kompensiert werden. Aber selbst das reicht nicht aus, um den Stand an medizinischer Qualität aufrechtzuerhalten, den wir gewohnt sind.

Aber Teil des Gesundheitssystems sind auch die Ärzte.

Ja. Die niedergelassenen Ärzte bekamen noch in den 80er- und 90er-Jahren 22 Prozent des Volumens, das die gesetzliche Krankenversicherung für die medizinische Versorgung zur Verfügung hat. Heute sind es nur noch 15 Prozent.

Also fehlt den Ärzten Geld?

Ja, zur Behandlung der Patienten , für das Praxispersonal und für dringend notwendige Investitionen. Es muss finanziell gegengesteuert werden. Dass dies in Zeiten der Krise besonders schwierig ist, wissen wir auch.

Wie viel Geld muss ins Gesundheitssystem fließen, damit eine Rationierung medizinischer Leistungen abgewendet werden kann?

Ich glaube nicht, dass wir mittelfristig eine Priorisierung bei den Behandlungen vermeiden können. Die Mittel werden immer knapper, weil die Bevölkerung älter wird und einen höheren medizinischen Bedarf hat. Und es wird weiterhin einen medizinischen Fortschritt geben, der kostenintensiv ist. Deswegen werden wir am Thema Priorisierung angesichts begrenzter Finanzmittel nicht vorbeikommen.

Wie sieht Ihr Zukunftsmodell aus?

Derzeit haben wir eine heimliche Rationierung. Es wird gespart. Dies wirkt sich negativ auf die Qualität medizinischer Leistungen aus - wenn etwa überfordertes oder zu wenig Personal im Einsatz ist. Wenn wir schon Mangel haben, ist es doch sinnvoller, wenn wir eine Rangfolge der Behandlungsnotwendigkeiten aufstellen.

Was bedeutet das für die Patienten?

Ein Mensch, der in Not ist und lebensgefährlich krank ist, der starke Schmerzen hat, muss sofort behandelt werden. Wenn jemand mit ernst zu nehmenden, aber nicht akuten Problemen wie einer Verschleißkrankheit an der Hüfte oder am Knie zum Arzt kommt, dann muss entschieden werden, ob er sofort behandelt werden muss oder ob man ihn auch nachrangig behandeln kann. Und dann gibt es auf einer dritten Stufe Menschen, die zwar Beschwerden haben, mit denen sie aber selbst fertig werden können. Dazu gehören Wunschleistungen wie Schönheitsoperationen. Diese verzichtbaren Dinge können von der Gemeinschaft der gesetzlich Versicherten nur noch in begründeten Ausnahmen, ansonsten aber nicht mehr aufgefangen werden. Wir wollen, dass mit den begrenzten Mitteln zunächst die Schwerkranken behandelt werden.

Dies fördert aber doch eine Zwei-Klassen-Medizin?

Nein. Dieses System ist unabhängig vom Einkommen, vom Alter und richtet sich nur nach medizinischer Behandlungsbedürftigkeit.

Aber privat Versicherte können sich auch künftig alles leisten?

Solange Ärzte mit einer privaten Versicherung nicht bestimmte Leistungsausschlüsse vertraglich vereinbaren, genießen die dort Versicherten das volle Behandlungsspektrum. Gesetzliche Kassen haben aber schon jetzt Leistungseinschränkungen.

Aber die Unterschiede würden sich verschärfen?

Ja, jedenfalls solange die Politik kein Einsehen hat. Viele Patienten schließen jetzt schon eine Zusatzversicherung ab. Dass einige dies nicht bezahlen können, ist mehr als bedauerlich. Deshalb kämpfen wir dafür, dass Menschen in einer Notsituation oder mit chronischen Krankheiten keine Nachteile haben - allenfalls bei Komfortleistungen.

Viele gesetzlich Versicherte zahlen so viel wie nie zuvor. Warum sollten sie auf Leistungen verzichten oder extra dafür bezahlen?

Weil die Finanzausstattung unseres Gesundheitssystems zu gering ist. Holland hat zum Beispiel ein total privatisiertes System. Es gibt Prämienstufen, die mit bestimmten Leistungen verbunden sind. Wer sich nur für die Grundsicherung entscheidet, zahlt eine niedrige Prämie, bekommt aber auch nur eine niedrige Gegenleistung. Andere Systeme sind rein steuerfinanziert.

Unterm Strich müssen sich die Bürger also auf deutlich höhere Kosten für ihre Gesundheit einstellen?

Ja, über Beiträge oder Steuern. Das liegt einfach daran, dass die Leistungen teurer werden und mehr in Anspruch genommen werden - und nicht daran, dass die Ärzte mehr Geld haben möchten.

Der Ärztetag in Mainz ist der letzte vor der Bundestagwahl. Was fordern Sie von einer neuen Regierung?

Wir werden unsere Vorstellungen von einem guten Gesundheitssystem in einer Entschließung darstellen. Eine Wahlaussage treffen wir nicht. Wir machen keine Parteipolitik. Wir wollen nicht, dass die Politiker weiterhin bei begrenzten Mitteln unbegrenzt Leistungen versprechen. Die Parteien müssen endlich Farbe bekennen. Wenn wir im System der gesetzlichen Krankenversicherung 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wie in Schweden veranschlagen würden, dann kämen wir damit erst einmal zurecht.

Das Gespräch führte Christian Kunst

RZO