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Suter hält Minarett-Entscheidung für gefährlich

Berlin Die meiste Zeit des Jahres kehrt er seiner Schweizer Heimat den Rücken.

Schriftsteller Martin Suter (61) lebt hauptsächlich auf Ibiza und in Guatemala.

Seine Romane kreisen trotzdem immer um die Schweiz - auch aus Faulheit, weil er dann weniger recherchieren müsse, wie Suter der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin erzählte. Am 17. Dezember kommt die Verfilmung seines Romans «Lila, Lila» in die Kinos. Die Handlung hat Regisseur Alain Gsponer von der Schweiz nach Deutschland verlegt. Vielleicht in weiser Voraussicht, denn auf sein Herkunftsland ist Martin Suter zurzeit nicht gut zu sprechen.

Sie sprachen im Spiegel kürzlich vom beschädigten Image der Schweiz. Ist das Ansehen ihres Heimatlandes jetzt nach dem Volksentscheid gegen den Bau neuer Minarette noch mehr angeknackst?

Suter: «Oh ja. Es ist kein Geheimnis , dass ich - wie sehr viele Schweizer - entsetzt bin darüber. Es ist eine sehr gefährliche Entscheidung, die da getroffen wurde. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich das Ergebnis erfahren habe. Wir alle, die wir gegen den Volksentscheid waren, haben das zu wenig ernst genommen, haben das unterschätzt, wie manipulierbar die Stimmbürger sind. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Ausländer in der Schweiz sich schlecht integrieren, dass da Parallelgesellschaften entstehen. Aber mit Arbeitslosigkeit und mit Krise überhaupt kann man Stimmung machen. Und es gibt halt Parteien, vor allem eine, die schamlos diese Dinge ausnutzen. Jetzt sagt die Regierung, der Entscheid widerspreche der Religionsfreiheit und die Forderung sei eigentlich gar nicht legal. Wenn das wirklich so ist, ist das eine Katastrophe, wenn man das erst jetzt sagt. Man muss so etwas natürlich vorher abchecken, bevor man es zulässt.»

Sie leben in Guatemala, auf Ibiza und in der Schweiz. Wo schreibt es sich am besten?

Suter: «In Guatemala habe ich am meisten Ruhe, kann ich mich am meisten auf das Schreiben konzentrieren. Es gibt dort keine Ablenkungen. Wir haben jemanden, der für uns kocht und einkauft. Das ist auf Ibiza meine Arbeit, und die ist doch sehr zeitaufwendig. Wir leben in Guatemala am Rande eines Dorfes. Da ist viel Natur, ein großer tropischer Garten, mit etwas Kaffee und Bananen, Avocados, Mangos und Papayas, es ist tropisch. Meine Romane spielen aber trotzdem alle in der Schweiz. Das ist das, was ich am besten kenne und mir am besten vorstellen kann. Es ist auch Faulheit: Man muss ein bisschen weniger recherchieren.»

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer hat Ihren Roman «Lila, Lila» verfilmt. Haben Sie in den Produktionsprozess eingegriffen?

Suter: «Alain Gsponer und ich haben telefoniert und mir wurden die Drehbuchversionen geschickt. Ich habe auch meine Meinung gesagt, sofern sie erwünscht war. Aber ich beeinflusse dann die Herstellung des Films nicht mehr. Mein Einfluss geht bis zur Auswahl der Produktion und manchmal auch der Regie. Wenn die Produktion und das Team stehen, sollte der Autor nicht mehr reinreden. Ich war auch nicht am Set. Nicht aus Desinteresse, sondern weil wir in Guatemala und auf Ibiza wohnen, und da ist es nicht so einfach, mal eben schnell nach Berlin oder Leipzig zu fliegen.»

Ihre Figur David Kern, im Film gespielt von Daniel Brühl, gibt den Roman eines anderen für seinen eigenen aus, um eine Frau zu beeindrucken. Ist Lügen in der Liebe legitim?

Suter: «Ich würde schon sagen , manchmal ist eine Lüge in der Liebe rücksichtsvoller als die Wahrheit. Zum Beispiel hilft nicht immer schonungslose Offenheit, wenn es um Dinge geht, die einem an dem anderen auf die Nerven gehen. Oder wenn man findet "Heute siehst du aber nicht so toll aus". Da ist es viel geschickter für die Beziehung, zu sagen "Du siehst wieder hinreißend aus". Ich bin kein grundsätzlicher Lügner, aber wenn es der Harmonie dient, dann bin ich ab und zu einer.»

Wie kommen Ihnen die Ideen für Ihre Romane? Gibt es Situationen, die Sie inspirieren?

Suter: «Dieser Prozess ist so schwer zu erklären. Mir kommen die Ideen nicht einfach so beim Essen oder beim Spazieren. Ich muss mich hinsetzen und eine Idee haben wollen. Es ist sehr selten, dass mich eine Idee anfliegt oder dass ich etwas sehe oder höre, das mich inspiriert. Eigentlich ist es Arbeit. Ich starre in die Luft oder auf den Bildschirm und warte, bis mir etwas einfällt. Ich habe auch so eine Privattechnik, dass ich meine Überlegungen aufschreibe, fast einen Dialog mit mir selbst führe: Was könnte ich jetzt machen, was könnte ich jetzt aufschreiben?»

Was machen Sie lieber: Menschen beschreiben oder Landschaften?

Suter: «Lieber Landschaften. Menschen beschreiben ist schwierig. Eine Landschaft kann ich in einem Absatz beschreiben, einen Menschen nicht. Mir gefällt es, wenn die Figuren in den Romanen mit der Zeit Gestalt annehmen, indem ich da mal wieder eine Eigenschaft, dort mal wieder eine Äußerlichkeit erwähne, so dass sich die Figur mit der Zeit zusammensetzt. Der Versuch, eine Figur in einem Absatz oder auf einer Seite zu beschreiben, scheitert meistens, man kann sich nichts mehr vorstellen. Man merkt zwar, dass der Autor diese Figur genau vor sich sieht, aber wenn er dann die Sorgenfalte über der Nase zu genau beschreibt, dann passiert das Gegenteil - es wird zu beliebig.»

Interview: Christine Cornelius, dpa

dpa-infocom